ausgebrannter E-Scooter
Dieser E-Scooter in Chemnitz fing beim Laden Feuer. Die Polizei geht von einem technischen Defekt aus. Die Unterschungen dauern an. Bildrechte: Harry Härtel

04.11.2019 | 19:05 Uhr Brand durch E-Scooter - wie groß ist die Gefahr?

Noch hält sich die Anzahl von Bränden - ausgelöst durch die Akkus in E-Scootern - in Grenzen. Doch wenn etwas passiert, dann mit teils verheerenden Folgen. So wurden bei einem Brand in München Mitte September zehn Menschen verletzt. Nach einem ähnlichen Fall in Chemnitz - der glücklicherweise glimpflicher verlief, steht die Frage im Raum: Welche Gefahr geht von Akkus in E-Scootern aus? MDR SACHSEN hat die wichtigsten Informationen zusammengetragen.

ausgebrannter E-Scooter
Dieser E-Scooter in Chemnitz fing beim Laden Feuer. Die Polizei geht von einem technischen Defekt aus. Die Unterschungen dauern an. Bildrechte: Harry Härtel

Wie oft brennen Akkus von E-Scootern?

Dazu gibt es derzeit noch keine Zahlen. Das dürfte daran liegen, dass die E-Scooter noch nicht so lange auf dem deutschen Markt sind. Weder der TÜV noch Stiftung Warentest oder das Institut für Schadenverhütung haben auf Anfrage von MDR SACHSEN belastbare Ergebnisse. Im Bereich der Polizeidirektion Chemnitz, wo am vergangenen Wochenende ein solcher Brand gemeldet wurde, hieß es auf Anfrage, es sei der erste Brandfall mit einem E-Scooter. Man gehe von einem technischen Defekt aus. Genaue Ergebnisse werde der Brandursachenermittler vorlegen.

Neben dem Fall in Chemnitz gab es ähnliche Fälle in München und Nordrhein-Westfalen. In München hatte der Akku eines E-Scooters in einem Wohnhaus Feuer gefangen. Zehn Menschen wurden verletzt. Der Sachschaden liegt bei 200.000 Euro. Anfang Mai wurde die Münchener Feuerwehr in ein Hotel gerufen, weil eine Familie den neu erworbenen E-Scooter laden wollte. Das Gerät überhitzte sich und begann stark zu qualmen. Drei Menschen erlitten Rauchgasvergiftungen.

Eine Lagerhalle am Niederrhein ist Anfang August abgebrannt, nachdem sich die Akkus von 100 E-Scootern offenbar selbst entzündet haben.

Aus einem Fenster schlagen Flammen, nachdem sich ein E-Scooter entzündet hat
Mitte September war es in München durch den Brand eines Akkus in einem E-Scooter zu einem Feuer in einem Mehrfamilienhaus gekommen. Bildrechte: Berufsfeuerwehr München

Sind auch andere Geräte betroffen?

Ja, von den Bränden können alle geräte betroffen sein, die mit den Li-Ionen-Akkus ausgestattet sind - also auch E-Bikes, Smartphones, Laptops etc.


Wie kommt es zum Brand der Akkus?

Lithium-Ionen-Akkus haben eine hohe Energiedichte, da sie kompakt gebaut sind und gleichzeitig eine relativ hohe Leistung bringen. "Diese wünschenswerte Eigenschaft geht leider mit einem Brandrisiko einher, das bei Akkus anderer Bauweisen nicht in vergleichbarer Intensität vorliegt", heißt es beim Institut für Schadenverhütung und Schadenforschung (IFS).

Hat der Akku einen technischen Defekt oder wird falsch benutzt, gibt es eine besonders hohe Brandgefahr. Die Energie wird nicht als elektrische, sondern thermische Energie abgegeben. Man spricht in diesem Fall davon, dass der Akku "thermisch durchgeht". Dann können chemische Stoffe aus ursprünglich getrennten Zellen austreten und sich verbinden – und das kann zu Kurzschlüssen und somit zu Überhitzung führen.

