09.06.2019 | 07:00 Uhr "Glück zu" - Mühlenrettung als Lebensaufgabe

Am Pfingstmontag wird an Dutzenden Mühlen in Sachsen der Deutsche Mühlentag begangen. Die Zentrale Eröffnungsfeier für die Mühlenregion Nordsachsen wird in diesem Jahr an der Obermühle in Bad Düben veranstaltet. In den vergangenen zwei Jahren sind dort durch den Verein Museumsdorf Dübener Heide und die Stadt die Schauwerkstätten saniert worden. Viel Arbeit, wie auch andere Beispiele rund um Leipzig zeigen.

Die Bockwindmühle Lindennaundorf, im Hintergrund der Wachbergturm in Rückmarsdorf
Die Bockwindmühle Lindennaundorf, im Hintergrund der Wachbergturm in Rückmarsdorf. Bildrechte: Jürgen Bentz

259 Jahre alt ist die Bockwindmühle von Löbnitz. Sie hat Kriege gesehen, Unwetter überlebt. Jeder einzelne Balken erzählt eine Geschichte. Bis 1996 hat sie noch geschrotet. Seitdem steht sie still. Die letzte kleine Sanierung war 1993/94. Dach und Außenhaut wurden erneuert. Das ist nun auch schon ein Vierteljahrhundert her und man sieht es der Mühle an. Mit ihren kaputten Flügeln steht sie ein bisschen wie ein Hilferuf am Dorfeingang. Deshalb haben sich im Ort acht Mühlenfreunde gefunden. Sie wollen das Denkmal, das noch in Privatbesitz ist, nicht nur erhalten, sondern, wo nötig, auch wieder aufbauen. Einer von ihnen ist Bodo Wohlschläger.

Wir kennen die Mühle noch von früher, als sie sich noch drehte. Man muss schon ein bisschen verrückt sein, um sich vor so ein Projekt zu spannen.

Bodo Wohlschläger Mühlenfreund

Mühle Löbnitz
Mühle Löbnitz Bildrechte: MDR/Grit Grimmer

Zunächst die Mühlenflügel wieder in Ordnung zu bringen. Diese wichtigste Aufgabe ist zu gleichwohl auch eine der teuersten. Pro Rute rechnet Wohlschläger mit rund 10.000 Euro. Ein Mammutprojekt also, von dem er und seine Mühlenfreunde noch nicht richtig wissen, wie sie es stemmen sollen.

Erfolgsmodell Dorfgemeinschaft

Wie so ein Mammutprojekt zu bewerkstelligen ist, wissen die Mitglieder des Heimatvereins von Frankenheim-Lindennaundorf. Sie haben vor zehn Jahren nicht nur Mühlenflügel repariert, sondern eine Mühlenruine komplett zerlegt und auf ihrem Festplatz neu aufgebaut.

Die Mühle war in einem schlimmen Zustand. Sie hat nur darauf gewartet, dass sie ein Sturm umlegt. Wir mussten sie bis zum letzten Balken auseinander nehmen.

Jens Schwertfeger Vorsitzender Heimatverein Frankenheim-Lindennaundorf e.V.

Mühle Lindennaundorf im Abendlicht
Mühle Lindennaundorf im Abendlicht Bildrechte: MDR/Grit Grimmer

Bis dahin war auch diese Mühle noch in Privatbesitz. Die Vereinsmitglieder schlugen vor, die Last von den privaten Schultern zu nehmen und auf viele Schultern im Dorf zu verteilen. Sie kauften dem Besitzer die Mühle für einen Euro ab und versprachen, dass nie ein Mühlenbrett das Dorf verlassen werde. Was wenig klingt, ist am Ende eine große Verpflichtung gewesen, die der Verein eingegangen ist, um dieses prägende Bauwerk im Dorf zu erhalten.

Der Müller-Gruß "Glück zu" ist der Standesgruß der Müller und Mühlenbauern.

Zahllose Gespräche wurden geführt, um Firmen und Privatleute für das Projekt zu begeistern. Ein bisschen Glück gehörte auch dazu. Die Werbetrommel wurde so gut gerührt, dass sich ein Architekt meldete, der die Bauplanung kostenlos übernahm. Ein Segen, denn am Ende kostete der Wiederaufbau rund 150.000 Euro. Das Geld stammte neben vielen Spenden, die in großer Höhe auch aus dem Dorf kamen, auch aus den Einnahmen von Festen.

Mühle
Bildrechte: Heimatverein Frankenheim-Lindennaundorf e.V.

