02.04.2020 | 17:23 Uhr Pflegedienst-Chefin: "Ich fühle mich gerade doppelt alleingelassen"

Schutzkleidung und -material sind bei Pflegediensten noch immer Mangelware. Zusätzlich wachsen wirtschaftliche Probleme. Doppelte Sorgen in Zeiten, in denen eigentlich die Menschen im Mittelpunkt stehen sollten.

Chris Bergmann, Geschäftsführerin eines ambulanten Pflegedienstes aus Borna, hadert sehr mit den aktuellen Auswirkungen der Corona-Pandemie. Fast die Hälfte ihres Arbeitstages verbringe sie damit, für ihre Mitarbeiter Schutzkleidung und -material zu organisieren - bislang weitgehend erfolglos. Dazu kommen wirtschaftliche Sorgen. Doch Besserung scheint in Sicht.

Pflegedienstmitarbeiter arbeiten bald ungeschützt

Das Landratsamt, das Sozialministerium, die Corona-Hotline, ihren Berufsverband, verschiedene Hersteller, eine Bundestagsabgeordnete, das Bundesgesundheitsministerium und sogar das Beschaffungsamt der Bundeswehr: Wenn Chris Bergmann aufzählt, wen sie schon alles angerufen hat, um an Schutzkleidung, Schutzmasken und Schutzmaterialien für ihre Mitarbeiter zu kommen, muss sie manchmal selbst innehalten und gedanklich nachzählen. Die 51-Jährige betreibt in Borna bei Leipzig einen ambulanten Pflegedienst mit insgesamt zwölf Mitarbeitern. Bergmann ist nach eigenen Angaben "schon seit Wochen" bis zu vier Stunden täglich damit beschäftigt, neben den normalen administrativen Aufgaben auf die Jagd nach Schutzmaterial zu gehen.

Eine junge Frau hat ihre Hand auf der Schulter einer älten Frau gelegt, die in einem Seniorenheim am Tisch sitzt.
Mitarbeiter von Pflegeeinrichtungen können Überträger des Coronavirus werden, wenn sie ungeschützt arbeiten. Bildrechte: dpa

"Sollen wir ungeschützt geopfert werden?"

Das beschreibt sie in einer aufgeregten Mail an MDR SACHSEN - und auch am Telefon ist Bergmanns Verärgerung deutlich zu hören. Denn der Fachfrau war schon seit geraumer Zeit klar, was mit der Coronavirus-Pandemie auf ihre Branche und ihre Firma zukommt. Ihr Pflegedienst hat auch speziell für die Wundversorgung ausgebildetes Personal und Erfahrung und Expertise im Umgang mit multiresistenten Keimen. Dazu gehören entsprechende Schutzmaterialien - also Kittel, Handschuhe und medizinische Schutzmasken.

Davon hat sie an diesem Donnerstag noch "zwei pro Mitarbeiterin". Und Nachschub sei derzeit trotz all ihrer Bemühungen nicht in Sicht.

Sollen wir in den ambulanten Pflegediensten, Pflegeheimen und Rettungsdiensten ungeschützt geopfert werden?

Chris Bergmann Geschäftsführerin eines ambulanten Pflegedienstes in Borna

Das fragt Bergmann in ihrer Mail rhetorisch.

Wirtschaftliche Sorgen drücken

Dazu kommen wirtschaftliche Sorgen - für die eigene Firma, aber auch für die Branche. Umsätze aus der Tagespflege seien vielfach weggefallen, weil Patienten sich an das Kontaktverbot hielten. Zudem, sagt Chris Bergmann, hätten einige Kranken- und Pflegekassen gerade Zahlungsverzug. Für ihre Firma hat sie deshalb bereits über die Sächsische Aufbank einen Zuschuss aus dem Corona-Soforthilfeprogramm des Bundes beantragt. "Den Antrag habe ich ausgedruckt und per Post verschickt", erzählt sie, "weil das Online-Verfahren zusammengebrochen war."

Hoffung auf Spahns Rettungsschirm

Große Hoffnung setzt Chris Bergmann zudem in den "Rettungsschirm" für Heime und Pflegedienste, den Bundesgesundheitsminister Jens Spahn Mitte März angekündigt hatte. Er sieht unter anderem vor, dass Ausgaben oder Einnahmeausfälle durch die Corona-Krise von den Pflegekassen ausgeglichen werden sollen.

Davon ist allerdings noch nichts zu spüren.

Chris Bergmann Geschäftsführerin eines ambulanten Pflegedienstes in Borna

Weder gebe es genauere Informationen über die Details noch konkrete Möglichkeiten, den Ausgleich zu beantragen. Ihr Fazit: "Ich fühle mich gerade doppelt alleingelassen."

Berufsverband arbeitet an Lösungen

Doch ganz so düster, wie Chris Bergmann die Situation gerade sieht, sei sie nicht, sagt Jaqueline Kallé. Sie ist die sächsische Landesgeschäftsführerin des Bundesverbandes privater Anbieter (bpa) sozialer Dienste, in dem im Freistaat rund 800 Pflegedienste und Pflegeeinrichtungen organisiert sind.

Portrait einer blonden Frau, die in eine Kamera lacht
Jaqueline Kallé - Landesgeschäftsführerin Sachsen bpa Bildrechte: MDR/bpa/Juergen Henkelmann

Denn zum einen sei der Rettungsschirm der Pflegekassen erst Ende März offiziell aufgespannt, das entsprechende Gesetz erst am 29. März erlassen worden. Ihr Bundesverband sei mit anderen Beteiligten und den Spitzenverbänden der Pflegekassen derzeit dabei, die Details der Umsetzung zu erarbeiten. "Dann werden wir unseren Mitgliedern auch so schnell wie möglich Anwendungs-Hilfen zur Verfügung stellen."

Bundesverband hat Schutzmaterial bestellt

Zum anderen habe der Bundesverband mittlerweile selbst Schutzmaterialien und Ausrüstung bestellt, um die an seine Mitglieder weiterzureichen. Das sei eigentlich keine Kernaufgabe.

Die normalen Marktmechanismen und Bestellroutinen funktionieren nicht mehr.

Jaqueline Kallé Landesgeschäftsführerin Sachsen des Bundesverbandes privater Anbieter sozialer Dienste

Man arbeite hier sowohl mit der Landesregierung als auch den Landkreisen, Kommunen und kreisfreien Städten, die für die Verteilung schließlich zuständig sind, eng zusammen. Insgesamt schätzt der Freistaat den Bedarf für das kommende halbe Jahr auf rund 45 Millionen Masken unterschiedlichsten Typs.

Kallé hatte im MDR bereits am Mittwoch kritisiert, dass Pflegeheime und Pflegedienste "irgendwo am Ende der Kette" stünden. Auch die Diakonie Sachsen hatte auf den Missstand hingewiesen und eine angemessene Versorgung von Altenpflege- und Behindertenheimen sowie Mitarbeitern mobiler Pflegedienste eingefordert.

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Quelle: MDR/rad

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSENSPIEGEL | 01.04.2020 | 19:00 Uhr

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