Das IFS schreibt dazu: "Geht eine Zelle in einem Akkupack thermisch durch, erhitzt sie in der Regel die benachbarten Zellen so weit, dass diese in der Folge ebenfalls durchgehen. Eine Kettenreaktion wird angestoßen. Akkupacks können, je nach Größe, über mehrere Minuten oder sogar Stunden brennen. Es kann auch vorkommen, dass ein Akkupack, der nur zum Teil verbrannt ist, noch nach Stunden oder Tagen erneut in Brand gerät."


Was sind die häufigsten Brandauslöser?

Der TÜV Süd erklärt dazu auf Anfrage von MDR SACHSEN, dass technische Mängel, falsche Handhabung oder Beschädigungen dazu führen können, dass der Akku unkontrolliert in Flammen aufgeht.

Weitere Beispiele für Brandauslöser:

  • Zu hohe Temperaturen (wie sie bspw. im Sommer im Auto entstehen können). Die meisten Li-Ionen-Akkus sind bis zu einer Temperatur von 60 Grad zugelassen. Darüber besteht die Gefahr der Schädigung bis hin zur Brandentstehung.
  • Zu niedrige Temperaturen. Wird der Akku längere Zeit Frostwerten ausgesetzt, droht ein dauerhafter Kapazitätsverlust, und es besteht Brandgefahr bei den folgenden Ladevorgängen.
  • Mechanische Beschädigungen der Zellen, zum Beispiel durch einen Sturz.

Unserer Erkenntnis nach entstehen die meisten Brände in der Ladephase. Li-Ionen-Akkus sollten darum nur auf einer feuerfesten Unterlage, nur mit Ladegeräten, die für das Produkt vorgesehen sind und möglichst unter Aufsicht geladen werden. Vielen Verbrauchern ist oft nicht klar, dass es sich bei ihren Akkus um kompakte Energiebündel handelt, mit denen entsprechend sorgfältig umgegangen werden sollte. Bei sachgerechter Handhabung geht von Li-Ionen-Akkus kein außergewöhnliches oder erhöhtes Brandrisiko aus; die Technik ist in dieser Hinsicht alltagstauglich.

Dirk Moser-Delarami Pressesprecher TÜV Süd

Wie groß ist das Problem?

Zu dieser Frage sind sich TÜV Süd und das Insitut IFS einig: Es gibt zwar mehr Brände von Lithium-Ionen-Akkus. Das sei angesichts des deutlich gestiegenen Einsatzes der Akkus aber normal und bewege sich in einer "äußerst niedrigen Größenordnung" (TÜV Süd). "Allein im Jahr 2015 wurden weltweit über fünf Milliarden Akkus verkauft. Und wenn man sich alleine die Anzahl an Smartphones anschaut (andere Akku-betriebene Geräte wie E-Scooter, E-Bikes etc. kommen ja da noch dazu), die sich in einem 80 Mio.-Einwohner-Land wie Deutschland im Umlauf befindet, passiert verschwindend wenig", so Dirk Moser-Delarami.


Welche E-Scooter sind eigentlich erlaubt?

Das Kraftfahrtbundesamt erteilt die Genehmigungen für E-Scooter. Auf der Internetseite des KBA sind alle Typbezeichnungen von Elektrokleinstfahrzeugen aufgelistet, die durch die Prüfung sind.


Was kann ich tun, um so einen Brand zu verhindern?

Der TÜV Süd hat auf Anfrage von MDR SACHSEN folgende Tipps zusammengestellt:

  • nur passende Ladegeräte zum Aufladen verwenden
  • bei Beschädigungen des Gehäuses oder des Akkus immer einen Fachmann aufsuchen
  • Vermeiden von mechanischen Einflüssen wie Stößen
  • nie eigenmächtig Akkus aufschrauben; viele Akkus (z. B. in Smartphones) sind fest verbaut und der Austausch ist eine Sache für den Fachmann
  • Entsorgung nur auf dem Wertstoffhof, auf keinen Fall in den Hausmüll – neben dem Entsorgungsverbot besteht auch Brandgefahr
  • auf Prüfsiegel achten - mindestens sollten Geräte über das CE-Zeichen verfügen, besser aber das GS-Zeichen (geprüfte Sicherheit)

Finger weg von Ersatzladegeräten eines anderen Herstellers, auch wenn der Stecker passt – Akkus können aufgrund falscher Ladeparameter überladen werden!


