28.12.2019 | 10:00 Uhr Pyrotechnik aus Bad Düben: "Das Feuerwerk ist mein Leben"

Schon Wochen vor dem Jahreswechsel steht Peter Schönberger mit seinen Helfern in der Werkstatt. Sie schrauben und verkabeln explosives Material. Das Ziel: Am ersten Tag des Jahres soll der Himmel besonders schön glitzern.

Feuerwerk, mit einem Smartphone fotografiert.
Es funkelt und leuchtet zum Jahreswechsel: Traditionell werden mit der Knallerei böse Geister und Dämonen vertrieben, damit das Jahr gut starten kann. Bildrechte: imago/ITAR-TASS

Eine bunt erleuchtete Silvesternacht – ein Muss für viele, wenn sie das neue Jahr begrüßen. Auch für Peter Schönberger gehört die Farbenpracht am Nachthimmel dazu. Doch während sich der Großteil der Feierwütigen "zwischen den Jahren" entspannt auf die Couch legt, ungeliebte Geschenke umtauscht und Zeit mit den Kindern verbringt, steht der Pyrotechniker in seiner Werkstatt.

Mit Tastatur und Schraubendreher

Ein Mann steht vor einer Regalwand mit vielen Feuerwerkskörpern
In der Werkstatt von Peter Schönberger sind die Regale bis oben hin gefüllt mit Feuerwerkskörpern. Bildrechte: MDR/Katharina Pritzkow

In Bad Düben geht schon in den Wochen vor Silvester früh das Licht an, erzählt Schönberger: "Ab morgens 5:30 Uhr bin ich unten, dann habe ich meine Ruhe. Keiner ist da, ich programmiere meine Feuerwerke, die diese Saison noch geschossen werden müssen. Und das kann man wirklich nur machen, wenn Ruhe ist."

Wenn die Helfer erst da sind, geht für den gelernten Feuerwerker die Rennerei los: einweisen, Aufbau der Feuerwerke erläutern, Fragen beantworten, Kundschaft beraten, Ablaufskripte erklären. Wenn Schönberger dann nachts gegen 0:30 Uhr - 19 Stunden später - das Licht ausmacht, ist er in seiner kleinen Werkstatt rund 10.000 Schritte gelaufen.

Seit 15 Jahren arbeitet Schönberger als Feuerwerker und stellt trotz der Rennerei fest: "Programmieren ist eigentlich der langwierigste Teil." Das liegt vor allem am Sprengstoffgesetz, das 2017 erneuert wurde. Früher lief es bei Komplettfeuerwerken so ab: Alle Effekte des Feuerwerks wurden miteinander mit sogenannten Verzögerungseinrichtungen verbunden, im Fachjargon heißt das "verleitet". So konnte der Feuerwerker genau bestimmen, welches Element zu welchem Zeitpunkt in die Luft gehen soll. Das ist heute so nicht mehr erlaubt.

Neue Gesetze, zündende Ideen

"Ein Jahr lang haben wir uns Gedanken gemacht, mit Anwälten Grauzonen gesucht", erinnert sich Feuerwerker Schönberger. "Dann haben wir einen Weg gefunden: Jede Box bekommt jetzt einen eigenen elektrischen Zünder. Wir haben Zündanlagen gekauft, jede Box wird einzeln auf die Zündanlage geklemmt und die Zündanlage wird programmiert." Allein in diesem Jahr hat das Team um den Feuerwerker knapp 5.000 Zünder verbaut.

Gelber Schalter mit Schlüssel
Wer ein Feuerwerk über eine Zündanlage startet, benutzt statt Flammen nur einen Finger. Bildrechte: MDR/Katharina Pritzkow

Für den Kunden ändert sich dadurch nicht viel: Er drückt jetzt eben auf einen Zündknopf. Alles andere macht das Gerät von allein – beziehungsweise der Pyrotechniker am Computer. Er muss im Vorfeld Effekte aussuchen, Verzögerungen einrechnen und Skripte schreiben. Wenn dann auch noch Musik dazukommt, wie bei großen Veranstaltungen, sitzt Schönberger Tage und Wochen: "Weil wir wirklich jeden Takt mitnehmen. Und dann muss auch die Idee da sein: Was mache ich jetzt an dieser Stelle? Da ist ganz viel Erfahrung gefragt, denn man muss jeden Effekt kennen. Man braucht viel Fantasie und ein bisschen Durchgeknalltheit."

