Toni Krahl
Bildrechte: imago/VIADATA

Interview "Ich würde heute auch demonstrieren" - City-Frontmann Toni Krahl über die "Fridays for Future"

Wegen einer Demo kam City-Frontmann Tony Krahl in der DDR mit 18 Jahren in Haft. Im Interview spricht er darüber, ob die Proteste seiner Generation mit den heutigen Protesten der Jugendlichen vergleichbar sind.

Toni Krahl
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Herr Krahl, die Jugend geht wieder auf die Straße und protestiert zum Beispiel bei den "Fridays for Future" gegen den Klimawandel. Würden Sie da auch mitmachen?

Wenn ich jetzt 16 Jahre alt wäre, wäre ich vermutlich genau in dieser Bewegung anzutreffen. Zu meiner Zeit war vielleicht alles ein bisschen homogener. Der Zeitgeist war mehr schwarz-weiß, während es heute so viele verschiedene Möglichkeiten gibt, sich auszuleben.

Damals gab es ja eine Situation, die Sie ins Gefängnis gebracht hat. Was ist denn im Sommer 1968 passiert? Können Sie uns die Geschichte noch mal kurz erzählen?

Ich will das wirklich kurz halten. 1968 – das war die Zeit des "Prager Frühlings". Wie der Name schon sagt, hat sich das in der Tschechoslowakei in Prag abgespielt. Dort haben die Menschen versucht, einen Sozialismus mit menschlichem Antlitz aufzubauen, um einmal diesen viel strapazierten Begriff zu gebrauchen. Diese Bewegung wurde durch die Armeen der Warschauer-Pakt-Staaten blutig niedergeschlagen. Ich hatte dagegen protestiert, weil ich empört war, dass deutsche Soldaten möglicherweise wieder in Prag einmarschieren. Am Ende wurde ich zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, die ich Gott sei Dank nicht in Gänze absitzen musste.

Wie lautete der Vorwurf?

Der Vorwurf war "staatsfeindliche Hetze". Das war Paragraph 106 des DDR-Strafgesetzbuches. Das war so eine Art Gummiparagraph. Da konnte man eigentlich alles drunter fassen, von einem Witz bis hin zum Hochverrat.

Zwischen 1968 und dem Mauerfall 1989 sind ja doch noch einige Jahre ins Land gegangen. Wie hat sich diese Zeit für Sie als, ich nenne Sie mal "Revoluzzer", entwickelt?

Ich würde das Wort "Revoluzzer" nicht gebrauchen. Das war damals einfach meine Zeit. Ich habe 1968 protestiert und als ich dann aus dem Gefängnis rausgekommen bin und ich als disziplinierende Maßnahme in einem bestimmten Betrieb arbeiten musste und drei Jahre Schlosser gelernt habe, habe ich gemerkt, dass die Obrigkeit in der DDR keinen Spielraum hatte. Das machte mich danach vielleicht, wie soll ich sagen, ein bisschen vorsichtig, was aber an meiner Meinung nicht all zu viel änderte. Ich bin lediglich nicht mehr sofort auf die Straße gegangen.

Im Sommer 1968 waren Sie 18, zum Mauerfall 20 Jahre später standen Sie mitten im Leben. Wie ist das, wenn Sie heute zurückblicken auf diese Jugendzeit und das mit der heutigen Jugend vergleichen?

Das ist heute zwar eine andere Generation, trotzdem kommen wir miteinander klar. Ich habe ja mehr oder weniger einen Dreigenerationen-Haushalt. Ich bin der Älteste in unserer Familie, meine Frau ist schon mal 25 Jahre jünger und dann habe ich noch eine Tochter, die ist 17. Wir haben eigentlich kaum Auseinandersetzungen. Manchmal würde ich mir zwar wünschen, dass meine Tochter beispielsweise mehr den Arsch hochkriegt. Das ist aber erstens eine Mentalitätsfrage und  zweitens stellt sich die Frage: Wieso denn, wofür denn? 

Haben wir die jungen Leute ausmanövriert, indem wir Regeln geschaffen haben, die einigermaßen in Ordnung sind und die auch Wohlstand geschaffen haben. Also warum sollten sie sich dann mehr bemühen?

Ja, das stimmt und da spielt nicht nur Bequemlichkeit eine Rolle. Durch die elektronischen Medien, durch die Geschwindigkeit, mit der sich Sachen verbreiten, ist man, glaube ich, auch verwirrt. Ich selber wäre verwirrt, erst recht mit 17 oder 20. Es gibt so viele Kanäle, auf denen man sich austoben kann, so dass die Entscheidung für die jungen Leute und auch für mich schwerer fällt.

Das Interview führte Thomas Lopau.

