Schiedsrichterausschuss Heiko Petzold
Bildrechte: MDR/Sächsischer Fußballverband

17.11.2018 | 10:23 Uhr Sächsischer Fußballverband: "Eltern fehlt Respekt vor jungen Schiedsrichtern"

Mehrere Angriffe auf Schiedsrichter im sächsischen Amateurfußball rücken auch in Sachsen das Thema in den Fokus. Was läuft schief auf den Fußballplätzen und in den Vereinen. MDR SACHSEN sprach mit Heiko Petzold vom Sächsischen Fußballverband, Vizepräsident Schiedsrichter & Qualifizierung.

Schiedsrichterausschuss Heiko Petzold
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Herr Petzold im Erzgebirge gab es jüngst in der Kreisliga Angriffe auf zwei Schiedsrichter, die zum Spielabbruch führten. Was wissen Sie darüber?

In diesen beiden Fällen wurde einmal mehr oder weniger verbal und dann auch körperlich der Schiedsrichterassistent attackiert, im zweiten Fall aus Frust über eine Entscheidung ein Spieler ebenfalls körperlich angegriffen. Das steht ja bei uns auch in den Regeln, dass ein Spiel abgebrochen wird, wenn ein Schiedsrichter angegriffen wird.

Wurde da bereits über Konsequenzen entschieden?

Die Konsequenzen trifft ja im Regelfall das Sportgericht als externes Organ des jeweiligen Verbandes; in der zweiten Stufe dann das Verbandsgericht, wenn der Verein oder der Betreffende etwas dagegen hat - es geht ja immer unter Mithaftung des Vereins. Insoweit sind das noch laufende Verfahren. 

Sind dies Einzelfälle im Sächsischen Fußball? Laut ihrer Statistik kommen solche Fälle, die zum Spielabbruch führen, selten vor.

In Sachsen kommen sie tatsächlich noch, Gott sei Dank, eher selten vor. Wir hatten in der gesamten Saison 2017/18 insgesamt 14 Spielabbrüche, in der Saison 2018/2019 elf solche Vorfälle. So wie es jetzt aussieht, scheint sich das zu erhöhen. Wir hatten ja, wie gesagt, im Erzgebirge zwei Spielabbrüche, im Muldental gab es auch einen vor kurzem, wo ein Assistent angegriffen wurde. Es scheint, dass die Tendenz steigt.

Im deutschen Amateurfußball häufen sich insgesamt Fälle von Gewalt gegen Schiedsrichter, etwa im Berliner Verband und im Saarland, die Schiedsrichter dort haben deshalb sogar gestreikt. Welche Ursachen sehen sie dahinter?

Das ist ein vielschichtiges Problem. Das ist auch abhängig von der Lage im Verband und wie viele Schiedsrichter insgesamt zur Verfügung stehen. Wir in Sachsen jammern da auf hohem Niveau. Wir stehen in der Statistik derzeit noch an zweiter Stelle im Verhältnis von Schiedsrichter pro Mannschaft. Da sieht man vielleicht, wie akut das Problem im gesamten DFB-Bereich ist.

Ein Schiedsrichter ist im Verein meist das dritte Rad am Wagen.

Was können die Vereine tun, um Schiedsrichter noch besser vor Gewalt oder Diskriminierung zu schützen? Der DFB hat ja dazu auch eine Umfrage in den Vereinen gestartet.

Ein Schiedsrichter ist im Verein meist das dritte Rad am Wagen. Ein Spieler bekommt in der Regel seine Kleidung vom Verein. Ein Schiedsrichter muss möglicherweise kämpfen, dass dies bezahlt wird. Er braucht in der Regel aufgrund der ständigen Änderung der Spielkleidung auch Trikots in mehreren Farben. Die Kosten dafür müssten die Vereine übernehmen. Das andere ist: Junge Leute wollen nicht nur Pflichten haben. Die Vereine müssen den jungen Schiedsrichtern auch etwas bieten, damit sie sich zugehörig fühlen.

Können sie ein Beispiel dafür nennen?

Nehmen wir Dresden, dort haben viele Vereine nur drei, vier Schiedsrichter oder weniger. Wenn diese allein gelassen werden bei den Regeltests etwa, die sie absolvieren müssen, und auch sonst nichts gemeinsam gemacht wird, etwa gemeinsames Kegeln oder ein Abendessen, dann haben es Vereine schwer, Nachwuchs zu finden. Die Erfahrung zeigt, dass in Vereinen, die dies berücksichtigen, auch viele Schiedsrichter sind. Wir haben in Sachsen Vereine wo viele Schiedsrichter sind, andere wo es gar keine gibt.      

Im Kleinfeldbereich machen wir auch die Erfahrung, dass manchen Eltern der Respekt vor den ganz jungen Schiedsrichtern fehlt.      

Wie werden junge Schiedsrichter von den Vereinen gegen Angriffe auf dem Spielfeld oder auch von Eltern am Spielfeldrand geschützt?

