Interview "Aufklärung über Herzinfarkte greift nicht ausreichend"

Alle reden über Corona, doch Herz-Kreislauferkrankungen - darunter auch Herzinfarkte - sind die Todesursache Nummer 1. In Sachsen sterben überdurchschnittlich viele Menschen an einem Herzinfarkt. Warum das so ist und wie Herzinfarktpatienten künftig behandelt werden sollten, darüber sprachen wir mit Erik Bodendieck, Chef der Landesärztekammer in Sachsen.

Präsident der sächsischen Landesärztekammer Erik Bodendieck
Präsident der sächsischen Landesärztekammer Erik Bodendieck sieht mit der aktuellen Finanzierung von Medizin und Pflege Probleme bei der zukünftigen Versorgung aller Patienten. Bildrechte: MDR/Torben Lehning

Die Sterberate nach Herzinfarkten ist in Sachsen überdurchschnittlich hoch. Warum?

Das hat verschiedene Gründe. Einerseits haben viele Sachsen altersbedingt ein erhöhtes Risiko für Herzinfarkte und auch Fettstoffwechselerkrankungen, die wiederum Infarkte begünstigen. Andererseits hat die Aufklärung der Patienten und Patientinnen bislang nicht so ausreichend gegriffen, dass diese frühzeitig zum Arzt gehen. Drittens kann die Symptomatik eines Herzinfarktes ganz unterschiedlich sein. Es ist eben nicht immer der typische Brustschmerz. Menschen können zudem fast unbemerkt stumme Infarkte erleiden. Unbehandelt führen sie bei einem zweiten oder dritten Herzinfarkt zu massiven Auswirkungen.

Die Leiterin der Techniker Krankenkasse Simone Hartmann kritisiert Defizite in der ambulanten Behandlung. Werden Menschen in Sachsen nicht ausreichend versorgt?

Frau Hartmann wirft vor, dass die Diagnostik nicht richtig funktioniert. Das Routine-EKG in der Arztpraxis bringt jedoch gar nichts, wenn der Patient keine Beschwerden hat. Auch der Fahrradhelm-Belastungstest kann mit Fehlern behaftet sein, leider ist die Untersuchungsmethode nicht so valide. Letztlich können wir auch nicht jeden Patienten immer gleich zum Herzkatheter schicken, sie haben auch gewisse Risiken. Dieses multifaktorielle Geschehen führt in Sachsen leider dazu, dass wir eine so hohe Zahl an Herzinfarkten haben.

Das lässt tatsächlich Lücken vermuten. Führt der Ärztemangel im ländlichen Raum in Sachsen zu einer höheren Sterberate?

Das glaube ich nicht. Es gibt keine Beweise, dass hier ein Zusammenhang vorliegt. Ja, wir haben in Sachsen einen Ärztemangel. Und wir sind mit unseren strukturierenden Behandlungsprogrammen schon einmal sehr viel weiter gewesen. Ich verweise hier auf die sächsischen Diabetes-Verträge, die damals noch unter der Regierung Schröder in - aus unserer Sicht - nutzlose Disease-Management-Programme umgewandelt wurden. Nach fast zwanzig Jahren steht noch immer der Beweis aus, dass sie gegenüber den früheren Programmen wirklich helfen.

Deutschlandkarte mit den Standorten aller zertifizierten Herznotfall-Ambulanzen. Je länger aus einer Region die Fahrtzeit zu einer der Ambulanzen ist, umso röter gefärbt ist die Region.
Eine Studie des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung zeigt: Besonders in Ostsachsen und im Erzgebirge ist die Fahrt zur einer Herzanfall-Notfallambulanz weit. Bildrechte: BBSR Bonn 2020

Wie bemerkt man denn einen Herzinfarkt?

Die Anzeichen sind vielseitig. Typisch sind starke Schmerzen in der linken Brust, ein sogenannter Vernichtungsschmerz. Die Patienten fühlen sich, als stehe der Tod bevor. Anzeichen können aber auch Oberbauchschmerzen sein, die als Magenschmerzen missverstanden und deswegen häufig verkannt werden. Das tritt oft auf, wenn die sogenannte Herzhinterwand von einem Infarkt betroffen ist. Doch auch Schmerzen im Unterkiefer oder im Arm können einen Herzinfarkt ankündigen.

Vor allem Diabetiker erleben häufig stumme Herzinfarkte, weil der Diabetes die Versorgung mit Schmerznerven zerstört hat. Stumme Infarkte können sich schon durch Luftnot beim Treppensteigen bemerkbar machen, die Durchblutungsstörungen am Herzen ankündigt.

Wenn die Hausarztpraxis jetzt aber weit weg oder der Hausarzt im Urlaub ist - was dann?

Dann gibt es eine Vertretung. Alle niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte haben dafür zu sorgen, dass sie eine Vertretung haben. Liegt ein lebensbedrohlicher Notfall vor, ist natürlich ein Rettungswagen zu rufen oder mindestens die Notfallambulanz des nächsten Krankenhauses aufzusuchen.

Herzinfarktpatienten sollen künftig vor allem in Spezialkliniken und nicht mehr in Krankenhäusern vor Ort behandelt werden. Kann das gut sein?   

Infarktpatienten müssen an Herzkather-Messplätzen versorgt werden, das ist das übliche Vorgehen einer modernen interventionellen Therapie. Diese Messplätze sind im ganzen Land verteilt, nicht nur in den Herzzentren in Dresden, Leipzig und Chemnitz. Wenn das Krankenhaus vor Ort einen Linksherzkatheter-Messplatz vorhält, können die Patienten natürlich dort versorgt werden. Grundsätzlich gib es die beste Therapie immer dort, wo die meiste Übung und Qualität herrscht.

