19.09.2019 | 07:30 Uhr Mindestens 100.000 Betroffene: Wochenkinder in der DDR

Die Kinderbetreuung in der DDR wird in der Rückschau oft gelobt. Keinen Kindergarten- oder Krippenplatz zu finden, war undenkbar. Aber es gab auch Kinder-Betreuungssysteme, die ziemlich unbekannt und umstritten sind - die Wochenkrippen und Wochenheime. Kinder konnten am Montagmorgen abgegeben und am Freitag oder Sonnabend wieder abgeholt werden. Damit sollten vor allem Mütter entlastet werden, damit sie sich beruflich entwickeln können. Heute unvorstellbar. Heike Liebsch aus Dresden war selbst betroffen und hat zu den psychischen Folgen bei Wochenkindern geforscht.

Warum haben Mütter ihre Kinder in die Wochenkrippe gegeben und was hat das mit den Müttern gemacht?

Für viele Mütter war das sehr problematisch. Teilweise sind sie unter Druck gesetzt worden, damit sie ihr Studium beenden oder ihren Arbeitsplatz halten können. Wir haben selten einen Fall gefunden, wo die Eltern unter Zwang ihr Kind abgeben mussten.

Gab es Mütter, die das verweigert haben, ihr Kind abzugeben?

Ja, die gab es. Auch unter der Maßgabe, dass sie damit ihren Arbeitsplatz, zumindest in der Zeit verlieren, oder das Studium nicht beenden können.

"Wochenkinder in der DDR" - am 20.09.2019 Thema im MDR SACHSENSPIEGEL Wer den Vortrag "Wochenkinder in der DDR am Beispiel von Dresden" von Heike Liebsch am 19. September im Dresdner Stadtarchiv verpasst hat, sollte am Freitagabend den MDR SACHSENSPIEGEL, 19 Uhr, im MDR FERNSEHEN nicht verpassen.

Was hat das mit Kindern gemacht, die in einer Wochenkrippe waren?

Das wirkt sich bis ins späte Erwachsenenalter aus. Nicht bei allen. Es gibt auch Menschen, die sehr stabil damit umgehen können und keine Folgen haben. Es gibt aber eine ganze Reihe Kinder, die sich bei uns melden. In der Regel bricht das Kompensationssystem, so nennt man das psychologisch, ab dem 40. oder 50. Lebensjahr zusammen. Das ist auch die Zeit, wo sich die meisten psychologische Hilfe suchen.

Warum in dem Alter, ab 40 oder 50?

Das hängt damit zusammen, dass wir als Kinder Strategien lernen, mit bestimmten Situationen umzugehen und diese Strategien sind häufig bei den Wochenkindern Leistungsstreben, Autarkie, also sehr selbstaktiv zu sein. Und das funktioniert nicht mehr, wenn der Körper langsam nachlässt. Dass ist auch aus der Traumaforschung bekannt, das dort dieses Zugangsalter herrscht. Wenn man Glück hat, wird dann herausgefunden, dass es in der Zeit damals seine Ursachen hat. Dann kann man an diesem Bindungsproblem arbeiten.

Wie viele Kinder waren das damals? Wie viele Betroffene gibt es heute?

Babys in einer Kinderkrippe, 1971
Von Montag bis Freitag weg von den Eltern: In der DDR gab es Säuglinge, die in Wochenkrippen betreut wurden. Bildrechte: dpa

Wir haben statistische Hochrechnungen von den Plätzen gemacht. Die höchste Zahl der Plätze in der DDR waren knapp 40.000, allerdings nicht über die gesamte Zeit. Hochgerechnet auf die Platzzahlen, die es insgesamt gab, sind wir von einer Mindestgröße von 100.000 betroffenen Kindern ausgegangen. Wahrscheinlich ist die Zahl aber deutlich höher - um die 600.000. In Dresden sind mindestens 10.000 Kinder in Wochenkrippen betreut worden, aber auch hier vermuten wir, dass die Zahl deutlich höher lag, bei 30.000.

Wie sind Sie auf das Thema gekommen?

Ich war selbst vier Jahre in so einer Einrichtung. Bei mir war es der klassische Zusammenbruch ab 50. Ich habe dann gemerkt, dass es eine sehr frühe Geschichte gab, die damit eine Rolle spielt.

Wie haben Sie für sich die Vergangenheit aufgearbeitet?

Das Wichtigste war es, eine sinnvolle Aufgabe zu finden. Dass ist auch bei Depressionen sehr hilfreich. Bei mir ist es die Forschung zu dem Thema und das Erleben und der Umgang mit den Wochenkindern - das ist für mich sehr festigend. Auch das Durchschauen des Systems damals.

Haben Sie mit Ihrer Mutter darüber gesprochen und können Sie ihr verzeihen?

Ich konnte mit meiner Mutter, sozusagen betreut, darüber reden. Und ich verstehe es heute. Sie war damals in einer großen Notlage. Sie musste ihren Dienst verrichten. Mein Vater war im Schichtbetrieb tätig. Die Wohnungssituation war ausgesprochen schlimm. Wir wohnten damals mit drei anderen Familien in einer Wohnung in Dresden. Die Versorgungssituation Anfang der 1960er-Jahre war damals in der DDR sehr eingeschränkt und all das hat dazu beigetragen, dass sie die Entscheidung getroffen haben.

