17.06.2019 | 18:20 Uhr Delitzsch und die Wunden des Arbeiteraufstandes

Der 17. Juni 1953 war auch in Delitzsch ein einschneidender Tag. Zwei Delitzscher wurden erschossen, 20 weitere in politischen Schauprozessen verurteilt. OB Wilde fordert, die Erinnerung an den Aufstand wachzuhalten.

Gedenken an 17. Juni 1953 in Delitzsch, Zeitzeugin Lilly Zörner Kranzniederlegung am Unteren Bahnhof, 2019, mit dem OB Manfred Wilde
Oberbürgermeister der Stadt Delitzsch, Manfred Wilde (M.), steht neben Zeitzeugin Lilly Zörner und ihrem Mann (r.). Nur zwei weitere Gäste fanden sich zum Gedenken ein. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

In Delitzsch wurde am Montag der Opfer des Aufstandes am 17. Juni 1953 gedacht. Zur Kranzniederlegung am 66. Jahrestag des sogenannten Arbeiteraufstandes der DDR kamen allerdings nur wenige Delitzscher. Der Oberbürgermeister der Kreisstadt, Manfred Wilde, nutzte dennoch die Gelegenheit, deutlich zu machen, dass die Geschehnisse vom 17. Juni 1953 einen Einschnitt in der Geschichte der Stadt darstellten.

Was geschah am 17. Juni 1953 in Delitzsch?

Dutzende Menschen hatten sich an jenem Tag vor der SED-Kreisleitung versammelt und protestierten gegen Lebensmittelengpässe, Normerhöhungen und die Internierung von politischen Gefangenen in sowjetischen Speziallagern. Der Demonstrationszug ging danach in die Dübener Straße in das Kreisamt der Volkspolizei. Dort wurden Schüsse aus dem Gebäude abgegeben und zwei Männer, die auf der Straßenseite der Schokoladenfabrik standen, wurden getroffen und starben. Sowjetische Soldaten übernahmen die Bewachung der Gebäude von SED-Kreisleitung und Volkspolizei und verhängten den Ausnahmezustand. Sogar sowjetische Panzer patroullierten an jenem Abend in Delitzsch.

Das macht deutlich, dass es um ein Stück Delitzscher Geschichte geht, das nicht vergessen werden sollte. Gerade in den jüngeren Generationen muss es viel mehr noch ins Bewusstsein dringen, damit sich solche Geschehnisse nicht wiederholen und wir die Demokratie schätzen lernen.

Dr. Manfred Wilde Oberbürgermeister der Stadt Delitzsch

Viele Beteiligte seien mittlerweile verstorben, aber es gebe noch Familienangehörige, so OB Wilde weiter. In vielen Familien wurden die Ereignisse und ihre Folgen jedoch verschwiegen, oftmals bis zur Wiedereinigung, weil die Angst, stigmatisiert zu werden, groß war. "Deshalb ist mein Appell an die lebende Generation, den Schuhkarton unter dem Bett vorzuholen mit den alten Fotos, Unterlagen oder Gerichtsurteilen und gern auch dem Stadtarchiv zur Verfügung zu stellen, damit das Thema noch besser aufgearbeitet werden kann", sagte Wilde.

Quelle: MDR/sm

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 17.06.2019 | ab 07:30 Uhr in den Nachrichten aus dem Regionalstudio Leipzig

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3 Kommentare

18.06.2019 20:18 DER Beobachter @ "Besserossie-Wessie" 2 3

Bei uns im Osten war der 17.Juni kein Feiertag. Und u.a. wenn wir den zufälligen Geburtstag eines in den 80ern geborenen Neffen feierten, hatten wir noch ´89 "Besuch" an diesem Tag und öfter. Das ist übrigens ein Grund dafür, warum mir die Inanspruchnahme der DDR durch die blaubraunen Bewegungen Zornesfalten auf die Stirn treibt... Ich bin eigentlich lieber für den 9.November... ;)

17.06.2019 22:58 aus Dresden 2

Danke an den MDR über den Bericht, der einen guten Überblick über die Ereignisse bietet:
"Dutzende Menschen hatten sich an jenem Tag vor der SED-Kreisleitung versammelt und protestierten gegen Lebensmittelengpässe, Normerhöhungen und die Internierung von politischen Gefangenen in sowjetischen Speziallagern."

Ich finde es bedauerlich, dass der 17.06.2019 kein Feiertag mehr ist (bin aus dem Westen zugezogen).

Eine Zusammenfassung der offiziellen Berichterstattung der DDR zum Aufstand vom 17. Juni 1953 findet man im Kommentar @1.

17.06.2019 21:07 schmachulke 1

Ein Arbeiter- oder Volksaufstand war das sicher nicht. Da haben ein paar Antikommunisten und Altnazis wieder Morgenluft gewittert und dachten, sie könnten den verhassten Oststaat beseitigen. Der Westen hat damals über alle Kanäle gehetzt und gehofft, dass es klappt. Es fehlte aber offenbar die Unterstützung der Mehrheit. Nach ein paar Tagen war der Spuk vorbei. Aber wie sagt man so schön: Die Geschichte schreiben die Sieger. War es wohl doch ein machtvoller Volksaufstand.

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