Interview mit Kerstin Lemke "Das Problem Analphabetismus fängt in der Schule an"

Kerstin Lemke ist Diplompädagogin für Hörgeschädigte. Zudem bringt sie seit 15 Jahren Analphabeten das Lesen bei. Adina Rieckmann hat mit ihr über die Ursachen gesprochen.

Eine Frau mit Brille schaut in die Kamera, im Hintergrund ist ein Fenster zu sehen
Kerstin Lemke im Gespräch Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Können Sie sich die 7,5 Millionen Analphabeten in Deutschland erklären?

Ja, wenn ich mir die Schulen anschaue, dann ja. Analphabetismus ist meiner Meinung nach schon am Ende der Grundschule festzustellen. Wenn ich am Ende der Grundschule nicht mühelos lesen kann, nicht schnell genug, nicht flüssig genug, wenn ich dann den Text nicht verstehe, dann ist der Weg zum Analphabetismus schon vorgezeichnet. Dann kann ich in der 5. Klasse nämlich schon dem Unterricht nicht mehr folgen. Dann habe ich ein Bildungsproblem.

Wie könnte man das merken?

Mit einfachen Tests zum Beispiel. Man könnte die Kinder in der 3. und 4. Klasse mit einem langen Text testen, ob sie den fehlerfrei lesen und auch verstehen können. Die Lesetechnik hat an unseren Schulen jedoch einen viel zu geringen Stellenwert. In der Grundschule geht man davon aus, dass schon Zweitklässler richtig lesen, schreiben und sich eigenständig Aufgaben stellen können. Dem ist aber oftmals nicht so. Lesen muss jedoch automatisiert sein. Ich muss nicht mehr darüber nachdenken, wie ich ein IE lese oder was mache ich mit einem CH – ist das jetzt SCH oder CH. Furcht und Frucht. Wenn ich das einmal gelernt habe, dann verlerne ich das auch nicht mehr.

Sie sehen das Problem Analphabetismus wirklich hausgemacht? Also die Ursache liegt für Sie nur in der Schule?

Wenn ich den Analphabetismus bekämpfen will, dann muss ich damit in der Schule anfangen. Sie wissen, dass Sachsen das Land der abgebrochenen Schulkarrieren ist? Acht Prozent aller Schulabgänger in Sachsen verlassen die Schule ohne Abschluss. Da stelle ich mir einfach Fragen: Wie kommen die denn immer weiter? Das macht mir auch wirklich Angst, viele Analphabeten wachsen einfach nach! Sie haben nicht nur keinen Schulabschluss, sie werden auch keine Berufsausbildung abschließen. Was machen die dann? Was sollen diese Menschen in unserer Gesellschaft tun? Die können kein Buch lesen, geschweige denn ein Fachbuch.

Die Schule kann doch aber nicht alle Probleme lösen, ich sage nur Elternhaus, soziales Umfeld.

Das soziale Umfeld aber ist nicht die Hauptursache für Analphabetismus. Die Betroffenen wurden einfach alleingelassen in der Schule. Niemand schaut hin und sagt, der braucht Hilfe, dem muss ich einzeln helfen. Der muss einfach lesen lernen. Stattdessen werden die Kinder nach hinten gesetzt, in die letzte Reihe.  Das ist unglaublich! Wenn ich ein Kind nach hinten setze, dann habe ich es abgeschrieben. Was mache ich mir da für Gedanken als Lehrer?

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN Exakt - Die Story | 20.02.2019 | 20:45 Uhr | MDR Fernsehen

Zuletzt aktualisiert: 19. Februar 2019, 05:00 Uhr