Interview Schmetterlingswiesen - ein Erfolgsprojekt aus Sachsen

Faszination Schmetterling - kaum jemand kann sich der Schönheit der Falter entziehen. Doch das weltweite Artensterben hat längst auch diese Tierart erfasst. In Sachsen beschäftigt sich Matthias Nuß mit dem heimischen Vorkommen. MDR SACHSEN hat mit ihm über den Ernst der Lage und das Projekt "Puppenstuben gesucht" gesprochen.

Ein Pfauenauge sitzt auf einer Lavendelblüte.
Bildrechte: Gerald Perschke

Dr. Nuß, das Thema Artenvielfalt ist derzeit in aller Munde. Sie sind am Senckenberg-Museum Dresden speziell mit Schmetterlingen und Insekten beschäftigt. Wie ist die Lage in Sachsen?

Wir können in Sachsen das nachvollziehen, was weltweit passiert, nämlich den Artenrückgang. Das sehen wir anhand von Daten auch bei verschiedenen Tier- und Pflanzengruppen, so auch bei den Schmetterlingen. Leider. Der Artenrückgang ist für uns seit dem frühen 20. Jahrhundert nachvollziehbar, weil wir seit Ende des 19. Jahrhunderts Daten über das Vorkommen von Tagfaltern und die Leute darüber publiziert haben. Ein Großteil der Belegtiere ist auch in den wissenschaftlichen Sammlungen der Naturkundemuseen erhalten, so dass wir nachschauen können, was früher in Sachsen vorkam. Das können wir mit den heutigen Daten vergleichen. Und sehen, dass da Arten fehlen. Bei den Tagfaltern beispielsweise ist es so - da haben wir 125 Arten, die in Sachsen als heimisch gelten, 16 Arten davon sind schon verschwunden und noch einmal so viel sind vom Aussterben bedroht.

Welche Arten sind das zum Beispiel?

Die wird kaum einer kennen. Beispiele sind der Gelbringfalter, der blau schillernde Feuerfalter oder der östliche Quendelbläuling.

Wo sehen Sie die Ursachen dafür?

Die Ursachen sind nicht immer bekannt. Aber in einige Fällen wissen wir, dass die Lebensräume zerstört wurden, zum Beispiel dadurch, dass Wiesen entwässert wurden, um sie für den Ackerbau zu nutzen. In einem Fall hatte es mit Waldumbau zu tun. Aber manchmal wissen wir nicht, woran es liegt. Zum Beispiel beim östlichen Quendelbläuling, das ist die Art, die wir als letztes verloren haben. Die kam im südöstlichen Brandenburg und im nordöstlichen Sachsen vor. Die Lebensräume dieses Falters sind noch vorhanden, aber er ist trotzdem verschwunden. Wir können da nur mutmaßen, dass die Lebensräume zu klein geworden sind. In manchen Fällen sind dort Bäume gepflanzt worden. Aber eine wirklich sichere Erklärung haben wir in diesem Fall nicht.   

Matthias Nuß - Senckenberg Dresden
Dr. Matthias Nuß ist Experte für Schmetterlinge und Insekten und arbeitet im Senckenberg Museum Dresden. Ihn ärgern im Stadtbild unsinnige Bepflanzungen, die weder Insekten noch Vögeln als Rückzugsraum dienen. Matthias Nuß engagiert sich stark im Projekt "Puppenstuben gesucht". Bildrechte: Privat

Sachsen hat eine sehr vielschichtige Landschaftsstruktur. Gibt es Regionen in Sachsen, wo es den Insekten besser geht als andernorts?

Da sind zum Beispiel die Tagebaufolgelandschaften. Das sind junge Landschaften, in denen eine Suksession stattfindet, das heißt, die Pflanzen übernehmen die Regie. Das wird ja auch gefördert durch bestimmte Pflanzaktionen. Wir haben dort keine große Stickstoffbelastung und viele Sandflächen. Dort finden wir viele Pionierarten, also Erstbesiedler, die wir sonst nicht finden.

Dann haben wir noch den Nationalpark Sächsische Schweiz, ein Hort für die Artenvielfalt, wo wir viele seltene Arten und viele Waldarten haben. Und als Gegenstück haben wir die großen Siedlungsflächen, die landwirtschaftlich genutzten Flächen, die auch ein Hort für viele Arten sein können. Aber da sehen wir eben, dass die Arten in den letzten Jahrzehnten stark zurückgegangen sind.

