Demütigen, isolieren, schlagen Gewalt in der Pflege

Gewalt in der Pflege ist ein brisantes Thema. Offizielle Statistiken gibt es nicht, aber immer wieder Anschuldigungen und Verdachtsfälle. Wir haben nachgefragt, woran man Gewalt in der Pflege erkennt.

Seniorin im Rollstuhl am Fenster eines dunklen Zimmers.
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Gewalt in der Pflege ist ein brisantes Thema, egal von wem sie ausgeht - vom Pflegepersonal, von Angehörigen oder vom Pflegebedürftigen selbst. Der Fokus soll an dieser Stelle auf den Pflegekräften liegen. Es gibt immer wieder Anschuldigungen und Verdachtsfälle. Grundsätzlich sollte der Verdacht immer offen angesprochen werden. Offizielle Statistiken zu Misshandlungen durch Pflegekräfte - ob physisch oder psychisch - gibt es nicht. Das sächsische Sozialministerium erfasst lediglich Beschwerden, die sich vorrangig auf die Pflege- und Betreuungsqualität konzentrieren, aber auch Beschwerden zur Selbstbestimmung und zu freiheitsentziehenden Maßnahmen werden erfasst. So gab es 2015 beispielsweise 13 Beschwerden wegen freiheitsentziehender Maßnahmen. Insgesamt sei die Beschwerdequote aber laut Ministerium sehr gering. 236 Beschwerden gab es demzufolge 2015 sachsenweit.

Viele Fälle bleiben möglicherweise auch im Dunkeln. Viele haben Angst, erklärt Gerichtsmedizinerin Christine Erfurt von der Uniklinik Dresden. Zudem seien die möglichen Opfer auch nicht immer hilfreich, um einen Verdachtsfall zu klären. Viele seien dement und könnten zum Hergang nichts sagen. Erfurt zufolge gibt es auch Pflegebedürftige, die nur behaupten, misshandelt oder geschlagen worden zu sein, um im straffen Pflegealltag des Heims ein bisschen mehr Aufmerksamkeit zu bekommen. Die Gerichtsmedizinerin versucht anhand der Verletzungen Klarheit zu schaffen. Nicht jeder blaue Fleck stammt gleich von einer Misshandlung. Gerade bei altersbedingten Veränderungen der Haut könne schon geringes Anfassen zu Unterblutungen führen.

Woran erkennt man Gewalt gegen Pflegebedürftige? Thomas Opitz ist Hausarzt in Dresden und betreut insgesamt etwa 1.000 Patienten, davon sind 60 Prozent Rentner. Viele sind auch pflegebedürftig. Er erklärt, woran man erkennt, dass ein Pflegebedürftiger misshandelt wurde, was man im Ernstfall tun kann und wie Hausärzte helfen können.

Wie stellen Sie fest, dass ein Pflegebedürftiger Opfer von Gewalt ist?
Zuerst erkenne ich das an atmosphärischen Störungen. Viele Patienten, die pflegebedürftig werden, kenne ich über viele Jahre und plötzlich kommt es zu Verhaltensänderungen. Die Patienten werden verschlossener, sie verändern Mimik und Gestik. Auch die Lebenseinstellung wirkt verändert: Der lebensfrohe Mensch wirkt plötzlich verschlossen und depressiv. Auch Verwahrlosungserscheinungen wie ungewaschene Haare oder Körpergeruch, können auf Misshandlungen hinweisen. Ein weiterer Hinweis wäre, wenn Betreuungspersonen dem Arzt plötzlich nicht von der Seite weichen und Einzelgespräche verhindern.

Sie sprechen das im Verdachtsfall direkt an?
Wenn ich eine Vermutung habe, ist es meiner Meinung nach geradezu essenziell, es anzusprechen. Nur wenn sich der eine oder andere in dieser Situation gesehen fühlt, wird es möglich sein, dass beide Parteien wieder an einem Strang ziehen und eventuell durch zusätzliche Hilfe die Situation wirkungsvoll entlasten können.

