Zwei Jungen stehen sich streitend gegenüber
Bildrechte: Aliaksei Smalenski/Colourbox.de

Schulmediation in Sachsen Streiten will gelernt sein - Schlichten auch

Wenn sich Schüler sprichwörtlich in den Haaren liegen, Argumente lieber mit der Faust, als mit dem Wort durchgesetzt werden, dann schlägt die Stunde der Streitschlichter. Der Clou dabei: Schüler helfen Schülern. Seit 2001 unterstützt die Unfallkasse Sachsen gewaltpräventive Projekte an Oberschulen und Gymnasien. Seit sechs Jahren werden auch Grundschüler darin unterrichtet, kleinere Streitigkeiten eigenständig zu lösen. Bislang machen rund 160 Einrichtungen in ganz Sachsen mit.

Zwei Jungen stehen sich streitend gegenüber
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Für Ivonne Töpel, stellvertretende Schulleiterin der Wilhelm-Hauff-Grundschule in Leipzig-Möckern, sind Streitschlichter unverzichtbar. Ihre Schule liegt in einer Art Brennpunktgebiet und hat mit Problemen zu kämpfen, die in anderen Stadtteilen nicht vorkommen. Es gibt große soziale Unterschiede, viele Familien leben von Hartz IV, die Kinder sind oft auf sich selbst gestellt. Das größte Problem in ihren Augen ist aber die fehlende Sozialkompetenz. Wie sich gestritten wird, wie man Streitigkeiten löst, bekommen sie in ihren Familien nicht vorgelebt, erklärt sie.

Manchmal muss ich schon schlucken, mit welcher Brutalität die Kinder vorgehen.

Ivonne Töpel Wilhelm-Hauff-Grundschule Leipzig

Ein Schulgebäude von aussen
277 Schüler lernen an der Grunschule Wilhelm-Hauff in Leipzig-Möckern. 11,6 Prozent haben Probleme mit dem Lesen und der Rechtschreibung. Knapp zehn Prozent sind integrierte Schüler mit sonderpädagogischem Bedarf. Bildrechte: Privat / Sylke Bach

Seit gut einem Jahr werden 15 Drittklässler ihrer Schüler als Streitschlichter ausgebildet, finanziert von der Unfallkasse Sachsen. Ein Ziel des dreijährigen Projekts "Kinder lösen Konflikte selbst" sei, dass die Kinder nach Hause gehen und das Gelernte zu Hause anwenden, so Töpel. Zudem werden auch die Lehrer unterstützt. "Nicht jeden Streit lösen zu müssen, sondern die Verantwortung auch an die Kindern abzugeben, kommt gut bei den Lehrern an," erzählt Ivonne Töpel. Die schlichtende Instanz in einem Zwist sind nämlich nicht die Lehrer, die von oben herab über Täter und Opfer urteilen und damit über die Schuldfrage, sondern die Schüler verhandeln gleichrangig und auf Augenhöhe miteinander.

Ich denke, dass sie stolz sind, dass sie das machen dürfen. Dass sie die Fähigkeit haben, Streitigkeiten zu lösen und nicht nur danebenstehen und zugucken.

Ivonne Töpel Wilhelm-Hauff-Grundschule Leipzig

Je früher Kinder Konflikte lernen selbst zu lösen, umso besser, findet Töpel. Soziale Kompetenzen zu vermitteln, sollte ihrer Meinung nach schon im Kindergartenalter erfolgen. Auch vom Land, bzw. dem Landesamt für Bildung und Schule, wünscht sie sich mehr Unterstützung wie zum Beispiel mehr Personal. "Gerade in Schulen, wo man weiß, dass es ein schwieriges Umfeld gibt," erläutert sie. Denn was fehle sei aufgrund des Lehrermangels Kapazität und die Kraft solche außerschulischen Projekte zu stemmen.