Das Wichtigste bei all dem war, dass die DDR die Wochenkrippe als ein wunderbares Kinderbetreuungssystem propagiert hat und das ist von den Eltern kaum in Frage gestellt worden.

Heike Liebsch | Historikerin

Wie steht Ihre Mutter heute dazu?

Sie erklärt es immer wieder und entschuldigt sich. Es verletzt sie sehr. Es fällt ihr schwer, mit mir darüber zu sprechen, was dadurch mit mir passiert ist. Das wehrt sie ab und ich kann das auch verstehen.

Wurden die Kinder in den Heimen pädagogisch betreut?

Es herrschte ein ganz eigenes Erziehungskonzept, auch wenn das niemand hören will. Aber es wirkte noch das Prinzip der Härte nach der Zeit des Nationalsozialismus. Das heißt, Kinder sind defizitäre Wesen, die müssen erzogen werden. Sie müssen gezwungen werden, zu begreifen, dass sie nachts nichts essen wollen. Sie müssen gezwungen werden, zu begreifen, dass sie pünktlich auf den Topf gehen.

Wie lief ein Tag in der Wochenkrippe ab?

Alte Schwarzweißaufnahme: Kinderkrippe
Ein Tag in der Wochenkrippe lief nach festgelegten Strukturen ab. Bildrechte: DRA/Aktuelle Kamera

Die Betreuung in der Gesamttageszeit war sehr strukturiert. Neun Monate alte Kinder hatten 16 Stunden zu schlafen. Das war festgelegt. 1,45 Stunden war Spielzeit. Diese Spielzeit war wenig betreut und in der Regel selbstgesteuert. Es wurde Plastikspielzeug dazugelegt. Damit durften sich die Kinder beschäftigen. So war das Erziehungskonzept dieser Zeit. Das hat sich im Laufe der 1970er- und 1980er-Jahre deutlich geändert. 1985 durften die Kinder ein eigenes Spielzeug mitbringen. Es gab dann auch eine Eingewöhnungszeit für die Kinder, aber eben erst später.

Hatten Sie eine Bezugsperson damals? Können Sie sich erinnern?

An die Zeit selbst kann ich mich nicht erinnern. Aber wir wissen durch Gespräche mit Interviewpartnern, dass es Erzieherinnen gegeben hat, das steht sogar in der Fachliteratur, die sich Lieblingskinder ausgesucht haben und das hat den Kindern sehr geholfen. Diese Beziehung mit der Familie hat zum Teil gehalten, manchmal bis zum Lebensende der Erzieherinnen. Auch das hat es gegeben. Vor allem bei kinderlosen Erzieherinnen.

Die Wochenkrippe im DDR-Fernsehen

Kinder des Ostens: Meine Eltern 5 min
Bildrechte: Deutsches Rundfunkarchiv

Quelle: MDR/in

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 19.09.2019 | 5-10 Uhr

17 Kommentare

Maik1974 vor 10 Wochen

Werte Frau Liebsch, der Beitrag "Wochenkinder..." zirkulierte bei mir im Familienchat und er hat mich aufgewühlt. Typischerweise habe ich mich bei der Diskussion herausgehalten und meine Gedanken zurückgehalten. Gerade die von Ihnen angeführten Auswirkungen "Leistungsstreben" und "Autarkie" haben mich hellhörig gemacht. Die Bindung zu meiner Mutter ist bewusst sachlich. Ich mache ihr heute keinen Vorwurf mehr, weil ich ihre damaligen Beweggründe verstanden habe. Wie auch scheinbar einige Kommentatoren, fühlte sich meine Mutter bei der Auseinandersetzung mit den Ursachen und Auswirkungen zu dem Thema angegriffen. Dabei geht es nicht um Schuld und Unrecht, sondern um Aufarbeitung. Dass es Leute gibt, die Ihnen diese Möglichkeit absprechen wollen, weil Sie als Zeuge ihrer frühkindlichen Biografie nicht auftreten können, finde ich absurd und lächerlich.

sophie3.10 vor 11 Wochen

Seit ich denken kann habe ich Träume aber auch Albträume mit vielen Kindern u. fremden Frauen, die sich an einem Ort mit einem dreiseitigen Gebäude befinden, einem großen Hof und einer Art Brunnen in der Mitte. Ganz besonders hat sich ein Theaterstück eingebrannt, bei dem meine Mutter der siebte Zwerg war und eine andere Mama das Schneewittchen. Dessen Sohn weinte bitterlich neben mir als sie vermeintlich starb. Ich habe als Kind keine wirkliche Bindung zu meiner Mutter gehabt und war der Überzeugung das ich adoptiert bin. Bei der Suche nach Beweisen fand ich die rote Zipfelmütze und da erfuhr ich dann von der Wochenkrippe. Letztes Jahr bin ich mit meiner Mutter zu dem Ort gefahren wo die Wochenkrippe war. Es war der Ort aus meinen Träumen. In vielen Gesprächen redeten wir über uns und wie das damals war. Sie bereut es und würde es nicht noch einmal so machen. Ich bin jetzt 33 Jahre und wir sind eng verbunden, als Freundinnen. Wir sind der Meinung jede Zeit hat gute u. schlechte Seiten

Linda vor 11 Wochen

Liebe Jutta, ich finde Ihre Schilderung sehr sehr traurig... Ich hoffe, Sie und Ihre Mutter konnten zumindest darüber reden bzw. sich aussprechen... Ich bewundere Ihre Großeltern, dass sie Ihnen ein neues Zuhause geben konnten.