Nebeneffekte Corona-Maßnahmen verdrängen andere Infektionen in Sachsen

Eine Grafik zeigt eine Desinfektionssprühflasche. Aus ihr sprüht jemand in eine Ecke auf viele bunte Virusfiguren, die sich ängstlich vor dem Sprühnebel verdrücken wollen.
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Nach Informationen der Krankenkasse DAK Gesundheit sind 2020 in Sachsen viele Infektionskrankheiten deutlich zurückgegangen. Das ergebe sich aus Daten des Robert-Koch-Instituts, die die Krankenkasse für die Analyse von meldepflichtigen Krankheiten und Erregern genutzt hat. Demnach sind Grippeinfektionen um knapp zwölf Prozent zurückgegangen, Keuchhusten und Rotavirus-Infektionen jeweils um 80 Prozent.

Anzahl gemeldeter Infektionskrankheiten im Vergleich in Sachsen (Auswahl)
Infektionsart Jahr 2019 / Fälle Jahr 2020 / Fälle / Rückgang
Grippe 22.964 20.292 ( - 11,6 Prozent)
Norovirus-Infektionen 8.537 3.472 ( - 59,3 Prozent)
Rotavirus-Gastroenteritis 4.719 970 ( - 79,4 Prozent)
Scharlach 3.084 1.124 ( - 63,1 Prozent)
Windpocken 1.795 842 ( - 53,1 Prozent)
Keuchhusten 1.185 237 ( - 80 Prozent)
Salmonellen 923 710 ( - 23,1 Prozent)
Tuberkulose 159 127 ( - 20,1 Prozent)
Masern 18 0 ( - 100 Prozent)

AHA-Regeln wirken gegen Infektionskrankheiten

"Der Rückgang der Infektionskrankheiten zeigt, dass die Hygienemaßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie teilweise auch die Übertragung anderer gefährlicher Krankheiten verhindern", urteilte die Leiterin der DAK-Landesvertretung in Sachsen, Christine Enenkel. Die Maßnahmen wie Homeoffice, Abstandsregeln und Kontaktbeschränkungen hätten die Übertragung verschiedener Erreger eingedämmt und damit insgesamt einen positiven Einfluss.

Davon geht auch der kommissarsische akadem. Leiter des Instituts für Medizinische Mikrobiologie und Virologie des Universitätsklinikums Leipzig, Prof. Dr. Christian Jassoy, aus. "Bei allen Problemen der Corona-Pandemie haben die Hygienemaßnahmen unterm Strich positive Effekte auf die Eindämmung anderer Infektionskrankheiten." Weniger Influenza- oder Norovirus-Ausbrüche in Kliniken, Kitas und Krankenhäusern belasteten auch das Gesundheitssystem weniger.

Der Rückgang bei Infektionskrankheiten ist grundsätzlich erfreulich. Man sieht das auch in anderen Ländern. Epidemologisch gesehen, ist das sehr interessant. Man wird Vieles daraus lernen.

Prof. Dr. Christian Jassoy Facharzt für Mikrobiologie, Virologie und Infektionsepidemiologie

Noch stärkerer Rückgang bei Influenza erwartet

Für die aktuelle Grippesaison erwartet der Leipziger Professor für Virologie einen noch stärkeren Rückgang als 11,6 Prozent im vorigen Jahr. Die Grippesaison hat ihren Höhepunkt normalerweise ab Ende Januar und im Februar. Der erste Lockdown begann im vorigen Frühjahr im März. "Ich denke schon, dass wir am Ende 2021 einen viel beträchtlicheren Rückgang der Influenza-Erkrankungen sehen werden als noch 2020", sagte Jassoy MDR SACHSEN.

Wie aktiv Grippe-Viren bundesweit und in Sachsen zirkulieren, können Sie bei der Arbeitsgemeinschaft Influenza des RKI hier ablesen.

Weniger Grundimmunisierung?

Viele Infektionskrankheiten, die sich Kleinkinder und Kinder bei nahen Kontakten in Gruppen holen, sind 2020 ebenfalls zurückgegangen, beispielsweise Scharlach (minus 63 Prozent) oder Windpocken (minus 53 Prozent). Facharzt Christian Jassoy rechnet nicht damit, dass die Immunität bei Kindern eingeschränkt wird, weil sie derzeit weniger Kontakte untereinander haben. "Ich denke, sie werden durchaus manche Krankheiten später bekommen, manches fällt vielleicht auch mal aus. In Summe wird man das aber nicht merken."

Was passiert nach der Corona-Pandemie?

Und wie entwickeln sich Infektionen, wie die Influenza, wenn 2021 die Hygienemaßnahmen und Abstandsregeln aufgehoben oder die Menschen nachlässiger werden? Darüber sind sich Epidemologen weltweit uneinig. In manchen Simulationen haben Forscher starke Grippe-Ausbrüche berechnet, wonach sich die Grippeviren umso heftiger oder früher im Jahr verbreiten, je länger sie das zuvor genau nicht konnten. Allerdings ist unklar, ob und wie sich dieses Simulation auf die Wirklichkeit übertragen lassen.

Das Risiko, dass Influenza nach Lockerungen der aktuell strikten Hygienemaßnahmen "stärker ausbricht, ist schon vorhanden", meint der Virologie-Professor Christian Jassoy. Umso wichtiger sei, dass die Menschen die Abstandsregeln und regelmäßiges Händewaschen verinnerlichten und anwendeten. Und: "Gut wäre, wenn sich möglichst viele in der nächsten Saison wieder gegen Grippe impfen lassen."

Weniger Läuseverbreitung

Im ZDF berichteten Apotheker und Ärzte außerdem über einen Rückgang des Läusebefalls vor allem bei Kindern. Demnach wurden weniger Läusemittel gekauft, ortsweise bis zu einem Drittel weniger. Dass die Kita- und Schulschließungen sowie Kontaktbeschränkungen Läusen ganz den Garaus machen könnten, glaubt der emeritierter Professor für Parasitologie an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, Heinz Mehlhorn, nicht. Im Gespräch mit ZDFheute sagte er: "Die Menschheit gibt's seit Millionen von Jahren, Menschen hatten immer Läuse. Daran ändert auch Corona nichts."

Quelle: MDR/kk

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSENSPIEGEL | 22.01.2020 | 19:00 Uhr

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