Wie reagieren Angehörige, wenn sie dieses Thema anschneiden? Sie fühlen sich ja wahrscheinlich angegriffen.
Oft werden verschiedene umfangreiche Erklärungen abgegeben. Patienten und Betreuungspersonen schämen sich – für die Zustände in der Wohnung und den Zustand der Pflegeperson. Sie schildern komplexe Sachzwänge. Sie gestehen die hohe Belastung gern ein. Es wird mit Zeitmangel und anderen Erklärungen operiert. Das muss man alles verstehen. Die Angehörigen schämen sich genauso wie die Patienten, wenn solche Zustände offenbart werden. Es ist keine einfache Situation für alle Beteiligten.

Es ist also eher eine Erleichterung, wenn Sie es ansprechen?
Ja. Und ich habe den Eindruck, dass Erleichterung ein Moment ist, den man auch nutzen kann. Es ist was zur Sprache gekommen, was offensichtlich ist und was uns alle vor eine gemeinsame Aufgabe stellt. Wenn es gelingt, Hilfe statt Strafe zu bieten, dann kann man sich sicher sein, dass Pflegekräfte wieder ins Boot zu holen sind.

Unterliegen solche Gespräche eigentlich der ärztlichen Schweigepflicht oder müssen sie das anzeigen?
Wir sind als Mediziner an die Schweigepflicht fest gebunden. Und es geht auch nicht darum, jemanden strafrechtlich zu verfolgen, sondern darum, Patienten aufzuklären und zwar darüber, dass, falls mehr passiert ist, eine Anzeige durch die Geschädigten zu stellen ist. Ich kann hier beratend tätig sein. Ich kann Ansprechpartner nennen. Und ich kann auch vermeiden, dass Personen, die sich in irgendwelchen Zwängen befinden von vornherein kriminalisiert werden. Es sei denn, es ergeben sich durch die Tat selbst Momente, die mich im Sinne eines rechtfertigenden Notstandes schon verpflichten würden, Ermittlungsbehörden einzuschalten. Das kann aber nur die letzte Möglichkeit sein und führt meistens nicht zum Ziel in der konkreten Situation.

Wie äußert sich Gewalt in der häuslichen Pflege?
Zum Beispiel kann einem bedürftigen Patienten ein Medikament vorenthalten werden oder Medikamente werden unangemessen angewendet, Schlaf- und Beruhigungsmittel zum Beispiel. Ein Patient kann in seinen hygienischen Bedürfnissen, in seiner Mund-, Gesichts-, Haarpflege beeinträchtigt werden. Patienten werden gedemütigt, dürfen an Gesprächen nicht mehr teilnehmen, werden bloßgestellt, werden beispielsweise auf ihre Inkontinenz angesprochen und Ablehnung wird geäußert. Patienten können auch beleidigt, eingeschüchtert oder bedroht werden.

Darüber hinaus gibt es Dinge, wie einsperren, isolieren oder den Haushalt nicht mehr erledigen, kein Essen mehr bringen, oder das Geld einziehen. Zum Teil werden sogar ungefragt Gelder vom Konto abgehoben. Und schließlich können tätliche Angriffe passieren. Das stellt dann die höchste Eskalationsstufe dar.

Wie können Sie als Hausarzt im Ernstfall konkret helfen.
Ich kann für eine Verbesserung der medizinischen Pflege sorgen. Ich kann Pflegedienste einbinden, Krankenhausaufenthalte einleiten, wenn sie nötig sind. Ich kann helfen, therapeutische Maßnahmen umzusetzen und unter Umständen eine Einweisung in eine geeignete Pflegeeinrichtung erwirken, wenn sich der Konflikt mit dem Pflegepersonal nicht lösen lässt. Ich kann also mit dem Patienten gemeinsam nach neuen Möglichkeiten der Pflege suchen.