Heute ist die Mühle komplett windgängig, wie es so schön heißt. Mit der richtigen Brise drehen sich die Flügel und treiben das Mahlwerk an. Jeden ersten Sonntag im Monat öffnet der Verein das Bauwerk zu Vorführungen. Schulklassen schauen vorbei. Im Umfeld sind inzwischen ein Holzbackofen und ein Bäckereiwagen entstanden. Und ein Ende der Arbeit ist auch mit dem Wiederaufbau der Mühle nicht in Sicht.

Holz arbeitet und schwindet. Man muss immer ein Ohr an der Mühle haben, hören, wo knarrt es, wo muss nachgearbeitet werden, wo muss geschmiert werden.

Jens Schwertfeger Vorsitzender Heimatverein Frankenheim-Lindennaundorf e.V.

Die Lindennaundorfer Müller sind in den vergangenen zwölf Jahren ein eingespieltes und auch großes Team geworden. Und das erfüllt alle mit Stolz. Es sei toll zu sehen, wie so eine Aufgabe ein Dorf zusammenbringen und auch bekannt machen kann, sagt Vereinsvorsitzender Jens Schwertfeger sichtlich gerührt.

Ein langer Weg

Mühle Löbnitz
Erna Döbler im Gespräch mit Bodo Wohlschläger. Die betagte Müllerin lebt direkt neben dem Baudenkmal. Ihr Schwiegervater hatte die Mühle 1932 gekauft. Bildrechte: MDR/Grit Grimmer

In Löbnitz gibt es inzwischen auch Überlegungen, einen Verein zu gründen. Denn die acht Mühlenfreunde wissen, dass sie zu wenige Schultern haben, um das Projekt zu stemmen. In den kommenden Wochen soll die Mühle aus Privathand in den Besitz der Gemeinde übergehen.

Ein Schritt, der der letzten Müllerin, Erna Döbler, sehr wichtig ist. Die 84-Jährige und ihre Familie können die Sanierung nicht stemmen. Ihre Hoffnung liegt nun auf den Mühlenfreunden. Immerhin haben sie es schon geschafft, dass nach jahrelanger Pause die Mühle seit drei Jahren wieder zum Deutschen Mühlentag am Pfingstmontag geöffnet hat.

Beim Mühlentag habe ich den ganzen Tag nur geheult. Vor Freude. Es waren so viele Leute da und haben sich für unsere Mühle interessiert.

Erna Döbler Letzte Müllerin in Löbnitz

Die ersten Spendengelder für den Erhalt des Baudenkmals fließen so in die Kasse der Enthusiasten. Damit konnten sie vor kurzem in schwindelerregender Höhe zumindest der Holzfassade der Mühle einen neuen Anstrich verpassen. Nun ist sie für die kommenden Jahre erst einmal vor Wind und Wetter geschützt.

Pfingstmontag ist Mühlentag

Auch in diesem Jahr kann die Bockwindmühle in Löbnitz zum Mühlentag wieder besichtigt werden. Eröffnet wird das Fest 10 Uhr von der Delitzscher Türmerstochter mit den Schwedensignalen, die Landfrauen bieten Kaffee und Kuchen, Oldtimer und Traktoren sind zu sehen und für die Kinder gibt es eine Überraschung.

Während die Löbnitzer ihren Mühlentag klein und urig nennen, geht es in Lindennaundorf etwas größer zu. Das 1.400-Seelen Dorf rechnet wie in den Jahren zuvor mit einigen tausend Besuchern und bietet neben Mühlenführungen auch Ausfahrten mit einem Lanz-Bulldog, Mühlenbrot, Puppentheater und Alpakas.

Quelle: MDR/gg

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Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSENSPIEGEL | 10.06.2019 | 19:00 Uhr

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3 Kommentare

10.06.2019 22:17 Anton 3

Windmühlen haben wir viele, und jeden Tag kommen neue. Egal wohin man kuckt, überall diese scheußlichen Windmühlen. Die machen uns jede kW*St viel teurer, als das mit Gas oder Atom sein könnte. Das haben die Grünen uns getan! Irgendwann müssen sie dafür zu Antwort gezogen werden.

09.06.2019 22:01 Andreas F. 2

#1: der geht nur auf Stimmenfang und es scheint ja bei manchen zu funktionieren. Sorry, mit Diktatoren und Autokraten die Grenzen verschieben, legt man sich besser nicht in's Bett, soviel Rückrat sollte man schon haben.

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09.06.2019 11:10 K.Haubold 1

Hoffentlich bleibt Herr Kretschmer standhaft, Handel mit Russland ist für Sachsen wichtig. Daimler und andere Großunternehmen können anscheinend auch die Sanktionen umgehen (siehe SZ).

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