Welche Tipps gibt es zum richtigen Laden von Akkus?*

  • Akkus nie komplett entladen - sogenannte Tiefentladungen nutzen den Akku stark ab. Akku auch vor Überladen schützen: Nie vollständig aufladen, vor allem, wenn der Akkustand zuvor sehr niedrig war
  • Akkus nicht über Nacht laden
  • Ladegeräte nach erfolgter Ladung entfernen, nicht permanent laden lassen
  • den Akku am besten in einem Ladezustand zwischen 30 und 70 Prozent halten. Manche raten auch zu einem noch engeren Ladestandsfenster von 65-75 Prozent. Das bedeutet auch: Akkus mit einem Ladezustand von über 70 Prozent nicht nachladen, sondern warten, bis der Akku einen niedrigen Ladezustand erreicht hat. Akkus mit einem niedrigen Ladezustand von unter 30 Prozent nicht für kurze Zeit nachladen
  • Akkus vor extremen Temperaturen schützen (über 60 Grad oder Frost): Nicht bei hohen Temperaturen bzw. in direktem Sonnenlicht laden oder lagern, nicht länger bei Kälte betreiben oder laden. Extreme Temperaturen können der Betriebsbereitschaft des Akkus kurzfristig schaden
  • Sollen Geräte länger gelagert werden, halbgeladenen Akku entfernen (falls möglich) und auf kühle Umgebung achten
  • Bei Schnelllade-Technologie beachten: Funktioniert oft nur mit dem zugelassenen Originalzubehör. Beim schnelleren Laden ist die Belastung der Zellen größer. Das geht zu Lasten der Lebensdauer. Moderne Akkus halten aber trotzdem mehr als 500 Ladezyklen ohne größere Leistungsverluste. Die Akkus sind intelligent genug, sich selbst zu regulieren und die Belastung auf die empfindlichen Zellen so minimal wie möglich zu halten

*Quelle: TÜV Süd


Wie steht es um die Entsorgung?

In E-Scootern sind, wie auch in E-Bikes und unzähligen anderen technischen Geräten, Lithium-Batterien verbaut. Ihre Entsorgung treibt der Abfallwirtschaft tiefe Sorgenfalten ins Gesicht. Denn weil sie oft nicht fachgerecht entsorgt werden, kam es in Sortieranlagen und Deponien in der Vergangenheit zu zahlreichen Bränden. Der Bundesverband der Deutschen Entsorgungs-, Wasser- und Rohstoffwirtschaft e.V., BDE, hatte schon kurz nach der Zulassung der E-Scooter vor einem "massiven und gefährlichen Entsorgungsproblem" gewarnt. In einer Mitteilung von Ende Juli heißt es, dass schätzungsweise 250.000 E-Scooter auf Deutschlands Straßen unterwegs sind.

Um das Entsorgungsproblem in den Griff zu bekommen, formulierte der BDE vier Forderungen:

  1. Bessere Gefahren-Kennzeichnung der Geräte - zum Beispiel über eine Farbskala
  2. Aufklärung der Kunden, wie Materialien richtig getrennt werden
  3. Höhere Verantwortung der Kommunen bei der Kontrolle von Altgeräten in den Recyclinghöfen
  4. Einführung eines Batteriepfands - bei E-Bikes schlägt der Verband 25 Euro vor

Die Politik denkt zu kurz, wenn sie die Zulassung von E-Scootern als wichtigen Schritt in der Mobilitätsentwicklung betrachtet, jedoch das Entsorgungsproblem der zumeist in Sharingsystemen zum Einsatz kommenden Scooter gänzlich außer Acht lässt. Gerade Lithium-Akkus können im Wortsinne nämlich brandgefährlich werden.

Peter Kurth Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Entsorgungs-, Wasser- und Rohstoffwirtschaft e. V.

Quelle: MDR/dk

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 28.10.2019 | 10-12 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 04. November 2019, 19:05 Uhr

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