04.12.2019 | 17:11 Uhr Gemeinschaftsschule in Sachsen kann kommen - Kompromiss ohne Verlierer?

In Sachsen soll ein längeres gemeinsames Lernen auch über die Klasse 4 hinaus möglich werden. Nach wochenlangen Verhandlungen haben sich darauf die potentiellen Kenia-Koalitionäre geeinigt. Der erzielte Kompromiss von CDU, Grünen und SPD erlaubt die Gründung von Gemeinschaftsschulen in Sachsen aber nur unter bestimmten Voraussetzungen.

von Daniel Schrödel

So könnte der Unterricht in einer Gemeinschaftsschule in Sachsen aussehen: Auch nach der Grundschule sitzen alle Schüler zusammen im Klassenzimmer. Die Schüler werden jeweils nach ihrem eigenen Niveau unterrichtet – also binnendifferenziert. Bedeutet: Die Lehrer bereiten die Schüler jeweils auf ihren Haupt-, Real- oder Gymnasialabschluss in derselben Klasse vor. Allerdings sind laut Koalitionsvertrag auch andere Konzepte der Gemeinschaftsschule denkbar. Zum Beispiel lediglich ein gemeinsamer Unterricht in den Kernfächern.

Keine Bildungsempfehlung

Fest steht: Die Gemeinschaftsschule soll in der Regel die Klassen 1 bis 12 umfassen. Der Zusammenschluss mit einer Grundschule ist aber nicht zwingend erforderlich. Stattdessen reicht eine Zusammenarbeit aus. In der Praxis sind damit auch Gemeinschaftsschulen von Klasse 5 bis 12 möglich. Eine Bildungsempfehlung gibt es nicht.

Referendar in seiner Klasse
Alle in einer Schule zusammen - die Gemeinschaftsschule soll in Sachsen per Gesetz als neue Schulform erlaubt werden. (Symbolbild) Bildrechte: MDR/Maria Selchow

Gemeinschaftsschule muss vierzügig sein

Wichtiges Detail: Der Koalitionsvertrag sieht ab der 5. Klasse mindestens eine vierzügige Gemeinschaftsschule vor – der bereits eingebrachte Volksantrag zur Gemeinschaftsschule hingegen hätte auch zwei Klassen pro Jahrgangsstufe erlaubt. Dennoch sieht die bildungspolitische Sprecherin der SPD-Landtagsfraktion Sabine Friedel darin einen "guten" Kompromiss.

Sabine Friedel (SPD)
Sabine Friedel (SPD) Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Weil es eben nicht darum geht, zusätzliche Hürden aufzubauen oder die Gründung von Gemeinschaftsschulen zu erschweren.

Sabine Friedel bildungspolitische Sprecherin der SPD-Landtagsfraktion

Für die CDU sei es wichtig gewesen die gymnasiale Oberstufe an Gemeinschaftsschulen möglichst groß zu halten, um viele Kurse dort anbieten zu können. Das sei fachlich nachvollziehbar, sagte Friedel.

Konsequenzen der Vierzügigkeit

Die Vierzügigkeit bedeutet aber in der Praxis: Gemeinschaftsschulen können sich nicht überall in Sachsen gründen. Möglich ist das nur dort, wo ausreichend Schüler leben, also eher in den Groß- und Mittelstädten. Damit im ländlichen Raum längeres gemeinsames Lernen auch ansatzweise möglich wird, sollen sich dort maximal zweizügige Oberschulen ein besonderes pädagogisches Profil geben können. Dieses Format nennt sich "Oberschule Plus".

Die Sachsen-Union hatte die Gemeinschaftsschule bislang als Schulform abgelehnt – anders als Grüne und Sozialdemokraten. Mit dem Kompromiss kann CDU-Verhandler und Kultusminister Christian Piwarz dennoch leben:

Christian Piwarz
Bildrechte: dpa

Wichtig ist uns, dass die etablierten Schulen, sächsische Oberschulen, Grundschulen und Gymnasien in ihrem Bestand unangetastet bleiben, dass sie weiter ihre gute Arbeit machen und das können wir mit diesem Koalitionsvertrag gewährleisten.