Zuletzt aktualisiert: 15. Juni 2018, 09:34 Uhr

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6 Kommentare

11.03.2018 09:45 Sulawu 6

Auch wir haben eine sehr schlechte Erfahrung mit einer Pflegekraft machen müssen. Im häuslichen Bereich unterstützt mich ein Pflegedienst stundenweise bei der med. Pflege meines Sohnes (Kind, Pflegegrad 5).
Dass etwas nicht stimmte, bekomm ich Gott sei Dank nach 5 Wochen mit und nicht nach 5 Monaten. Wir stellten Strafanzeige mit dazugehöriger Videoaufnahme, wo man sehen konnte, dass die Pflegekraft die Medikamente SELBST trank und meinen Sohn vor sich hin krampfen ließ ohne etwas zu unternehmen, ihm auch nichts zu trinken gab. Er hat schwere Epilepsie mit täglichen Anfällen. Ende vom Lied, der Staatsanwalt fand es zwar nicht toll, jedoch kann jeder Mal einen schlechten Tag haben!!! Eine medizinisches Gutachten wäre dem Staat wohl zu teuer gewesen. Nach eigenen Recheren gab es auch bei anderen Arbeitgebern Schwierigkeiten mit dieser Kraft, trotzallem arbeitet sie weiter in der Pflege!!!

10.03.2018 18:43 Mustermann 5

Alle regen sich darüber auf, aber wirklich dagegen etwas tun wollen die Wenigsten.

Ich meine hier konkret die Ursache der Gewalt zu beseitigen. Ursachen die da u.a. wären:

- Pflegepersonalschlüssel anpassen (nach oben)
- gut qualifizierten Personal (fachlich, menschlich u. sozial) heranbilden
- gute Bezahlung bieten
- etc. etc. etc.

Nur reden hilft hier nicht - Oder sollte sich mit dem neuen Minister etwas ändern???

10.03.2018 13:06 Gerd 4

es war doch schon unmöglich mit die 2 Pflegekräfte die einen alten Mann in die heiße Badewanne gesetzt haben und haben ihn alleine gelassen, was ist mit denen passiert ???? der dann gestorben ist was macht man mit solche Pflegekräfte ich weiß es ,
und dieses Pflegeheim besteht immer noch wenn ich wa zu sagen hätte , würde ich dieses gesamte Heim zumachen auch wenn andere davon in mitleidenschaft gezogen werden, dann sollten diese Heimaufsicht besser diese Leute kontrollieren.

10.03.2018 12:46 Mustermann 3

Schade finde ich, dass hier mal wieder nur die Gewalt die von Pflegekräften ausgeht thematisiert wird.
Denn die umgekehrte Situation ( ist mindestens genau so häufig der Fall. Etwas mehr Differenzierung hätte ich mir von den Medien schön gewünscht.

10.03.2018 10:33 Atheist aus Mangel an Beweisen 2

Als meine Mutter in der Tagespflege war hat sie mir erzählt das sie einigermaßen gut behandelt wird weil sie noch geistig Fit war, aber sie hat mir auch ihre Angst mitgeteilt so behandelt zu werden wie die die an Demenz leiden und mitunter angeschrieen werden.
Und so hat sie sich einen Normalen Umgang erkauft weil sie ständig bis zu 20 Geschenke zu Ostern und Weihnachten vom Fahrer bis Pfleger bereitgestellt hat.
Was habe ich mich geschämt als ich meine Mutter im Wohnzimmer mit all den Geschenken sah.

09.03.2018 16:08 Pfingstrose 1

Ich habe selbst in der Pflege gearbeitet und mußte sehen wie bei den Pflegern, die Pflege der Patienten nach dem Geldbeutel des Patienten richtete. Sodass ein Selbstzahler mehr umsorgt wurde als ein Patient der auf Grund seiner kleinen Rente auf das Sozialamt angewiesen war. Dies finde ich natürlich nicht in Ordnung. Aber so ist es in den medizinischen Einrichtungen. Je größer der Geldbeutel, desto besser die Pflege. Dies betrifft nicht nur die Pflegeheime und Kliniken sondern auch die privaten Pflegedienste.

Aus dem Pflegealltag