Bildung GEW-Chefin: "Schulen werden bei Hass und Hetze allein gelassen"

Verbale Gewalt im Netz oder im Klassenzimmer ist längst in den Schulen angekommen. Doch Hass und Hetze gelten dort als Tabu. Sie werden als pädagogisches Versagen betrachtet, erklärt die sächsische GEW-Vorsitzende Ursula Kruse MDR SACHSEN im Interview.

Lehrerin schreibt Klassenregeln an die Tafel
Hass und Hetze in der Schule sind ein Tabuthema. Viele Lehrerinnen und Lehrer fühlen sich bedroht. Bildrechte: imago/photothek

Frau Kruse, immer wieder gibt es Meldungen, dass Schüler und auch Lehrer an Sachsens Schulen bedroht werden. Welche Rolle spielen Hass und Hetze in der Schule?

Das Thema sollte man nicht überbewerten. Man sollte es aber auch nicht so ignorieren, wie man das zurzeit macht. Viele Lehrerinnen und Lehrer fühlen sich bedroht, auch wenn es nur Kleinigkeiten sind. Das belegen viele Untersuchungen. Hass und Hetze sind in der Schule ein ernstzunehmendes und aktuelles Problem.

Können Sie konkreter werden?

Das Klassenzimmer galt einst als pädagogische Einheit in einem geschlossenen Raum. Viele Lehrerinnen und Lehrer fühlen sich bedroht, wenn dieser durch Veröffentlichungen im Netz geöffnet wird. Wenn Schülerinnen und Schüler mitschneiden oder im Internet über Lehrer und Ihr Äußeres diskutieren. Es wurde schon immer über Lehrerinnen und Lehrer gesprochen, doch jetzt findet dies sozusagen mit weltweiter Beteiligung statt.

Die GEW-Landesvorsitzende Ursula-Marlen Kruse
Die GEW-Landesvorsitzende Ursula-Marlen Kruse: Hass und Hetze sind ein Tabu. Bildrechte: dpa

Werden Hass und Hetze in der Schule tabuisiert?

Ich glaube, dass es in der Tat ein großes Tabu gibt. Lehrerinnen und Lehrer fühlen sich allein gelassen. Man ist ja nicht als Schule oder als gesamtes Lehrerkollegium Ziel bei einem entsprechenden Angriff. Im Mittelpunkt steht immer der einzelne Lehrer oder die einzelne Lehrerin. Sie haben meistens den Anspruch, das Problem individuell pädagogisch zu lösen. Die Schulen übrigens auch, jeder will das Problem für sich selbst lösen. Denn Hass und Hetze in der Schule werden als pädagogisches Versagen betrachtet. Erst wenn es eine bestimmte Größenordnung erreicht, kommt es zu Aufmerksamkeit. Lehrerinnen und Lehrer müssten hier viel mehr Unterstützung erfahren.

Unterrichtsstunde bei geöffnetem Fenster
GEW-Vorsitzende Kruse: "Hass, Hetze und Gewalt werden oft als pädagogisches Versagen betrachtet." Bildrechte: dpa

Die Schule gilt als Spiegelbild der Gesellschaft. Wie gehen die Lehrer mit Hate Speech um?

Wir merken, dass die gesellschaftliche Spaltung und auch die Tabubrüche in der Schule ankommen. Bestimmte Sachen waren vor fünf Jahren nicht sagbar und auch berechtigt nicht sagbar. Mittlerweile kann man auf allen möglichen Plätzen alles Mögliche brüllen, ohne dass eine gesellschaftliche Ächtung einsetzt. Das kommt natürlich in den Schulen an. Auf der anderen Seite haben die Schulen hier den Auftrag, genau da entgegenzusteuern und werden – so glaube ich – ein bisschen allein gelassen.

Woran merken sie das das?

Das kommt spätestens bei uns an, wenn die einzelnen Kollegen kommen und Rechtsschutz suchen. Dann ist die Situation aber natürlich schon sehr eskaliert. Doch auch unsere Seminare zum Thema Gewalt an Schulen sind immer stärker nachgefragt und gut besucht. Hier gibt es großen Gesprächsbedarf. Manchmal reicht es schon, dass sich Lehrerinnen und Lehrer austauschen und merken, sie sind nicht allein. Dass sie wahrnehmen, das ist jetzt nicht mein Problem an meiner Schule, sondern das gibt es ganz viel. Was mich wundert ist, dass verstärkt auch kleinere Kinder als Gewaltpotenzial wahrgenommen werden. Das war vor einigen Jahren überhaupt gar nicht so der Fall. Man merkt auch, dass sich die Elternschaft gewandelt hat. Wenn Lehrerinnen und Lehrer mit Eltern Probleme kriegen, werden für viele die Probleme riesig. Auch hier sind die Auseinandersetzungen viel härter geworden.

Gewalt an der Schule ist also ein Problem. Lehrer sind verzweifelt. Was muss passieren, wenn sie sich etwas wünschen könnten?

Ich würde mir wünschen, dass wir überhaupt erst einmal in Erfahrung bringen, wie groß das Problem ist. Das Schulhaus als Tatort existiert momentan überhaupt gar nicht. Wie groß oder gering unsere Sorgen sein müssen, wissen wir momentan gar nicht. Wir haben nur ein Gefühl, das sich da eine ganze Menge geändert hat. Zweitens wünsche ich mir einen offenen Dialog. Der Einzelne darf nicht den Eindruck haben, er hat versagt, wenn ein Schüler oder er selbst im Klassenzimmer oder im Internet bedroht wird. Hier muss wirklich signalisiert werden: Du bist keine Versager, du kannst dir unserer Hilfe sicher sein. Drittens wünsche ich mir an der einen oder anderen Stelle auch wirklich ein klareres Einschreiten der Schulverwaltung – und nicht erst, wenn ein Problem groß geworden ist.

Leeres Klassenzimmer
GEW-Vorsitzende Kruse: "Verstärkt werden kleine Kinder als Gewaltpotenzial wahrgenommen." Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Schulverwaltung duckt sich also ab? Ist hier etwas versäumt worden – auch bei der digitalen Aus- und Weiterbildung?

Ob sich der Freistaat abduckt, weiß ich gar nicht. Aber der Freistaat signalisiert nicht: 'Wir nehmen euer Problem ernst'. Wir sind, glaube ich, alle ein bisschen verunsichert, wie wir mit solchen Hass und Attacken im Netz umgehen. Das betrifft Lehrerinnen und Lehrer. Das betrifft aber auch den Umgang mit Rechtsradikalismus und dem Coronavirus. Zu lernen, wie man auf Hate Speech reagiert, halte ich für dringend erforderlich. Und wir sollten uns an den Schulen viel stärker miteinander solidarisieren und sagen, wenn einem Kollegen etwas passiert, ist das nicht sein oder ihr, sondern unser aller Problem.

Quelle: MDR

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 27.10.2020 | Dienstags direkt | 20 bis 23 Uhr

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