Silvesterfeuerwerk: Raketen und Leuchtfeuer
Bildrechte: imago images / localpic

Wie funktioniert die Silvesterrakete? Eine handelsübliche Rakete besteht aus mehreren sichtbaren Teilen: Holzstab, zylinderförmigem Grundkörper und Zündschnur.

Der Holzstab zeigt die Richtung an, in die die Rakete fliegen soll.

Der Grundkörper besteht aus Pappe, gefüllt mit Schwarzpulver (als sogenannte Zerlegerladung) und Effektladung. Sie bestimmt zum Beispiel, welche Farbe am Himmel erleuchtet. Direkt darunter befindet sich der "Treiber": ein dicht zusammengepresstes Gemisch aus Schwarzpulver und Titan. In den Treiber führt eine Zündschnur.

Das Zusammenspiel von Zündschnur, Treiber und Zerlegerladung ist in jeder Rakete genau aufeinander abgestimmt. Nur so ist es möglich, dass die Rakete erst dann ihren Effekt zeigt, wenn sie am höchsten aufgestiegen ist.

Welche Farbe dann zu sehen ist, bestimmen die Bestandteile der Effektperlen: Strontium explodiert rot, Holzkohle und Eisenspäne sorgen für ein goldfarbenes Leuchten, grün erreicht man mit Barium.

Für große Sinfonien und kleine Feiern

Von seinem größten Erfolg erzählt der leidenschaftliche Feuerwerker mit einem Strahlen in den Augen: "Wir haben für das Leipziger Sinfonieorchester ein Synchronfeuerwerk geschaffen. Das Sinfonieorchester hat live auf der Bühne spielt und wir haben zu 90 Prozent synchron dazu geschossen. Es ist echt Wahnsinn, das ist so schwer." Ein halbes Jahr hatte er sich auf dieses Event vorbereitet.

Ein Komplettfeuerwerk für den Hausgebrauch zu Silvester ist hingegen in wenigen Stunden zusammengebaut. Das Material dafür bekommt Schönberger über seine Importeure aus Fernost: "98 Prozent aller Feuerwerke, die Sie kaufen können, werden in China hergestellt. Es wird kaum noch hier eine Rakete produziert."

Orange Drähte verbinden verschiedene Objekte
Scheinbar wild durcheinander gewürfelt hat das Team um Schönberger die einzelnen Feuerwerkselemente platziert. Doch hinter allem steht ein ausgetüftelter Plan. Bildrechte: MDR/Katharina Pritzkow

Der Umwelt zuliebe: In diesem Jahr weniger Feuerwerke?

An den Wänden der Werkstatt stapeln sich kurz vor Silvester die Kartons – wie auch in den Geschäften. Kurz vor dem Jahreswechsel  darf auch der Einzelhandel wieder Raketen, Batteriefeuerwerke und Böller anbieten. 133 Millionen Euro haben die Deutschen kurz nach Mitternacht am Neujahrstag in die Luft geschossen.

Ob es in diesem Jahr weniger wird? Davon ist der langjährige Pyrotechniker Schönberger überzeugt – auch bei ihm macht sich die aktuelle Situation bemerkbar: "Durch die Gesetzgebung und den Umweltschutz ist es deutlich weniger geworden. Wir haben viele Kunden, viele Hotels, über zehn Jahre beliefert. Jetzt sind doch einige dabei, die kein Feuerwerk machen - der Umwelt und den Tieren zuliebe. Ich gehe davon aus, das sind bestimmt 30 Prozent weniger in diesem Jahr."

Zeit mit der Familie

Gut für die Umwelt – schlecht für den Umsatz im kleinen Familienbetrieb. Trotz schwieriger Zeiten ist Schönberger aber überzeugt: Er wird weitermachen. "Das ist meine Leidenschaft. Das Feuerwerk ist mein Leben." Schon als Achtjähriger liebte er bengalische Feuer: bunte Flammen ohne Knall. Die Vorliebe ist geblieben: "Knall hasse ich bis heute. Diese ganzen Salut-Böller gibt es bei uns gar nicht. Das hab ich auch meinen Kindern weitergereicht." Genau wie die Liebe für prächtige Feuerwerke, leuchtende Nächte und das Basteln an Pyrotechnik. Und so kommt es, dass Peter Schönberger die Zeit zwischen den Jahren doch zusammen mit Tochter und Sohn verbringt: in der Werkstatt.

Quelle: MDR/kp

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 31.12.2020 | 10:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 28. Dezember 2019, 10:00 Uhr

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