Christian Piwarz

Zustimmung vor Ort zählt

Damit eine Gemeinschaftsschule überhaupt gegründet werden darf, muss erst das Lehrerkollegium zustimmen, danach die sogenannte Schulkonferenz. In dem Gremium sind Lehrer-, Schüler- und Elternvertreter - zudem der Schulträger, also meist die Kommune.

Kritik vom Sächsischen Lehrerverband

Trotz aller Vorgaben sieht der Sächsische Lehrerverband die Gründung von Gemeinschaftsschulen weiterhin kritisch. Der Landesvorsitzende der Gewerkschaft Jens Weichelt sagt:

Jens Weichelt
Bildrechte: dpa

Wenn hier eine Schule mit über tausend Schülern entsteht, können umliegende Schulen eines anderen Schulträgers Gefahr laufen, zu wenig Schüler zu haben und damit im Bestand gefährdet sein.

Jens Weichelt Landesvorsitzender des Sächsischen Lehrerverbandes

Klassische Oberschulen im ländlichen Raum seien aber nicht gefährdet.

Reaktion vom Bündnis "Gemeinschaftsschule in Sachsen"

Das Bündnis "Gemeinschaftsschule in Sachsen" will den Koalitionsvertrag noch im Detail auswerten. Es hatte über Monate hinweg in Sachsen mehr als 50.000 Unterschriften für den Volksantrag zur Gemeinschaftsschule gesammelt und diesen damit in den Landtag eingebracht. Zum Bündnis gehören unter anderem Linkspartei, SPD und Grüne, aber auch Gewerkschaften und Landeselternrat.

Sprecher Burkhard Naumann unterstützt nicht alle Regelungen im Koalitionsvertrag, dafür aber die Marschrichtung insgesamt: "Für uns ist es ein klarer Erfolg, dass die Gemeinschaftsschule kommt. Das längere gemeinsame Lernen in Sachsen kommt und das ist natürlich für uns schon eine große Sache, dass ein Volksantrag nach endlich zehn Jahren jetzt mal wieder erfolgreich ist und das mit dem schönen Thema auch noch."

Sollte eine Kenia-Koalition tatsächlich zustande kommen, soll bis Mitte nächsten Jahres die Gemeinschaftsschule in Sachsen per Gesetz als neue Schulform erlaubt werden.

Quelle: MDR/ Bearbeitung: kt

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN
MDR SACHSENSPIEGEL | 04.12.2019 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 04. Dezember 2019, 17:11 Uhr

4 Kommentare

der_Silvio vor 5 Tagen

"Die Schüler werden jeweils nach ihrem eigenen Niveau unterrichtet – also binnendifferenziert."
(Quelle: MDR-Artikel siehe oben)
Wie soll das in der täglichen Schulpraxis funktionieren?!?
Die Lehrer sind teilweise doch jetzt schon überfordert!
Hier werden Experimente zu Lasten der Kinder und der Schulbildung gemacht!

Peter vor 6 Tagen

Zitat aus dem Beitrag: "Damit eine Gemeinschaftsschule überhaupt gegründet werden darf, muss erst das Lehrerkollegium zustimmen, danach die sogenannte Schulkonferenz. In dem Gremium sind Lehrer-, Schüler- und Elternvertreter - zudem der Schulträger, also meist die Kommune."
Eine größere Einbeziehung Beteiligter ist wohl kaum möglich.

Leonardi vor 6 Tagen

Unser Leben ist leider so kurz,
und wir haben meistenteils ein so sehr kurzes Gedächtnis,
dass wir uns nur über das Auserlesenste unterrichten lassen sollten.
Dummheit macht hier Schule. Ganz offiziell.

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