Interview mit Cornelia Fiebiger "Der Schlüssel ist nicht das Lesen und Schreiben"

Cornelia Fiebiger ist Pädagogin für Erwachsenenbildung. An der Volkshochschule Leipzig und im Mehrgenerationenhaus Markranstädt gibt sie Alphabetisierungskurse und arbeitet mit den Betroffenen an deren Selbstwertgefühl.

Eine Frau mit Brille und zusammen gebundenem Haar sitzt neben einem Tisch und schaut in die Kamera
Cornelia Fiebiger im Gespräch Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Warum ist es bis heute so schwer, die Betroffenen zu erreichen?

Wir können die Leute nicht direkt ansprechen. Es steht ihnen nicht auf der Stirn geschrieben. Manchmal fällt es Gesprächspartnern vielleicht auf, dass eventuell Schwierigkeiten bestehen, doch das wird nur selten angesprochen. Auch deshalb, weil Außenstehende das Thema ungern ansprechen. Sie fühlen sich irgendwie unangenehm berührt, mit diesem Thema konfrontiert zu sein. Man hat ja auch Angst, dass man die Betroffenen unangenehm berührt und vorführt. Und ich gebe noch etwas zu bedenken: Erreichen wir die Leute, wenn wir ihnen sagen, ihr seid funktionale Analphabeten? Und geht es wirklich nur darum?

Sie haben selbst Kontakt zu Arbeitgebern. Wie ist die Reaktion auf das Thema?

Ich glaube, der Schlüssel ist nicht das Lesen und Schreiben. Das ist ein gravierendes  Problem, aber damit gehen für den Betroffenen noch ganz andere einher. Zum Beispiel wie verhalte ich mich gegenüber dem Kunden, wie gehe ich damit um, wenn er meine Arbeit kritisiert, was ist, wenn etwas passiert, das nicht der Norm entspricht? Das sind für Unternehmen wichtige Fragen. Denn die Firmen, die mit Analphabeten oftmals zusammenarbeiten, sind ja eher Reinigungsfirmen, Gartenbaufirmen oder Baugewerbe. Die möchten einfach ihre Auftragslage sichern und nicht ihre Kundschaft verärgern. 

Wenn man die Kurse besucht, hat man das Gefühl, dass es mehr darum geht, das Selbstwertgefühl wieder aufzubauen, statt lesen und schreiben zu lernen. Täuscht der Eindruck?

Für Außenstehende sieht das in der Tat so aus. Wir setzen sehr weit unten an. Wir haben es mit Leuten zu tun, die in der Schule schon Schwierigkeiten hatten, mit dem Reglement klarzukommen. Sie wurden verprellt, man hat sie nicht wahrgenommen – weder im Elternhaus, noch in Kindergarten und Schule. Deshalb müssen wir sie für jeden kleinen Schritt loben, den sie selbst gegangen sind. Systematisches Lernen aber sind sie nicht gewohnt. Sie haben schon Ziele, sie möchten lesen und schreiben können. Aber dieses Ziel ist sehr groß, das müssen wir in kleine Schritte aufteilen. Sonst schaffen sie es nicht, auch weil die Konzentrationsspanne sehr gering ist. Unsere Aufgabe ist es deshalb, alles sehr klein zu portionieren, aber das kontinuierlich.

Die "Nationale Dekade für Alphabetisierung und Grundbildung 2016 bis 2026" will die hohe Zahl der funktionalen Analphabeten in Deutschland verringern. Wieviel Betroffene wird es im Jahr 2026 in Deutschland geben?

Nach Schätzungen gibt es jetzt 7,5 Millionen funktionale Analphabeten in Deutschland. Ich bin überzeugt davon, dass sich diese Zahl nicht ändern wird. Dazu erreichen wir nach wie vor viel zu wenige von ihnen.

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN Exakt - Die Story | 20.02.2019 | 20:45 Uhr | MDR Fernsehen

Zuletzt aktualisiert: 19. Februar 2019, 05:00 Uhr