Eine Dorfstraßen mit Wohnhäusern und alten Scheunen. An der Straße stehen Überlandleitungen.
Poßdorf gehört zur großen Kreisstadt Delitzsch Bildrechte: Fabian Stark.

21.05.2019 | 13:00 Uhr Wie Poßdorf von Fördermitteln der EU profitiert

Europa scheint oft weit weg. Dabei ist Europa oft zum Greifen nah ist - in Poßdorf bei Delitzsch zum Beispiel. Dort baut Bettina Paubandt einen Mehrgenerationen-Hof, mithilfe von EU-Geldern. Ein sogenanntes Leader-Projekt, das auf die Idee von Leuten aus der Region zurückgeht. Fabian Stark hat sich das mal angesehen.

von Fabian Stark

Eine Dorfstraßen mit Wohnhäusern und alten Scheunen. An der Straße stehen Überlandleitungen.
Poßdorf gehört zur großen Kreisstadt Delitzsch Bildrechte: Fabian Stark.

Poßdorf, 56 Einwohner, kurz vorm Seelhausener See. Die alte Kneipe, der Dorfkrug. Gegenüber ein Spielplatz, Rutsche und Schaukel glänzen wie neu, nur zurzeit ohne Kinder. Am Ende der Straße eine Schafsweide und ein Gehöft aus Backstein. Bettina Paubandt kommt auf ihrem Rad angebraust, einen dicken Ordner unterm Arm, voll mit Projektanträgen und Kostenvoranschlägen.

Die EU machts möglich

Ein Leader-Projekt hat die 52-Jährige hier schon umgesetzt, eine Tagespflege für Kinder, "Storchenküken" hat sie die genannt. Das alte Wohnhaus strahlt nun in Weiß. Paubandts Tochter betreut hier fünf Kinder. Sie lernen hier, aufs Klo zu gehen, sich an- und auszuziehen, selbst zu essen. Eine Vorbereitung auf den Kindergarten im direkten Kontakt mit der Natur, mit Schafen und Hühnern im Gehege gleich neben dem Haus. Die "Storchenküken" sollen einmal zur 24-Stunden-Betreuung ausgebaut werden, sagt Paubandt, der Bedarf sei da.

Vor einem Bretterzaun lächelt eine Frau in brauner Lederjacke. Im Hintergrund erkennt man ein altes Haus aus Backstein und ein renoviertes weißes Gebäude.
Bettina Paubandt hat schon mehrere Projekte mit Hilfe von EU-Geldern umsetzen können. Bildrechte: Fabian Stark

Das Leader-Programm weiter nutzen

Zu den Küken sollen nun noch zwei weitere Projekte kommen, auch die unterstützt von Leader-Geldern. Auf demselben Gehöft, das Paubandt von ihrer verwitweten Nachbarin übernommen hat. Gegenüber den "Storchenküken", im ehemaligen Kuh- und Pferdestall, bohrt und hämmert es. Hier entsteht im Erdgeschoss eine Hebammenpraxis - das "Storchen-Ei" -, darüber Räume für drei Hebammen und Ruheräume für Frauen, die länger dableiben. Diese Räume richten sich vor allem an Frauen ohne Netzwerk, sagt Paubandt.

Das sind vor allem Frauen aus Leipzig, die niemanden haben, die nicht wissen, wo das große Kind hinsoll, wenn sie ins Krankenhaus gehen, oder wo der Mann nur auf Arbeit ist.

Bettina Paubandt engagiert sich in Poßdorf

Die Hebammenpraxis soll noch 2019 fertig werden.

Eine alte große Scheune, in einer Ecke steht ein alter VW-Käfer.
Hier soll die "Alten-WG" entstehen. Bildrechte: Fabian Stark

Quer zu "Storchen-Ei" und "Storchenküken" steht eine Scheune, sie trägt Heu bis unter die Dachbalken. Hier soll in einem nächsten Schritt eine Alten-WG entstehen. "Da kommen dann die Klapperstörche hin, also die klapprigen Störche", lacht Paubandt. "Alten-WG" sei dabei nicht wörtlich zu nehmen: "Wer keine Familie mehr hat, merkt, dass etwas ganz schön Wichtiges fehlt. Wer sagt, ich fühle mich alleine nicht mehr wohl, hat die Möglichkeit, hierherzukommen."

Das EU-Förderprogramm Leader wurde im Rahmen des Europäischen Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raums (ELER) ins Leben gerufen. Lokale Aktionsgruppen, bestehend aus ca. 20 Leuten verschiedenster sozialer Träger, entscheiden darüber, welche der eingereichten Projektskizzen gefördert werden. Das Programm gibt es seit 1991 und wird 2020 in eine neue Förderrunde starten.

Den ländlichen Raum wieder mit Leben füllen

Bettina Paubandt wohnt schon seit ihrer Geburt 1967 in Poßdorf. Nach dem Krieg kamen viele Flüchtlinge aus Schlesien hierher. Nach 1989 kam der Wendeknick - Post, Kindergarten und Konsum wurden geschlossen.