Quelle: MDR/sth

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 02.04.2019 | 20:00 bis 23:00 Uhr bei Dienstags direkt

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Zuletzt aktualisiert: 02. April 2019, 15:04 Uhr

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17 Kommentare

04.04.2019 12:34 Numer 99 17

Also ich denke diese Demonstrationen werden weiter gehen unabhängig davon ob es da Ordnungsstrafen gibt oder nicht. Ganz einfach weil die Ursache dafür leider nicht behoben ist. Und die Politik wird dadurch aufgefordert jede Alternative zu nutzen um unsere Lebensgrundlagen langfristig zu sichern.

04.04.2019 09:17 asraelvudogel 16

Leute, Leute. Merkt ihr es eigentlich noch? Eure Kinder oder vermutlich eher Enkelkinder gehen auf die Straße für ihre Zukunft, nicht für eure! Wie auch immer sich das Klima entwickelt und was auch immer am Klimawandel dran ist oder nicht, ist es doch auf jeden Fall besser bewusst Emissionen zu vermeiden oder noch mehr Schadstoffe in die Luft zu blasen. Was haben wir zu verlieren? Selbst wenn die Erde den Bach runter geht, haben wir es dann wenigstens versucht.
Und der gute Herrn Krahl könnte da natürlich mit gutem Beispiel voran gehen und nicht nur darüber reden, sondern auch mal handeln.

03.04.2019 18:28 NRW-18 15

In München wird den Eltern streikender Schüler aktuell mit Bußgeld gedroht. Das ist doch mal eine positive Meldung, damit dieser Kokolores möglichst bald wieder aufhört und man zur Normalität übergeht. Wer glaubt, gegen den Klimawandel demonstrieren zu müssen, sollte auch gegen die Gezeiten demonstrieren.

03.04.2019 13:17 Jana 14

Herr Krahl, bitte tun Sie was. Keine E- Gitarren, keine Verstärker und was so noch alles auf die Bühne kommt an Stromfressern. Wenn jeder einen Betrag leistet muss nicht mehr geschwänzt werden. Oder haben sich die Kinder schon zu sehr an den freien Freitag gewähnt?55870

03.04.2019 08:08 Dieter 13

Ich glaube kaum, dass der City-Mann den Klimawandel und die damit zusammenhängende Hysterie verstanden hat. Er wollte wohl eher einen lockeren Spruch machen (Moto: was bin ich für ein Held gewesen). Könnten die Kids nicht mal gegen die Dunkelheit in der Nacht demonstrieren - wenn es da hell wäre, würde man viel Energie sparen.

02.04.2019 19:30 Veit Zessin 12

Die hohle Phrase vom "Kampf gegen den Klimawandel", die täglich von Politikern und Medien ausposaunt wird, ist reine Ideologie. Sie suggeriert, der Mensch könne das Klima konstant halten bzw. ohne den Menschen wäre es konstant. Statt naturwissenschaftliche Bildung zu vermitteln, wird in den Schulen zunehmend "Haltung" gelehrt. Darauf kam es schon in den zwei deutschen Diktaturen des letzten Jahrhunderts an, der national-sozialistischen und der sozialistischen. Wo "Haltung" den Verstand ersetzt, sollten die Alarmglocken eines jeden Demokraten schrillen. Krahl hat in seiner Jugend hohen persönlichen Mut gezeigt. Die heutigen Demonstranten dagegen sind Mainstream und agieren als Handpuppen der Mächtigen ohne irgend etwas zu riskieren. Im Gegenteil, sie werden mit Lob und Goldenen Kameras überschüttet.

02.04.2019 19:14 Sachse43 11

Wirklich leiden mußte der Diplomatensohn und Kontaktperson vom Ministerium nie.

02.04.2019 18:42 NRW-18 10

@ 1 lummox
Dass Toni Krahl jetzt auch in dieses Horn trötet, entsetzt mich ehrlich gesagt, denn die "Rocklegenden" finde ich gut. Aber sie bestehen ja noch aus "Maschine" und Karat ...
Auch aus meiner Sicht werden Schüler systematisch vor einen politischen Karren gespannt. Verständlich, dass Jugendliche das Streiken viel "cooler" finden als Schule, zumal sie von ranghohen Politikern und ihren Lehrern auch noch Zuspruch bekommen. Das macht deutlich, woher der Wind weht. Streik-Göttin Greta dient als Vorbild, fliegt !!! wie vermutlich ihre Eltern von Auftritt zu Auftritt und bekommt dafür noch die Goldene Kamera.

02.04.2019 16:22 Anhalter 9

....den Biermann hätte ich auch rausgeschmissen

02.04.2019 16:14 Juror an Nr. 1 8

Richtig. 2019 ist Superwahljahr. Langstreckenluisa ist Mitglied der Grünen Jugend und wird von der parteinahen Heinrich-Böll-Stiftung gefördert. Es geht also um Stimmen von Erstwählern.

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