Verlieren die sowieso schon klammen kommunalen Kliniken nicht noch mehr Einnahmen, wenn solche Behandlungen in Spezialzentren abwandern?

Herzzentrum Leipzig
Neben dem Herzzentrum Leipzig können Menschen in Sachsen auch in den Spezialkliniken Dresden und Chemnitz behandelt werden. Bildrechte: MDR/Lily Meyer

Ja, das ist das Problem unseres schrägen Finanzierungssystems. Es ist fatal, wenn sich alle Kliniken nur durch besondere Behandlungen wirtschaftlich über Wasser halten können. Es ist sehr viel mehr an Gesundheitsversorgung notwendig als alleine die Versorgung von speziellen Krankheitsbildern.

Jeder Patient in Sachsen soll bestmöglich behandelt werden. Für sehr viele Krankheitsbilder braucht es Spezialkliniken - aber eben nicht für alle. Für diese Mischung ist das heutige Finanzierungssystem denkbar ungeeignet. Das ist uns aber bekannt gewesen seit der Diskussion um die Fallpauschalen. Wir haben immer wieder annonciert, dass es genau zu diesen Auswirkungen führen wird, die wir jetzt haben. Leider sind die Fallpauschalen (DRG-System) ungehört und flächendeckend eingeführt und auf deutsche Verhältnisse angepasst worden. Heute haben wir eine völlige Überbürokratisierung. Wir müssen unser Krankenhauswesen überdenken und fragen, wie angemessen die heutige Versorgung ist.

Die Krankenhausfinanzierung muss sich also ändern?

Ja. Die qualitätsgerechte Behandlung der Patienten ist dem Finanzierungssystem immer untergeordnet. Das gilt nicht nur für den medizinischen und pflegerischen Bereich, sondern auch für die Therapie durch Heilberufe wie Ergotherapeuten, Physiotherapeuten und Logopäden und den ambulanten Bereich.

Ist denn absehbar, dass sich an dieser Krankenhausfinanzierung etwas ändert?

Nun ja, die Bundesregierung denkt in der Tat darüber nach, etwas zu ändern. Es soll eine Arbeitsgruppe eingerichtet werden, die sich mit dem Thema beschäftigt. Wir haben diese Arbeitsgruppe im ambulanten Bereich ja schon hinter uns.

Nicht zuletzt wegen des Fachkräftebedarfs in Medizin und Pflege müssen wir darüber nachdenken, ob wir es uns mit der unterschiedlichen und schrägen Bezahlung leisten können, die Verhältnisse weiter zu manifestieren. Tun wir das, verhindern wir, dass eine flächendeckende ambulante und stationäre Versorgung in Deutschland weiter möglich ist.

Anästhesisten bereiten einen Patient auf eine Operation vor
Krankenhäuser möchten gern viele Spezialoperationen haben, weil sie damit am meisten Einnahmen generieren können. Bildrechte: dpa

Wie könnte eine Alternative zum deutschen DRG-System aussehen?

Die Alternative könnte darin bestehen, dass wir unsere Krankenhäuser in einer Mischform zwischen Bettenbelegung und Fallpauschalen finanzieren. Die reinen Fallpauschalen sind an Liegezeiten gekoppelt. Das führt immer wieder zu großem Streit zwischen Krankenkassen und Krankenhäusern. Es gibt mittlerweile auch die Überlegung eines sogenannten Hybrid-DRG. Das sind die ersten Überlegungen. Es wird auch immer Verwerfungen geben. Nur die heutige Auslegung der Fallpauschalen-Finanzierung fördert den Missbrauch. Es führt dazu, dass bestimmte Behandlungen überbewertet und viel zu häufig durchgeführt werden und bei der notwendigen Versorgung auch einfach mal etwas weglassen wird.

Wenn Sie die Behandlung von Herzinfarktpatienten in Spezialkliniken forcieren, fördern Sie doch die Entwicklung, die sie gerade eben angeprangert haben?

Spielzeug-Krankenhausbett steht auf Geldmünzen
Wie kann die Krankenversorgung künftig bezahlt werden? Darüber streiten gerade Ärzte und Politiker. Bildrechte: imago/imagebroker/saurer

Die Qualität der Versorgung steht im Vordergrund. Wir dürfen über die Diskussion der Bezahlung nie vergessen, dass es primär um die gute Versorgung der Patienten und Patientinnen geht. Wenn das Finanzierungssystem im Moment so ist, muss ich sagen: Ja, Sie haben Recht. Es fördert diese Entwicklung der Fehlsteuerung.

Trotzdem gehören Infarktpatienten in spezialisierte Kliniken. Man muss parallel darüber nachdenken, wie man die Krankenhäuser abseits der Großstädte entsprechend finanziert. Sie müssen auch in Zukunft aus ihrer eigenen Leistung heraus erhalten bleiben, und nicht mit Zuschlägen quasi am Leben erhalten werden.

Warum sind Herzkatheter-Plätze für die Behandlung von Infarkten so wichtig?

Mit einem Herzkatheder können verschlossene Gefäße am Herzen schnell und unkompliziert wieder geöffnet werden. Wird die Durchblutung des bedrohten Herzmuskels schnell wieder hergestellt, besteht die beste Chance, so wenig Herzgewebe wie möglich zu verlieren. Mit dem Katheter geht man quasi über die Arterie in die Herzkranzgefäße und sucht die Stelle, wo sich das Gefäß geschlossen und kein Blut mehr hindurchgelassen hat. Mit verschiedenen Methoden baut man dann eventuell einen Stent ein, der das Gefäß offen hält.

Quelle: MDR

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 13.09.2020 | 14:30 Uhr in den Nachrichten

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