30.05.2020 | 14:52 Uhr Leipziger Moritzbastei in Nöten: "Im Oktober wird es existenzbedrohend"

Die Corona-Pandemie hat mit der Moritzbastei auch einen der wichtigsten Kulturbetriebe in Leipzig hart getroffen. Seit Mitte März sind alle Einnahmen weggebrochen. Dem stehen Ausgaben im fünfstelligen Bereich gegenüber. Momentan hilft noch ein Kredit der Sächsischen Aufbaubank. Geschäftsführer Mario Wolf befürchtet aber, dass ab Herbst die Existenz auf dem Spiel stehen könnte.

Moritzbastei
Bildrechte: Mitteldeutscher Rundfunk

Jeder, der irgendwann einmal in Leipzig war oder dort studierte, kennt das größte kulturelle Zentrum, mitten im Herzen der Stadt: die Moritzbastei. Der frühere Studentenklub der Universität ist einer der wichtigsten Kulturbetriebe in Leipzig. Was viele nicht wissen, die MB arbeitet ohne institutionelle Förderungen. Wie viele freie Kulturbetriebe hat die Corona-Pandemie auch die Moritzbastei eiskalt getroffen. Trotz Kurzarbeit und heruntergefahrenem Betrieb laufen monatliche Kosten von rund 10.000 Euro auf. Geschäftsführer Mario Wolf befürchtet, dass es im Herbst für das Haus existenzbedrohend werden könnte.

"Das war ein hochemotionaler Moment"

Seit 17 Jahren ist Mario Wolf Geschäftsführer der Moritzbastei, doch so eine Krise hat der 54-Jährige noch nicht erlebt. Seit Mitte März ruht der Betrieb, die 47 sozialversicherungspflichtigen Mitarbeiter sind bis Ende des Jahres auf Kurzarbeit, die gut 50 Pauschalkräfte stehen seit zweieinhalb Monaten ohne einen Cent da. "Als wir das Haus von heute auf morgen schließen mussten, ich es den Mitarbeitern sagen musste, das war schon ein hochemotionaler Moment", erinnert sich Wolf, der damals – die Buchmesse als wichtige Einnahmequelle war gerade weggefallen – noch davon ausging, dass Ende Mai das schlimmste überstanden ist. "Die Bundesagentur hatte mir da aber schon geraten, die Kurzarbeit bis Ende des Jahres anzumelden."

Mario Wolf (Geschäftsführer der Moritzbastei)
Mario Wolf sitzt im Innenhof der Moritzbastei Bildrechte: Mitteldeutscher Rundfunk

Mit Kredit läuft es noch bis zum Herbst

Die vom Freistaat nun beschlossenen Lockerungen helfen dem Betrieb in der MB herzlich wenig. "Vom Geschäftsfeld sind 90 Prozent weiterhin verboten. Bei den zehn Prozent, die wir machen können, haben wir 25 Prozent Umsatz. Das ist nicht kostendeckend." Dennoch gibt es seit zwei Wochen einen Mittagsbetrieb, "um ein Zeichen zu setzen, dass wir noch leben". Dank kleiner Reserven konnte die MB bis Ende Mai noch selbst die Kosten decken. Mittlerweile lebt man von einem Kredit über 100.000 Euro von der Sächsischen Aufbaubank. Der ist zinslos und soll über den ohnehin umsatzschwachen Sommer helfen. Im September ist auch das Geld aufgebraucht. Man könne dann noch bis zu 300.000 Euro vom Soforthilfeprogramm beantragen, bei drei Prozent Zinsen. "Damit  kämen wir zwar bis Ende des Jahres hin, aber die Hypothek wäre einfach zu groß. Wie sollen wir das zurückzahlen? In unserem Geschäftsbereich kann man diese Überschüsse kaum erwirtschaften. Das will ich auch meinem Nachfolger nicht mitgeben", so Wolf.

Kredite vom Land helfen den Clubs nicht

In ihrer Existenz bedroht sind noch viel mehr Kultureinrichtungen in Leipzig. Vor zwei Wochen veröffentliche die Interessensvertretung der Clubs und Spielstätten, LiveKommbinat e.V., ein Positionspapier, um auf die dramatische Lage aufmerksam zu machen. In einer Umfrage unter den Clubbetreibern rechnen 75 Prozent mit einer Insolvenz in den kommenden drei Monaten, wenn Zuschüsse des Landes oder des Bundes ausbleiben. Und nur das, so weiß auch Mario Wolf, würde wirklich helfen. "Wir bräuchten Zuschüsse vom Bund und dem Land, keine Kredite. Die können die freien Einrichtungen, die ja ohne Förderungen existieren müssen, nicht zurückzahlen."

Karl-Marx-Universität Leipzig Studentenleben in der Moritzbastei in den 1980er-Jahren

Mahmoud Dabdoub, palästinensischer Austauschstudent aus dem Libanon, fotografierte in den 80er-Jahren das Studentenleben in der Moritzbastei. Blicken Sie mit uns zurück.