Ein alter Hof mit Backsteinscheunen an denen Baugerüste stehen. Es blühen Blumen.
Im alten Hof wird momentan schwer geschuftet und gewerkelt. Bildrechte: Fabian Stark

Mit ihrem Mehrgenerationen-Hof verfolgt Paubandt nun eine Vision für ganz Poßdorf: "Jetzt, wo wir auf superhohem Niveau leben, wo Wohnflächen toll ausgebaut sind - da kommt natürlich ein Anspruch an Kultur. Gleichzeitig der Anspruch auf dem Dorf zu sein, dass das unruhige, zentralisierte und gestresste Leben rausgenommen wird - die Chance, mich in den Garten zu setzen, ohne dass ich eine Straßenbahn höre."

Leider haben nicht alle so viel Erfolg wie Bettina Paubandt

Paubandts Nachbar ist Benjamin Wagner, ein junger Familienvater aus Leipzig. Als Neu-Poßdorfer muss man sich seinen Ruf erst verdienen, meint er, trotzdem sagt er: "Ich hätte nicht gedacht, dass es so leicht ist, von der Stadt aufs Land zu ziehen." Gerade Paubandts Familie habe Wagner samt Frau und Tochter super aufgenommen.

Ein Mann steht vor einem alten Backsteinhaus.
Benjamin Wagners Versuch EU-Gelder zu beantragen, ist nicht so gut ausgegangen. Bildrechte: Fabian Stark

Auch Wagner hat Leader-Gelder beantragt. Für einen Event-Hof, beispielsweise für Hochzeiten, Feiern auf dem Land. Aber er ist leer ausgegangen. Das Problem: Er hat nur die Materialkosten in den Antrag geschrieben, wollte selbst bauen und somit sparen: "Die wollten gerne, dass wir Firmen engagieren, aber dann wäre das alles viel teurer geworden, als wir geplant hatten. Wenn wir eine Förderung gehabt hätten, wären wir in einem Jahr fertig. Dass es so nicht geht, ist sehr schade."

Sollte die Projektförderung neu gedacht werden?

Wagner findet, dass viele gute Projekte bei Leader gar nicht zum Zug kommen - und hat auch einen Vorschlag, wie es besser laufen könnte: "Es gibt viele Menschen mit guten Ideen, denen das nötige Kleingeld fehlt. Es wäre sinnvoll, wenn Fördergelder etappenweise ausgezahlt werden könnten und die Leute tatsächlich mit der Förderung das Projekt finanzieren können, ohne ein finanzielles Risiko tragen zu müssen." Zurzeit fördere Leader vor allem solche Projekte, die ihre Initiatoren im Zweifel auch selbst stemmen könnten, meint Wagner. Paubandt teilt die Kritik: "Alles auszulegen und erst dann die Kosten erstattet zu bekommen, wenn alles genehmigt und durchgegangen ist, das ist natürlich eine finanzielle Belastung, die man vorneweg wissen muss."

Ein Mann und eine Frau sitzen an einem Besprechungstisch und lächeln freundlich.
Katharina Bruchner und Sebastian Bohnet vom Regionalmanagement Delitzscher Land Bildrechte: Fabian Stark

Wir bedauern das auch sehr. Das ist gerade für kleinere Projekte und Vereine eine Riesenhürde. Das haben wir uns leider nicht ausgedacht, das ist eine Vorgabe des Landes.

Sebastian Bohnet Regionalmanagement Delitzscher Land

Grund sei der hohe bürokratische Aufwand bei jeder Auszahlung, sagt Bohnet, darum gebe es in der Regel nur die eine am Ende. Abhilfe könnten jedoch Zwischenfinanzierungen der Sächsischen Aufbaubank schaffen.

Über zehn Millionen für die Region Delitzsch

Das Regionalmanagement wacht über die Leader-Gelder der Region, 10,4 Millionen Euro sind es in Delitzsch für den Förderzeitraum 2014 bis 2020, 129 Projekte wurden bisher in Angriff genommen. Kommendes Jahr endet die aktuelle Förderperiode von Leader, im Delitzscher Land genauso wie in den 29 anderen Leader-Förderregionen in Sachsen. In Delitzsch stehen noch gut zwei Millionen Euro zur Verfügung, etwa ein Fünftel des Gesamtbudgets. Weniger sollen nun weitere Bauvorhaben gefördert werden, meint Bohnet: "Der Fokus geht nun eher auf Projekte, die einen großen Mehrwert für viele in der Region schaffen, beispielsweise Begegnungszentren."

2020 geht das Programm in eine neue Runde

Nach 2020 wird es dann neue Leader-Gelder von der EU geben - die Entscheidung über die Förderhöhe seitens der EU stehe aber noch aus, wie das sächsische Landwirtschaftsministerium mitteilt. Voraussichtlich werden es aber weniger sein als die insgesamt 427 Millionen für den aktuellen Förderzeitraum von 2014 bis 2020. Sachsen habe sich vergleichsweise gut entwickelt. Nun würden osteuropäische Länder einen höheren Anteil einfordern vom Topf, aus dem auch die Leader-Gelder stammen.

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 23.05.2019 | 14:30 Uhr im Regionalreport aus dem Studio Leipzig

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