In der Bevölkerung findet aktuell ein Umdenken statt und viele Einzelpersonen starten Initiativen, um etwas gegen den Artenschutz zu tun. Doch welche Wünsche haben Sie an die Politik, was auf größerer Ebene getan werden müsste?

Ganz großes Thema ist derzeit die Ausgestaltung der Fördermaßnahmen für die Landwirtschaft ab 2020. Da sind die Forderungen: öffentliches Geld für öffentliche Leistung. Das heißt, die Landwirte sollen Leistungen bezahlt bekommen, die sie für die Gesellschaft erbringen. Da gehört natürlich die Nahrungsmittelerzeugung dazu. Aber im Bereich der ökologische Maßnahmen haben die bisherigen Maßnahmen nicht ausgereicht. Da ist vieles im Ansatz gut gedacht. Aber wir müssen leider feststellen, dass die Maßnahmen dazu geführt haben, dass es unseren einheimischen Arten nicht besser geht. Da muss nachjustiert werden.

Zum Beispiel?

Da stelle ich mir zum Beispiel Ruhezonen in der Landschaft vor, in denen die Tiere, wenn ein Acker geerntet oder neu bestellt wird, Rückzugsräume haben. Da gibt es Brachenprogramme, die müssen aber zeitlich auch durchgängig sein, damit es für die verschiedenen Arten einen Effekt hat. Und bei der Agrarförderung zum sogenannten Greening, bin ich der Meinung, fünf Prozent ökologische Vorrangflächen, das ist viel zu wenig. Ich frage mich, was sind das für Greening-Maßnahmen, wenn da beispielsweise so eine Zwischenfrucht drin ist, die vielleicht erst im Oktober oder November zur Blüte kommt. Die nützt keiner Wildbiene mehr etwas.

Seit 2015 werden in Sachsen Schmetterlingswiesen geschaffen. Wie zufrieden sind Sie als einer der Initiatoren mit dem Projekt "Puppenstube gesucht"?

Das läuft so gut, dass wir den Andrang kaum bedienen können. Wir haben jetzt 300 Schmetterlingswiesen in Sachsen. Und wir überlegen, wie wir das weiterentwickeln können, um da allen Nachfragen und auch dem Beratungsaufwand nachkommen können. Wir werden in diesem Jahr noch einen Aufruf starten, dass man bei uns für die Anlage einer Blühwiese Saatgut beantragen kann. Wir überlegen außerdem, wie man die partielle Mahd zu einem Standard in Sachsen entwickeln kann. Weil wir eben zeigen können, dass wir mit unserer angepassten Mahdmethode aus Grünflächen im Siedlungsraum Lebensräume für Insekten schaffen können, für Tagfalter, Heuschrecken, Wildbienen und andere Insekten.

Partielle Mahd heißt was genau?

Na dass man nicht mehr so häufig mäht, maximal drei Mal im Jahr, wenn man einen nährstoffreichen Lehmboden hat. Auf einem Sandboden reicht auch eine Mahd im Jahr. Und bei jeder Mahd lassen wir einen Teil der Fläche, wir empfehlen 30 Prozent, ungemäht. Und der Effekt ist, dass zum einen durch die größeren zeitlichen Abstände die Pflanzen Zeit haben durchzuwachsen, zur Blüte zu gelangen und Samen zu produzieren und die Insekten haben Zeit, sich vom Ei zum erwachsenen Tier zu entwickeln. Der räumliche Aspekt ist, dass wir, indem wir 30 Prozent ungemäht lassen, ermöglichen wir, dass sich die Insekten dort weiterentwickeln können. Weil ein Großteil der Insektenlarven sich an Pflanzen entwickelt. Und nach der Mahd können die erwachsenen Insekten an den Blüten noch Pollen finden.

Gibt es vielleicht schon Schmetterlingsarten, die sich dank des Projekts "Puppenstuben gesucht" wieder angesiedelt oder stabilisiert haben?

Wir haben auf einigen Flächen in Eilenburg im letzten Jahr zum ersten Mal den Wegerich-Scheckenfalter gesehen. Und das ist eine Tagfalterart, die man nicht aller Tage sieht.

Vielen Dank für das Gespräch.

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSENSPIEGEL | 08.05.2019 | 19:00 Uhr

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