Auftritt eines Folkloreensembles der PLO (Palästinensische Befreiungsorganisation) in der "mb" Mitte der achtziger Jahre.
Mahmoud Dabdoub, palästinensischer Austauschstudent aus dem Libanon, fotografierte in den 80er-Jahren das Studentenleben in der Moritzbastei. Hier: Auftritt eines Folkloreensembles der PLO (Palästinensische Befreiungsorganisation) in der "mb" Mitte der Achtziger Jahre. Bildrechte: Mahmoud Dabdoub
Auftritt eines Folkloreensembles der PLO (Palästinensische Befreiungsorganisation) in der "mb" Mitte der achtziger Jahre.
Mahmoud Dabdoub, palästinensischer Austauschstudent aus dem Libanon, fotografierte in den 80er-Jahren das Studentenleben in der Moritzbastei. Hier: Auftritt eines Folkloreensembles der PLO (Palästinensische Befreiungsorganisation) in der "mb" Mitte der Achtziger Jahre. Bildrechte: Mahmoud Dabdoub
Wie üblich drangvolle Enge in der "Veranstaltungstonne" der mb.
Wie üblich drangvolle Enge in der "Veranstaltungstonne" der mb. Bildrechte: Mahmoud Dabdoub
Eine Jazzrockband spielt in der "Veranstaltungstonne" der "mb".
Eine Jazzrockband spielt in der "Veranstaltungstonne" des zentralen Studentenklubs von Leipzig auf. Bildrechte: Mahmoud Dabdoub
Ausstellungseröffnung in der Moritzbastei. Links der Maler Neo Rauch, damals Student an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst.
Ausstellungseröffnung in der Moritzbastei. Links der Maler Neo Rauch, damals Student an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst. Bildrechte: Mahmoud Dabdoub
Während der alljährlich stattfindenden „Dokumentar- und Kurzfilmwoche“ in Leipzig war die Moritzbastei quasi das Festivallokal. Hier: Lothar Bisky, damals Rektor der Hochschule für und Fernsehen in Potsdam, im Gespräch mit einem palästinensischen Filmemacher.
Während der alljährlich stattfindenden "Dokumentar- und Kurzfilmwoche" in Leipzig war die Moritzbastei quasi das Festivallokal. Hier: Lothar Bisky, damals Rektor der Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam, im Gespräch mit einem palästinensischen Filmemacher. Bildrechte: Mahmoud Dabdoub
Schlangestehen vor der stets überfüllten mb: Nur wenn jemand den Studentenclub verließ, durfte ein neuer Gast hinein (1987)
Schlangestehen vor der stets überfüllten mb: Nur wenn jemand den Studentenclub verließ, durfte ein neuer Gast hinein. (1987) Bildrechte: Mahmoud Dabdoub
Ausgezeichnete Studenten aus der Mongolei, Ende der achtziger Jahre
Ausgezeichnete Studenten aus der Mongolei feiern Ende der Achtziger Jahre in der "mb". Bildrechte: Mahmoud Dabdoub
Disco in der mb (Moritz Bastei) (1987)
Disco in der "mb" (1987) Bildrechte: Mahmoud Dabdoub
Jazz-Session in der Moritzbastei Mitte der 1980er-Jahre
Jazz-Session in der Moritzbastei Mitte der 1980er-Jahre.

(Über dieses Thema berichtete der MDR auch im TV: MDR um 2 | 30.06.2015 | 14:00 Uhr.)
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Auch WGT fällt als Einnahme weg

An diesem Pfingstwochenende hätte sich die Moritzbastei übrigens mit dem Wave Gotik Treffen das nächste finanzielle Polster geschaffen. Damit finanziert das Haus Veranstaltungen, die keine Gewinne bringen, wie Lesungen, Theater, Ausstellungen oder kleinere Konzerte mit unbekannten Künstlern. "Das geht jetzt alles nicht. Wir fahren nur noch auf Sicht, müssen immer mindestens mit einer schwarzen Null rauskommen", so Wolf. Dennoch wird es weitere vorsichtige Öffnungen geben, auf der Terrasse. Im Juni sollen dort Theater und Sommerkino laufen. Auf einen grünen Zweig kommt man damit natürlich nicht. Um auf den zu kommen, bräuchte es laut Wolf zwei Dinge: Ein Ende der Beschränkungen durch den Freistaat. Und damit einhergehend auch ein Ende der Angst in der Bevölkerung vor dem Virus.

Mario Wolf (Geschäftsführer der Moritzbastei)
MB-Geschäftsführer Mario Wolf bleibt Optimist. Bildrechte: Mitteldeutscher Rundfunk

Im September soll und muss es losgehen

Die große Hoffnung der Moritzbastei, denn immer noch sind die Mitarbeiter trotz der extremen Lage optimistisch und voller Tatendrang, liegt aber auf dem September. "Wenn wir da wieder alles auf Normalbetrieb fahren können, Diskotheken und Konzerte stattfinden, Vermietungen – die einen großen Teil der Einnahmen ausmachen – wieder machbar sind, dann werden wir es schaffen." Wie realistisch das ist, kann auch der Geschäftsführer der Moritzbastei nicht sagen. "Ich bleibe Optimist und gehe einfach davon aus, dass wir im Herbst wieder richtig aufmachen." An das andere Szenario möchte Mario Wolf einfach nicht denken.  Eins jedoch steht fest: "Wenn wir im Herbst nicht wieder in den Normalbetrieb gehen können, wird es für die MB existenzbedrohend."

1 Kommentar

Kurzkommentator vor 5 Wochen

"Ein Ende der Angst in der Bevölkerung" - sehr richtig.
Diese Angst aber wird staatlich befördert und am Leben gehalten und mit der unsäglichen Maskenpflicht tagtäglich demonstriert befeuert.
Eine reine Schikanemaßnahme.
Schluss mit der Maskerade! Die Maske muss weg!

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