14.06.2020 | 12:49 Uhr Sozialpsychologe: "Verschwörungstheorien können auch mal zutreffen"

Impfen verursacht Autismus, der Tsunami ist durch eine US-amerikanische Geheimwaffe entstanden - seit die Corona-Krise den Alltag beherrscht, scheinen solche Verschwörungstheorien enormen Aufwind zu haben. Die Amadeu-Antonio-Stiftung befand am Mittwoch, dass die Pandemie deutlich mache, wie weit verbreitet derartige Mythen auch in Sachsen seien. Die Stiftung verzeichnet verstärkt antisemitische Verschwörungsmythen. Welchen Ursprung haben Verschwörungstheorien allgemein? Wie geht man damit um? Und haben sie wirklich zugenommen? MDR SACHSEN hat mit Professor Roland Imhoff gesprochen, einem Sozialpsychologen, der sich auf dieses Thema spezialisiert hat.

Sozialpsychologe Roland Imhoff
Professor Roland Imhoff ist Sozialpsychologe an der Uni Mainz. Bildrechte: Roland Imhoff

Professor Imhoff, wo hören Skepsis und kritisches Hinterfragen auf und wo beginnt die Verschwörungstheorie? Sind die Grenzen fließend?

Auf eine gewisse Weise ja. Erstmal vorab: Eine Verschwörungstheorie muss nicht zwingend falsch sein. Ich bin der Meinung, dass man bei einem pauschalen Vorwurf der Lüge jeden Dialog miteinander von vornherein unmöglich macht.

Anders als der Wahrheitsgehalt ist für mich ein zentrales Merkmal für Verschwörungstheorien - oder Verschwörungsglauben wie wir es in der Wissenschaft nennen - die Überzeugung, dass eine eingeschworene Elite, alle Macht versammelt. Diese agiert im Verborgenen und zieht dort die Strippen. Das geschieht zum Vorteil der Mächtigen und zum Nachteil der Allgemeinheit, so der Glaube.

Eine Verschwörungstheorie kann also wahr sein?

Ja, eine Verschwörungstherorie kann auch mal zutreffend sein. Denken wir beispielsweise an den US-amerikanischen Geheimdienst. Der ist ein beliebtes Feindbild vieler Verschwörungstheoretiker. Dass der das Kanzlerinnen-Handy abhört, wäre von den Meisten vor 2013 noch als eine verrückte Idee belächelt worden. Problematisch an Verschwörungstheorien ist, dass sie eigentlich keine Theorien im wissenschaftlichen Sinne sind. Eine Theorie ist, wie der Name schon sagt, eine Art Annahme, die von neuen Erkenntnissen bestätigt, verändert oder eben widerlegt werden kann. Verschwörungsgläubige sind blind für alle Gegenargumente oder wissenschaftliche Erkenntnisse, die gegen ihren Glauben sprechen. Diese anderen Argumente oder Fakten werden als Kampagne der Verschwörer um-interpretiert. Damit schotte ich mich komplett ab von anderen Quellen.

Haben sich die Inhalte dieser Verschwörungsvorstellungen bis zu Corona gewandelt?

Wenn man sich über Jahrzehnte damit beruflich auseinandersetzt, kommt einem jede sogenannte neue Verschwörungstheorie vor wie alter Wein aus neuen Schläuchen. Die einzelnen Elemente kommen immer wieder.

Ob es der Tod von Lady Diana, der Tsunami oder der Impfstoff ist, gibt es eine nur recht übersichtliche Anzahl von Schuldigen, die dann immer wieder ins Feld geführt werden. Für manche sind es die amerikanischen Geheimdienste, Big Pharma, der Vatikan, die Illuminati oder – in meiner Wahrnehmung besonders häufig – die Rothschilds, von denen es dann auch nicht mehr Weit zum Judentum ist.

Sind Verschwörungstheorien verbreiteter als früher?

Das ist wissenschaftlich noch nicht ausreichend belegt. Da fehlt es einfach an Studien, um einen großen Bogen zu spannen.

Sie begründen ja die Anziehung von Verschwörungs-Erzählungen mit der sogenannten "Zufallsaversion". Das heißt, der Mensch neigt dazu, in Ereignissen einen Sinn oder Grund herauslesen zu wollen. Welche Rolle spielt hier die schwindende Bedeutung der großen Religionen?

Das ist in der Tat ein wichtiger Faktor. Studien konnten nachweisen, dass religiöse Menschen weniger zu Verschwörungsglauben neigen als Nicht-Religiöse. Der Mensch tut sich schwer mit dem Chaos und der Komplexität der Welt. Und dass manche Dinge einfach aus dem Zufall entstehen, will man nicht glauben - sucht nach einer Erklärung dahinter. Religionen bieten Erklärungen, bieten damit eine ähnliche Funktion wie Verschwörungsglauben. Heißt, wer keine Religion hat, aber trotzdem Sinn, Intention und Wille hinter Dingen sucht, verfällt vielleicht eher einer Verschwörungstheorie. Das vermittelt ein Gefühl von Kontrolle.

Kontrolle - inwiefern?