Im Kleinfeldbereich machen wir auch die Erfahrung, dass manchen Eltern der Respekt vor den ganz jungen Schiedsrichtern fehlt. Als Konsequenz hat auch der Sächsische Fußballverband in diesem Jahr ein Patensystem eingeführt. Das heißt, ein älterer Schiedsrichter oder Spielkamerad begleitet den Schiedsrichter bei den ersten drei  Spielen und unterstützt ihn auch beim Spielbericht, ein ganz junger Schiedsrichter läuft in der Regel im ersten Spiel erst einmal als vierter Offizieller am Spielfeldrand mit.

Was sagt denn die Statistik über den Schiedsrichternachwuchs aus? Können die Vereine, genügend Schiedsrichter werben?

Wir hatten 2017 noch 3.200 Schiedsrichter, jetzt sind es 2.816. Das geht jedes Jahr zurück. Um alle Spiele ausreichend zu besetzen, bräuchten wir fast das Doppelte. Dazu kommt: 40 Prozent der Schiedsrichter sind unter 18 Jahre. Das hängt damit zusammen, dass Schiedsrichter ab 12 Jahren ausgebildet werden können. Viele Vereine entsenden dann auch C-Jugend-Spieler oder noch jüngere zum Schiedsrichterlehrgang. Das ist eine Riesenspanne. Da müssen Verband und Verein dafür sorgen, dass sie betreut werden und nicht gleich wieder aufhören. 

Im Profibereich fehlt ein gewisser Respekt gegenüber Schiedsrichtern und die Vorbildwirkung der Bundesliga ist nicht mehr so wie sie eigentlich sein sollte.

Stichwort Profifußball. Inwieweit beeinflusst das Verhalten der Spieler dort auch die unteren Ligen?

Aus meiner Sicht beeinflusst es. Im Profibereich fehlt ein gewisser Respekt gegenüber Schiedsrichtern und die Vorbildwirkung der Bundesliga ist nicht mehr so wie sie eigentlich sein sollte. Und in den unteren Ligen denken die Spieler, dass sie das genau so machen können – das geht mit dem Auftreten los und endet mit dem Handspiel. Ich wünsche mir mehr Respekt auf beiden Seiten – vom Verein dem Schiedsrichter gegenüber und umgekehrt.

Quelle: MDR/kb

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 13.11.2019 | 16:30 Uhr im Radioreport

Zuletzt aktualisiert: 17. November 2019, 10:24 Uhr

6 Kommentare

Dynamo vor 2 Wochen

Wenn gerade im Nachwuchsbereich die Eltern der Spieler die jungen Schiedsrichter angreifen, da reichen für mich schon blöde Bemerkungen, ist das unterste Schublade. Es müsste doch auch von den Eltern jeder wissen, ohne Schiri geht nichts. Und wenn es gleich mal Fehlentscheidungen gibt, na und … ? Guckt beiden den Großen in der 1.Bundesliga, dort gibt es die haarsträubesten Fehlentscheidungen, trotz vier Mann im Schirikollektiv, trotz Videobeweis. Aber trotzdem kassieren die Schiris rund 5 000 Euro pro Spiel. Und alle Verantwortlichen des Verbandes, der Vereine haben es gesehen. Aber gesperrt werden nur die Trainer (Streich, Freiburg) oder die Spieler. Nie die unschuldigen Schiris. 17.11.2019 10:52

SGDFan vor 2 Wochen

Zur letzten Antwort im Art.: Der Profifussball hat null damit am Hut. Gewalt und Aggressivität gab es schon vor Jahrzehnten, was ja kein Mensch gejuckt hat und plötzlich jammert man rum. Wo war man denn vor 25 Jahren? Es hat echt keinen interessiert ob es nach einem Spiel eine "dritte HZ" gibt oder ob ein Schiri mit kaputter Brille den Heimweg antritt. Niemanden! Weder Verbände, Spielern, Trainer, Vereine... Echt niemanden. Jetzt erntet man das was man gesäät hat. Und die gesellschaftlichen Probleme gleich mit. Ich bin froh damals so weise gewesen zu sein und das Angebot zum Schirilehrgang abgelehnt zu haben!

Und beim Thema Handspiel: Da sind wohl die Regelhüter und Verbände gefordert! Ich find es eine Unverschämtheit wie sich der SFV hier raus nimmt. So kann man sich selbstverständlich aus der Verantwortung stehlen. Für gesellschaftlichen Verwerfungen kann er nix, aber für das Jahrzehntelange wegschauen definitiv!

MDR-Team vor 2 Wochen

Hallo Jaroslav Skalicky,

bisher sind die Angriffe in Sachsen eher selten. Aber sie häufen sich. Das schließt sich nicht gegenseitig aus.
Etwas das aktuell nicht so oft vorhanden ist, kann ja gleichzeitig trotzdem mehr werden.

Viele Grüße die MDR.de-Redaktion

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