Interview Sebastian Fitzek: "Ich kenne meine Figuren wie einen flüchtigen Bekannten"

Nicht, dass die Zeit im Augenblick nicht schon Nervenkitzel genug wäre. Für all die, die es beim Lesen gern gruselig mögen, gibt es Nachschub vom deutschen Meister des Nervenkitzels: Sebastian Fitzeks neuer Thriller "Der Heimweg" ist gerade erschienen. MDR SACHSEN hat mit dem Autor über sein neues Buch gesprochen.

Sebastian Fitzek
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Ehrlich gesagt, bis ich Ihren neuen Thriller "Der Heimweg" las, wusste ich gar nicht, dass es überhaupt so etwas gibt. Ein Begleittelefon für Menschen, vor allem Frauen, die beim Nachhauseweg im Dunkeln Angst überkommt und die Hilfe suchen. Wie sind Sie darauf aufmerksam geworden?

Sebastian Fitzek: Ich wusste das auch lange Zeit nicht, bis mir eine Leserin nach der Lektüre eines ganz anderen Romans von mir schrieb, sie würde bei einer solchen Institution ehrenamtlich arbeiten. Da begann ich zu recherchieren und stieß auf den Fakt, dass das in Stockholm - daher kommt die Idee - sogar bei der Polizei ansässig ist und ich hielt das für eine ganz tolle Idee. Ich muss natürlich auch gestehen, dass mein Thriller-Hirn sofort ansprang und ich dann auch wusste: Okay, das kann auch ein gutes Setting werden, wie man ja auf Neudeutsch sagt.

Die Nummer des Berliner Begleittelefons wählt aus Versehen eine ihrer beiden Hauptpersonen im "Heimweg", Klara. Sie ist eine Frau, die immer wieder von ihrem Mann Martin misshandelt wird. Gab es ein Schlüsselerlebnis für Sie, dass Sie das Misshandlungsthema nicht mehr losgelassen hat?

Ein Schlüsselerlebnis war es weniger als die Tatsache, dass ich im Zuge meiner Recherchen immer mehr die Augen geöffnet bekam, um was für ein Massendelikt es sich hier handelt, wie viele Frauen tatsächlich davon betroffen sind. Die Zahlen schwanken zwischen jeder Zweiten, die zumindest sexualisierte Gewalt im Laufe ihres Lebens erfahren hat, bis zu jeder Siebenten. Egal welche Statistik man bemüht. Es sind unglaublich viele. Ich hab dann immer wieder mit Menschen gesprochen, die entweder selbst betroffen sind, waren oder auch gesagt haben: 'Du, bei uns im Haus da ist es so, dass wir gar nicht wissen, was sollen wir tun. Hin und wieder rufen wir die Polizei, aber die Frau wiegelt dann auch wieder ab.'

Das war auch so in der Bürogemeinschaft, wo ich jetzt arbeite - ich schreibe ja nicht zu Hause. Zum Teil ist das Haus Büro, zum Teil ist es Wohnung und in der Nachbarwohnung war es lange Zeit so, dass dort ganz offen häusliche Gewalt ausgeübt wurde. Das war zu einer Zeit, wo ich noch nicht dort war und da erzählt man sich noch heute, wie schrecklich das war und das immer wieder auch von Leuten aus der Bürogemeinschaft die Polizei gerufen wurde. Also, das ist ein Massendelikt und jeder, der sich damit beschäftigt, wird leider in seinem näheren Umfeld Betroffene finden.

Und das geht durch alle gesellschaftlichen Schichten?

Das geht durch alle gesellschaftlichen Schichten. Ich will jetzt nicht sagen, dass je höher die Schicht ist, umso grausamer wird es. Aber natürlich sind Menschen, die jetzt nicht gleich von außen hin in desolaten Verhältnissen leben, häufig dazu in der Lage, sei es mit ihrem Intellekt, aber einige auch mit Geld, alles zu verschleiern und zu vertuschen. Und man denkt natürlich jetzt bei jemanden, der, was weiß ich - ein gut situierter Anwalt ist beispielsweise - jetzt nicht unbedingt daran, dass er dieses dunkle Geheimnis hat und insofern haben es im gutbürgerlichen Milieu die Menschen einfacher, ihre Taten zu verschleiern.