Intention und Schuldige hinter den Dingen zu vermuten, gibt einem zumindest die Illusion von Kontrolle. Gott oder Götter können angebetet werden, man kann versuchen, sie zu besänftigen. Und im Falle von Verschwörungstheoretikern können menschliche Akteure prinzipiell eher beeinflusst werden als der Zufall. Aber nur scheinbar. Einerseits natürlich weil die Theorie der Verschwörung wirklich selten zutrifft. Zum anderen werden diese Gruppen als so allmächtig imaginiert, dass eine effektive Kontrolle durch eine kleine Gruppe von Verschwörungsgläubigen ohnehin wenig aussichtsreich wäre. Warum sollte sich eine allmächtige Weltregierung von StrippenzieherInnen von youtube-Videos und Attila Hildmann vorm Reichstag beeindrucken lassen? Daher gibt man sich da einer Illusion hin.

Ostdeutschland gilt ja als eine Region, die besonders anfällig ist für Verschwörungstheorien. Ist ein Grund dafür die geringere konfessionelle Bindung?

Dass der Osten Deutschlands dem mehr anhängt, ist zahlenmäßig noch nicht belegbar. Auch hier fehlen wirklich belastbare Daten. Aber es gibt Anhaltspunkte, die erklären können, warum der Nährboden hierzulande besonders gut sein könnte. Dazu gehört auch die hohe Zahl der Nicht-Religiösen. Aber eine große Rolle spielt ebenso, dass Verschwörungsglauben an den politischen Rändern besonders stark vertreten sind. Links sowie rechts. Und da die Ränder besonders im Osten stark sind, wäre das plausibel.

Außerdem ist zu vermuten, dass gewisse Traumata - vor und nach der Wende - dazu führen, dass man hier besonders misstrauisch gegenüber politischen Eliten und Institutionen ist. Einschneidend war ja zum Beispiel auch die als ungerecht empfundene Fremdbestimmung durch die Treuhand.

Wie kann man eine Entwicklung hin zu Verschwörungsglauben einfangen?

Bei schon eingefleischten Verschwörungsgläubigen bin ich pessimistisch. Oft steht aber am Anfang ein Ungerechtigkeitsempfinden oder das Gefühl, Dinge nicht mitbestimmen zu können. Hier könnte man die Ursache genauer anschauen und etwas daran ändern. Es gibt viele sogenannte fence sitter (aus dem Englischen: Unentschlossene, Anm. d. Red.). Das sind Menschen, die mit einer Verschwörungstheorie liebäugeln, gleichzeitig aber auch den wissenschaftlichen Konsens zum Thema für plausibel halten. Die Menschen dann in ihrem Misstrauen nicht auszulachen, sondern ernst zu nehmen, kann halb geschlossene Türen wieder öffnen. Ein gutes Beispiel ist hier das Impfen. Diese Unentschiedenen sind noch für andere Argumente erreichbar.

Aber es ist auch wichtig, sich zu vergegenwärtigen, dass wir uns alle damit abmühen, unseren eigenen Weg, einen Mittelweg, zwischen Skepsis und Vertrauen zu finden. Zum Beispiel, wenn wir eine Zeitung lesen. Da halte ich es weder für gerechtfertigt, jedes Wort einer Zeitung bedingungslos zu glauben, noch allem grundsätzlich zu misstrauen. Das ist immer eine Herausforderung und setzt auch eine gewisse Bereitschaft voraus, mit Ambivalenzen umgehen zu können.

Ist mediale Arroganz - so ein gewisser alleiniger Wahrheitsanspruch, der in manchen Veröffentlichungen zum Ausdruck kommt - ein Problem?

Zumindest kann man sagen, dass das Auslassen von Unsicherheiten oder Lücken kontraproduktiv ist. Medien wollen ja oft schnell und kompakt informieren und eine gewisse Aufmerksamkeit generieren. Und Hand aufs Herz: Wer von uns Lesern oder Zuschauern hat es denn gern, sich mit einer unsicheren und unklaren Ausgangslage zu befassen, immer wieder Einschränkungen und Abwägungen zu hören.

Aber das Resultat einer vorgegaukelt-klaren Situation ist nicht unbedingt ein überzeugter Leser. Das Glattbügeln von Zweifeln sorgt eben gerade mitunter für Misstrauen, das im Extremfall einem Verschwörungsglauben den Weg ebnet.

Ein Beispiel dafür, dass es doch gelingen kann Unsicherheiten zu kommunizieren, ist für mich übrigens Professor Drosten. Eben weil er ganz klar benennt, wo er oder seine Kollegen noch im Dunklen tappen, genießt er bei vielen Menschen besonderes Vertrauen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Professor Roland Imhoff Der Sozialpsychologe ist über die Beschäftigung mit dem Antisemitismus auf den Forschungsbereich der Verschwörungstheorien gekommen. Feindbilder sind in diesen Weltbildern nicht die Schwachen und Minderwertigen, sondern die Mächtigen und Starken, die den Rest der Welt - so die Theorie - beständig übers Ohr hauen. Imhoff lehrt an der Universität Mainz.

Quelle: MDR/st

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