"Du Arsch, du sitzt auf meinem Platz"

Ein Porträt einer Frau
Jeder Streit kann geklärt werden, wenn man im Blick hat, dass beide Seiten Bedürfnisse und Wünsche haben, sagt Diplom-Sozialpädagogin Yvonne Eichler. Sie bildet Streitschlichter aus. Bildrechte: Fotostudio Prochnow, Eilenburg / Yvonne Eichler

Die Gründe, warum sich Schüler sprichwörtlich in die Haare geraten, sind vielfältig, erklärt Yvonne Eichler. Die Sozialpädagogin vom Arbeitskreis Schulmediation Leipzig ist für die Streitschlichter-Ausbildung an Oberschulen im Raum Nordsachsen zuständig. Gehe es in den Grundschulen um Probleme wie "Du sitzt auf meinem Platz", "Du hast Arschloch zu mir gesagt", werde es an den Oberschulen ein wenig komplizierter, so Eichler. Da gehe es unter anderem um politische Statements, darum, ob die richtige Kleidung getragen werde oder ob ein Schüler im Klassenverband anerkannt sei oder nicht.

Obwohl aus unterschiedlichsten Gründen gestritten wird, ist die Ausbildung zum Streitschlichter in ganz Sachsen gleich. Sozialpädagogen vermitteln im Schulalltag in rund 20 Stunden die Grundlagen. Darunter fallen Themen wie Kommunikation, Konfliktmanagement, Konfliktlösungsmöglichkeiten, Neutralität und was eigentlich Streit und ein Streitschlichter ist.

Sobald die Grundlagen vermittelt sind, kann die Schule einen Antrag bei der Unfallkasse Sachsen stellen und die künftigen Schulmediatoren gehen für drei Tage in ein Intensivcamp. Dort werden die Schüler mittels Rollenspiele auf ihre künftige Aufgabe vorbereitet.

Bei Mobbing hört das Schlichten auf

Das Camp sei zwar anstrengend, mache aber viel Spaß, sagen Anton und Kasimir vom Johannes-Kepler-Gymnasium in Leipzig. Die beiden Neuntklässler sind seit gut zwei Jahren ausgebildete Streitschlichter. Zuständig sind sie für Streitigkeiten in der fünften und sechsten Jahrgangsstufe. Meistens werden sie von Schülern direkt angesprochen oder von anderen Klassenkameraden darauf aufmerksam gemacht, dass sich zwei streiten. "Manchmal machen wir auch Kontrollgänge und schauen in die Klassen rein, ob alles läuft. Wenn nicht, dann sprechen wir mit den Personen und je nachdem wie schlimm es ist, kommt es zum Streitschlichtergespräch", erzählt Anton.

zwei Jugendliche schauen in Kamera
Anton (l.) und Kasimir (r.) sind seit zwei Jahren ausgebildete Streitschlichter am Johannes-Kepler-Gymnasium. Sie würden die Ausbildung jederzeit wieder machen. Dass die Streitenden selbst nach einer Lösung des Konflikts suchen, finden die beiden gut. Bildrechte: MDR/Barbara Brähler

Dabei gehe es vornehmlich um Kleinigkeiten. Aber auch zu Konflikten wie eine kleine Schlägerei oder Mobbing, werden die beiden gerufen. Allerdings sei Mobbing ein spezieller Fall, räumt Kasimir ein. Das lasse sich nicht einfach abstellen und könne von den Schul-Streitschlichtern gar nicht gelöst werden. "Diese Fälle geben wir ab", erklärt Anton. Vor allem laufe das Mobbing über die Sozialen Medien und kaum einer traue sich zuzugeben, dass er ein Mobbing-Opfer oder -Täter sei.

Besonders gut gefällt ihnen an der Ausbildung, dass sie dadurch emphatische Fähigkeiten vermittelt bekommen haben, die sie auch in anderen Situationen anwenden. Man verstehe den anderen besser, erklärt Kasimir.

Man schaut nicht nur auf sich selbst und versucht die Vorteile aus dem Konflikt rauszuholen, sondern man erforscht die Gründe, warum der andere das gemacht hat.

Kasimir Streitschlichter

"Ich simuliere das Ende des Streits", fügt Anton hinzu. "Wie könnte ich ihn lenken, damit er gut ausgeht." Für beide ist das Wichtigste, dass die Streitparteien selbst herausfinden, was falsch gelaufen ist. Und vor allem, dass die Kontrahenten von selbst auf eine Lösung kommen. "Man hat ja bei den Konflikten selber schuld, und das gegenüber einem Erwachsenen zuzugeben, fällt einem schwer", sagt Kasimir.

Quelle: MDR/bb

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSENSPIEGEL | 12.06.2018 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 13. Juni 2018, 08:14 Uhr

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