Wie es sich für einen Thriller gehört, entwickeln Sie einen Plot, in dessen Verlauf Sie dem Leser das Gefühl geben, in einem bestimmten Moment zu wissen, wie alles zusammenhängt, aber nur um den Thrill hoch zu halten. Ist das Wechselspiel von Schein und Sein die Mutter aller Spannung?

Für mich ist die Mutter aller Spannung - zumindest in einem psychologischen Thriller - in der Unsicherheit der Hauptfigur begründet. Wir sind darauf trainiert und wir hoffen eigentlich immer, dass wir jemanden von der Nasenspitze aus ansehen können, ob er gut oder böse ist, was er für Absichten hat. Wir werden ja da auch manipuliert: In der Werbung vom Kindchenschema bis hin eben zu charismatischen Persönlichkeiten, die uns verführen sollen, etwas zu kaufen und am Ende wissen wir doch aber, dass Äußere spiegelt nicht immer das Innere wieder. Und das ist etwas, was für einen psychologische Thriller immanent ist. Wir haben es mit Persönlichkeiten zu tun, die auch an seelischen Krankheiten zum Teil leiden, die sich ihrer selbst ja gar nicht sicher sind, die sich ihr gesamtes Leben infrage stellen und das macht bei einem psychologischen Thriller die Spannung aus: Wie entwickelt sich diese Hauptfigur.

Schaudert es Sie eigentlich manchmal noch selbst, was Ihre Täter tun?

Ja, definitiv. Aber es schaudert mich natürlich noch viel mehr, dass es das, was ich beschreibe, tatsächlich in der Realität gibt und wir geneigt sind, das zu verdrängen und gar nicht zu thematisieren. Also Stichwort: Corona. Gott Lob kam es dazu nicht in Deutschland, dass auf einmal Ärzte über Leben und Tod entscheiden müssen: Es gibt nur ein Beatmungsgerät, aber zwei Fälle - wem gibt man das? Eine ganz schreckliche Vorstellung, im Thriller leichter zu ertragen als in der Realität.

Ich war mir aber gleichwohl auch bewusst, dass wir natürlich auch im Verborgenen jetzt viele Menschen mit ihrem Peiniger einschließen. Damit spreche ich jetzt nicht gegen die Maßnahmen gegen Corona. Ich sage nur, dass wir natürlich im Verborgenen auch Opfer haben, von denen wir nie etwas hören werden, weil sie eben in keine Statistik irgendwie einfließen, sondern wir werden mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit am Ende dieses Jahres in einer Statistik dann doch sehen, dass es vermehrt zu häuslicher Gewalt gekommen ist. Das sind Situationen, die mich eben auch als Schriftsteller sehr belasten, weil diese Maßnahmen - auch Kinder im übrigen - natürlich benachteiligt haben.

Die Kunst, die Spannung aufrecht zu erhalten, hat ja sehr viel mit dem Verwirrspiel von Schein und Sein zu tun. Da taucht in Ihrem neuen Buch ein Brief gleich zweimal auf: Einmal im Sinne des vermeintlichen Täters stark gekürzt und der Leser hat Mitgefühl mit ihm. Und beim zweiten Mal, dann vollständig zitiert, überführt er den vermeintlichen Täter. Geschickt konstruiert?

Ich habe eine grobe Struktur im Kopf und ich kenne meine Figuren, so wie man vielleicht einen flüchtigen Bekannten kennt. Aber ich lerne sie dann auf den ersten 80 Seiten besser kennen. Dadurch verändert sich die Geschichte, dadurch verändern sich die Handlungen und manchmal verändert sich auch das Ende. En détail weiß ich nicht im Vorhinein, dass ein Brief vielleicht noch mal eine ganz andere Bedeutung hat. Es ist manchmal sogar so, dass ich Figuren einführe, die für mich überhaupt gar keine große Bedeutung haben, außer jetzt vielleicht für diese eine kurze Szene, mir dann aber später klar wird, dass sie doch eine ganz andere Funktion innerhalb des gesamten Gefüges haben. Insofern kann ich die Frage mit einem klaren Jein beantworten. Ich meine immer genau zu wissen, wie es sich entwickelt und werde dann durch meine eigene Figur immer eines Besseren belehrt.

Vielen Dank, Sebastian Fitzek.

Ich danke Ihnen sehr für das Gespräch, danke sehr.

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 26.10.2020 | 21:15 Uhr in "Aufgefallen"

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