21.02.2020 | 11:45 Uhr Andreas Dresen: "Gundermann-Lieder reichen über seine Zeit hinaus"

Liedermacher Gerhard Gundermann wäre am Freitag 65 Jahre alt geworden. Er galt als Sprachrohr der Menschen im Lausitzer Braunkohlerevier. "Gundi" schrieb melancholische Lieder und auch bekannte Hits mit der Band Silly. Und er spitzelte für die Stasi. Regisseur Andreas Dresen hat 2018 sein Leben verfilmt. Der bekennende Gundermann-Fan spricht mit uns über den Liedermacher und seinen Einfluss auf das Hier und Jetzt.

Gerhard Gundermann
Der Liedermacher Gerhard Gundermann (Archivbild). Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Herr Dresen, was hat Sie an dem Menschen Gerhard Gundermann so fasziniert?

Die Widersprüchlichkeit, diese vielen verschiedenen Seiten, die er in sich hat. Auf der einen Seite ist er ein großer Künstler, einer der besten Rockpoeten, die wir in diesem Land bis heute haben, glaube ich. Auf der anderen Seite ist er jemand, der in der Arbeiterklasse verwurzelt war Zeit seines Lebens. Er hat im Braunkohletagebau auf dem Bagger gesessen. Und dann natürlich das Politische: ein Kommunist gewesen zu sein, für die DDR gekämpft zu haben. Auf der anderen Seite aber auch, sich mit der Staatssicherheit eingelassen zu haben. Diese ganzen Facetten sind total spannend und erzählen auch sehr viel über das Leben in der DDR.

Gibt es aus Ihrer Sicht etwas, dass man vielleicht aus der Geschichte von Gerhard Gundermann lernen kann?

Dass das Leben kompliziert ist, und dass manchmal der Schritt zum Verrat nur ein ganz kleiner ist. Und dass Anpassung und Opportunismus nicht Eigenschaften sind, die auf die DDR beschränkt sind. Das kann man sehen, wenn man sich bestimmte Aspekte des Lebens im Osten in die Jetztzeit spiegelt. Und das finde ich sehr interessant. Er war ein Mensch, der sehr gebrannt hat, der sehr leidenschaftlich war, der die Welt verbessern wollte. Wenn man das tut, verbrennt man sich unter Umständen auch mal die Finger. Aber das gehört zum Leben. Deswegen sollte man sich nicht zurückziehen und nichts tun.

Andreas Dresen
Regisseur Andreas Dresen gewann mit seinem Film "Gundermann" sechs Lolas beim Deutschen Filmpreis 2018. Bildrechte: dpa

Sie sind der Regisseur, das ist das Berufliche. Haben Sie auch privat etwas von Gerhard Gundermann mitgenommen? Sagt man dann auch: "Okay, ich gucke mal, ob ich selber etwas in meinem Leben verändere?"

Naja, nicht so auf direkte Art. Aber was ich natürlich mitnehme und weshalb ich natürlich "Gundi" auch ganz besonders liebe, das sind die Lieder, die weit über die Zeit, in der sie entstanden sind, hinausreichen. Und die ja auch ein völlig neues Leben bekommen haben, weil jetzt kürzlich auch Leute im ehemaligen Westen diese großartigen Songs für sich entdecken. Wir stoßen da auf eine unheimliche Resonanz. Das finde ich sehr schön. Die Kunst ist dann doch größer als das Alltags-Politische.

Es klingt als seien sie Fan geworden. Oder waren Sie das vorher schon?

Ich war schon zu Lebzeiten von Gundermann Fan. Ich habe mir schon Anfang der Neunziger die Platten gekauft und bin zu den Konzerten gegangen.

Aber live getroffen haben Sie ihn nicht, oder?

Nicht persönlich. Ich stand als Fan unten und er war oben auf der Bühne. Aber es war toll. Man konnte ihm auf so eine schöne Art glauben. Er stand da in seinem Fleischerhemd. Er war ja nicht jemand mit der großen Rockerpose, sondern immer jemand, der ganz für das einstand, auch als Persönlichkeit, was er gesungen hat. Das hat man gemerkt. Man hat ihm geglaubt.

Das Interview führte Silvio Zschage.

Quelle: MDR

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 21.02.2020 | 07:50 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 21. Februar 2020, 11:58 Uhr

2 Kommentare

nasowasaberauch vor 6 Wochen

Gundermann ein Abbild von Don Quijote als Weltverbesserer und dabei ehrlicher als alle Gretas dieser Welt. Seine Lieder sind zeitlos und passen auch heute, wie z.B. "Keine Zeit mehr". Ein toller Film mit tollen Schauspielern der dem Leben in der DDR sehr nahe kommt. Eine Frage an Herrn Dresen bleibt: Wer ist denn nun Toni Erdmann, muss man den kennen? ;)

Maschinist vor 6 Wochen

Der Gundermann stände heute wohl auch wieder auf der falschen Seite.
Für die Rechten zu weit links und für die Linken zu viel Arbeiterklasse, von der man sich mehr und mehr entfernt.

Mehr aus Sachsen