03.11.2019 | 09:00 Uhr Generation '89 – Ein Leben für die Freiheit

Wer 1989 im Osten geboren wurde, kam zwar noch in der DDR zur Welt, hatte mit dem untergehenden Land aber eigentlich nichts mehr zu tun. Trotzdem prägte es auch den Lebensweg der jungen Generation. MDR SACHSEN-Hörerin Annika Lüdke erinnert sich noch genau daran, wie ihre Familiengeschichte sie beeinflusst hat.

von Stephan Hönigschmid

Im September 2018 traf Annika Lüdke bei der Gala des Atlantic Councils Christine Lagarde.
Im September 2018 traf Annika Lüdke bei einer Gala die neue EZB-Chefin Christine Lagarde. Bildrechte: Annika Lüdke

Obwohl Annika Lüdke den real rexistierenden Sozialismus der DDR nicht mehr bewusst mitbekommen hat, war er in ihrer Kindheit und Jugend oft ein Thema. "In der Familie haben wir viel über die DDR gesprochen. Von meiner Mutter weiß ich, dass sie gern Dolmetscherin geworden wäre, dies aber in der DDR nicht durfte. Meine Oma wiederum wollte in jungen Jahren einen Friseursalon in Köln aufmachen, musste dann aber wegen der Mauer in der DDR bleiben", sagt die 30-Jährige. 

Seit der Kindheit von den USA geträumt

Bei ihr selbst führten diese Erzählungen zu einer besonders ausgeprägten Freiheitsliebe. "Ich bin sehr heimatverbunden, dennoch wollte ich immer hinaus in die Welt. Vor allem von den USA habe ich seit meiner Kindheit geträumt", sagt Annika Lüdke. Beim Träumen blieb es nicht. Konsequent setzte sie ihr Vorhaben in die Tat um. "Zum ersten Mal war ich mit 20 als Au-pair in einem kleinen Vorort von New York und habe mich dort ein Jahr um die Kinder meiner Gastfamilie gekümmert." Von Anfang an sei sie von der Vielzahl der Kulturen, die es in den USA gibt, beeindruckt gewesen. Das Jahr verging wie im Flug und für Annika Lüdke stand fest: Irgendwann kehre ich zurück.

 

Stipendium ermöglicht teures Auslandsstudium

Zunächst ging es aber zum Studium. Auch das absolvierte sie international. Im niederländischen Groningen studierte sie auf Englisch Internationale Kommunikation. Nachdem Annika Lüdke 2015 ihren Bachelor in der Tasche hatte, packte sie erneut das Fernweh. Ganz einfach war das aber nicht, denn Studieren ist in den USA richtig teuer und kann schnell mehrere Zehntausend Dollar kosten. "Das ging nur über ein Stipendium der Studienstiftung des deutschen Volkes. Neben sehr guten Noten musste man sich auch gesellschaftlich engagieren. Ich war beispielsweise ehrenamtlich bei der Diakonie als Sängerin auf vielen Veranstaltungen tätig und habe UNO-Projekte an meiner Uni durchgeführt, um eine Chance zu haben."

Mit General Colin Powell bei einem seiner Besuche am City College.
Annika Lüdke mit General Colin Powell bei einem seiner Besuche am City College. Bildrechte: Annika Lüdke

Zwei Jahre Vorbereitungszeit seien notwendig gewesen. Sie habe hart dafür gearbeitet und auch zahllose schlaflose Nächte durchlebt, bis die Zusage des Stipendiums und der Studienplatz einging, sagt die 30-Jährige. Schließlich gelang es und sie konnte ihr Masterstudium am City College, einer der ältesten öffentlichen Unis der USA, beginnen. "Das war eine spannende Zeit. Ich habe nebenbei ein zusätzliches Forschungsstipendium erhalten, im Eventbüro gearbeitet und dort Spenden für die Fakultäten eingeworben." Dabei habe sie interessante Persönlichkeiten wie den früheren US-Außenminister Colin Powell, den japanischen Premierminister Shinzo Abe oder die neue Chefin der Europäischen Zentralbank, Christine Lagarde, kennengelernt.

Begriffe wie Ossi und Wessi sind kein Thema mehr

"Ich wollte in den zwei Jahren sowohl im Studium als auch drumherum so viel wie möglich mitnehmen", sagt Annika Lüdke. 2017 machte sie ihren Masterabschluss und merkte, dass sie eigentlich gar kein Heimweh hat und gern bleiben möchte. Praktischerweise sah das ihre Chefin aus dem Eventbüro genauso und stellte sie in Vollzeit als Projektmanagerin für Stiftungen und Unternehmensspenden ein. Termine wie ein Frühstück mit amerikanischen Kongressabgeordneten oder der Empfang von ausländischen Delegationen gehören nun zu ihrem Alltag. Internationaler geht es kaum. Kein Wunder, dass sie mit Blick auf Deutschland mit Begriffen wie Ossi und Wessi nichts anfangen kann. 

Strukturelle Unterschiede zwischen Ost und West

"Für mich gibt es diesen Unterschied nicht. Ich habe sowohl Freunde im Osten als auch im Westen." Kritisch sehe sie allerdings strukturelle Unterschiede. "Noch immer gibt es in Ostdeutschland nicht das gleiche Gehalt wie im Westen. Außerdem sind nach wie vor viele Führungspositionen im Osten westdeutsch besetzt." Sie wünschte sich daher, dass die jungen, leistungsstarken und kreativen Köpfe der neuen Bundesländer die Möglichkeiten zu nutzen wüssten, die sie auch hatte. 

Mentoren machen den Unterschied

"Manchmal bedarf dies eines Mentors und ich kann mich glücklich schätzen, dass ich ich viele Menschen sowohl in meiner Heimat zu Hause in Deutschland, als auch im Ausland getroffen habe, die mir als Mentor zu meinem jetzigen Weg verholfen haben. Viele Bürger der DDR hatten vielleicht nicht die Chance, über Grenzen zu gehen. Dafür bin ich umso dankbarer, dass ich durch deren Mut und Stärke meine Träume leben darf." 

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | Dienstags direkt | 05.11.2019 | 20:00 bis 23:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 03. November 2019, 09:00 Uhr