17.06.2019 | 17:32 Uhr Als die Bäckerstochter Lilly Zörner in den Arbeiteraufstand geriet

Im Geschichtsbuch steht zum 17. Juni 1953: "Arbeiteraufstand der DDR", der vom SED-Regime blutig niedergeschlagen wurde. Menschen wurden getötet oder saßen unschuldig Jahre im Zuchthaus - so wie die Bäckerstochter Lilly Zörner aus Delitzsch. Sie ist eine der Zeuginnen der Ereignisse. Ihr Beispiel zeigt, dass die Demonstrationen weit mehr waren als Arbeiterproteste gegen das SED-Regime, denn sie entlarven Willkür und eine politisch überzeugte Justiz.

Gedenken an 17. Juni 1953 in Delitzsch, Zeitzeugin Lilly Zörner Kranzniederlegung am Unteren Bahnhof, 2019, mit dem OB Manfred Wilde
Zeitzeugin Lilly Zörner schaut sich alte Fotos an. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Lilly Zörner war damals 20 Jahre alt, hieß noch Frenzel und wohnte in Zschortau, als sie nach einem missglückten Kinoabend in die Demonstration am Unteren Bahnhof in Delitzsch geriet. Dort hatten sich bereits seit dem Mittag Delitzscher vor der SED-Kreisleitung versammelt, um gegen Lebensmittelengpässe, Normerhöhungen und sowjetische Internierungslager zu protestieren. Sie machten ihrem Frust auf die junge DDR Luft: "Einige sagten, sie wollen nicht mehr für das Geld arbeiten", erinnert sich Lilly, die möglicherweise in jugendlichem Leichtsinn mit den Männern mitmarschierte.

Wir sind durch die ganze Stadt gelaufen. Am Gemeindehaus wurde eine Fahne mit einem Messer zerschnitten. Das hat man mir dann angelastet, aber ich war das nicht. Wie sollte ich denn als Frau ein Messer bei mir gehabt haben, wenn ich doch eigentlich ins Kino wollte an dem Abend?

Lilly Zörner Zeitzeugin

Heute weiß Lilly Zörner, dass es sogar eine Zeugin gab, die gesehen hatte, dass ein Mann das Transparent mit dem Messer zerschnitten hat. Auf Anraten ihres Vaters verbrachte Lilly die Nacht zum 18. Juni 1953 in Leipzig, wurde dann tags darauf aber zu Hause festgenommen. Neben ihr wurden auch viele weitere Beteiligte verhaftet. Allein am Bezirksgericht in Leipzig wurden neun Personen aus Delitzsch für die Demonstrationen bestraft und sie wurden nach Ansicht der SED-Oberen als "faschistische Provokateure und Kapitalisten" gebrandmarkt.

Lilly kann diese Ungerechtigkeit nicht verstehen

Lilly wurde als sogenannte Rädelsführerin zu einem Jahr Zuchthaus verurteilt. Dann wagten ihre Eltern in Berufung zu gehen, was ihr weitere zweieinhalb Jahre einbrachte. Dieses Urteil erging von Hilde Benjamin, die 1953 Justizministerin der DDR wurde. Benjamin, die Kommunistin mit jüdischen Wurzeln und zu Zwangsarbeit im Zweiten Weltkrieg verpflichtet wurde, war offenbar von Lillys Schuld überzeugt und stützte mit ihrer Urteilssprechung die junge DDR. Lilly ist noch heute wütend und fassungslos über das Urteil, das Benjamin über sie fällte, und dass sie keinen gerechten Prozess erhalten hat, in dem ihre Unschuld hätte festgestellt werden müssen. "Ich bin mitgelaufen, ja, aber ich habe nichts anderes gemacht."

"In der Haft habe ich jeden Abend gebetet"

Obwohl Planwirtschaft herrschte, konnte die Bäckersfamilie Frenzel ihr Unternehmen als Selbständige führen, solange sie der Norm entsprechend produzierten. Außerdem war die Familie christlich, möglicherweise ein weiterer Dorn im Auge der DDR-Regierung. Bis zu ihrer Verhaftung hat Lilly als Verkäuferin im Laden der Eltern gearbeitet.

Im Zuchthaus wurde ihr das Arbeiten verboten, weil sie eine politische Gefangene war: "Das hätte mir in den Jahren geholfen, mich zu beschäftigen. Auch wenn ich in den Gebetsraum gehen wollte, wurde mir immer gesagt, dass der Raum schon voll sei. Also habe ich jeden Abend gebetet und mich gefragt, was ich denn falsch gemacht habe, dass ich hier unschuldig einsitze", berichtet Lilly Zörner von ihrer Zuchthauszeit, die nun fast 70 Jahre zurückliegt.

Gedenken an 17. Juni 1953 in Delitzsch, Zeitzeugin Lilly Zörner Kranzniederlegung am Unteren Bahnhof, 2019, mit dem OB Manfred Wilde
Als Lilly aus dem Zuchthaus entlassen wurde, empfingen sie die Delitzscher herzlich mit Blumen. Ob der Mann, der eigentlich getan hatte, was ihr vom SED-Regime angelastet wurde, auch Blumen brachte, weiß Lilly nicht mehr. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die "Wende" war der Befreiungsschlag

Der Zusammenbruch der DDR 1989 sorgte für einen Auftrieb in der Auseinandersetzung mit dem 17. Juni 1953 in Delitzsch und zur Lüftung eines Familiengeheimnisses. Tochter Almut Liebmann berichtet: "Meine Eltern haben meinem Bruder und mir bis zur Wende nicht erzählt, dass Mutti in Haft saß. Über Jahrzehnte dachte ich, dass sie in diesen Jahren zum Studium in Halle/Saale war." Liebmann ist sich sicher, dass ihre Eltern sie mit dem Schweigen schützen wollten. Nach der Wiedervereinigung sei Lilly wieder lebenslustiger geworden und es wurden Gespräche geführt, was damals passiert war, so die Tochter weiter. Eine Enttäuschung ist Lilly Zörner allerdings geblieben: Obwohl sie mittlerweile weiß, wer das Messer hatte und das Transparent zerschnitt, ein "Ja, Lilly, ich war es" nahm der Mann mit ins Grab.

Quelle: MDR/sm

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 17.06.2019 | ab 07:30 Uhr in den Nachrichten aus dem Regionalstudio Leipzig

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