Ein Schwann schwimmt in der Nähe von Totholz auf dem Zwochauer See im Naturschutzgebiet.
Bildrechte: MDR/Christopher Gaube

28.06.2019 | 10:27 Uhr Naturschutzgebiet Werbeliner See: ein Experiment für die Umwelt

Eine kleine Seengruppe zwischen Leipzig und Delitzsch ist nun Naturschutzgebiet. Seit 20 Jahren wächst und gedeiht auf dem ehemaligen Tagebaugebiet ein Experiment: Niemand weiß, wie sich die Natur hier entwickelt. Außerdem hoffen die Anwohner nach wie vor auf einen kleinen Badestrand. MDR SACHSEN war vor Ort.

Ein Schwann schwimmt in der Nähe von Totholz auf dem Zwochauer See im Naturschutzgebiet.
Bildrechte: MDR/Christopher Gaube

Vögel singen und Insekten schwirren zwischen den bunten Blüten umher, als Joachim Schruth plötzlich nach oben zeigt. "Ein Kormoran fliegt gerade über uns hinweg", sagt der Umweltrechtler vom NABU in Leipzig. Schon setzt der Wasservogel zum Landeanflug auf einen der Seen an. MDR SACHSEN hat sich mit dem Naturschützer verabredet, um das Naturschutzgebiet Werbeliner See zu erkunden. Vor ein paar Wochen hat die sächsische Landesdirektion dem Schutz des Gebietes offiziell zugestimmt. Doch die Geschichte reicht mehr als zwei Jahrzehnte zurück.

Ein Paradies für Tiere und Pflanzen

Ein Kormoran fliegt am Himmel und verschwindet beinahe hinter den Asten eines Strauches.
Beim Besuch am See fliegt ein Komoran über unsere Köpfe hinweg. Bildrechte: MDR/Christopher Gaube

Nachdem die Braunkohleförderung in diesem Gebiet 1993 eingestellt wurde, hat es sich weitgehend naturbedingt entwickelt. "Es ist hier eines der wenigen Gebiete, in die der Mensch nicht eingegriffen hat. Durch den Grundwasseranstieg haben sich beispielsweise der Grabschützer und Werbeliner See weittgehend selbst mit Wasser gefüllt", erklärt Schruth an einem Aussichtspunkt am Rundwanderweg. Von hier aus hat man einen guten Blick auf die Wasseroberfläche des Grabschützer Sees, in der das Sonnenlicht silbern glänzt.

"Schon im Jahr 1996 hat das damalige staatliche Umweltfachamt dieses Gebiet hier als bedeutsam eingestuft, 2006 wurde es Vogelschutzgebiet und nun ist es eben ein Naturschutzgebiet geworden, was uns natürlich sehr freut", sagt Schruth. Auch zum Schutz vieler Säugetiere, die sich inzwischen hier angesiedelt haben. Biber, Fischotter und sogar ein kleines Wolfsrudel wurden hier gesichtet.

Die Zukunft ist der Natur überlassen

Wir setzen unsere Wanderung in Richtung Werbeliner See fort, vorbei an Informationstafeln und kleinen Rastplätzen aus Holz. "Man könnte sagen, dass das hier eine Landschaft im Wandel ist. Seit dem Ende des Braunkohleabbaus hat sich die Vegetation stark verändert, die Tierarten haben sich verändert", sagt Schruth. "Wohin es geht? Ganz genau weiß man das nicht. Es wird sicherlich in Richtung Wald gehen." Einige wenige Landschaftsteile werden allerdings von 25 schottischen Hochlandrindern freigehalten, damit die Flächen nicht zuwachsen.

Tafeln des Naturlehrpfades am Werbeliner See.
Verschiedene Naturlehrpfade geben Informationen über die Tierwelt und vergangene Eiszeiten. Bildrechte: MDR/Christopher Gaube

Ein Ort, an dem sich auch Michael Schulz wohlfüht. Seit 2002 besucht der Vogelkundler die Seen regelmäßig. Er hat sogar mitgeholfen, die Bestände zu erfassen und zu kartieren. "Die Kleinvogelwelt konnte sich hier extrem gut etablieren. Seltene Arten wie Sperbergrasmücken oder Nachtigallen konnten hier festgestellt werden, aber auch Großvögel gibt es hier", sagt Schulz. Seit 2002 hätten rund 100 Vogelarten im Naturschutzgebiet gebrütet, der auch für rund 250 Zugvögelarten ein wichtiges Domizil bietet.

Eine Insel auf dem Werbeliner See bietet Vögeln eine besonders geschützte Heimat. Hier können sich Arten entfalten, die besonders viel Ruhe benötigen.
Eine Insel auf dem Werbeliner See bietet Vögeln eine besonders geschützte Heimat. Hier können sich Arten entfalten, die extra viel Ruhe benötigen. Bildrechte: MDR/Christopher Gaube

Davon abgesehen konnte der Ornithologe auch andere rekordverdächtige Beobachtungen machen. "Ab Mitte Juli mausern bis zu 2.000 Kolbenenten im Werbeliner See. Das gibt sonst nur am Bodensee", sagt Schulz. Außerdem seien die Seen auch eine Oase für Zugvögel. "Nordische Gänse überwintern hier ab Oktober. Deshalb war die Unterschutzstellung eine ganz wichtige Sache."

Der Wunsch nach einem Badesee bleibt

Wege rund um die Seen sind bereits vorhanden.
Die Wege am Zwochauer See bestehen bereits - ob gebadet werden darf, wird sich zeigen. Bildrechte: MDR/Christopher Gaube

Doch der Naturschutz lässt ein anderes Ziel in weite Ferne rücken. Nämlich der Wunsch der Zwochauer Bürger, in ihrem See gelegentlich baden zu können. Ist diese Idee nun ganz vom Tisch? Eine Antwort darauf hat die parteilose Bürgermeisterin von Wiedemar, Ines Möller: "Wir haben schon die Wege zum Zwochauer See fertigstellen können. Aktuell werden Gutachten erstellt, die belegen sollen, dass sich Baden und Natur- und Vogelschutz vereinbaren lassen."

Werden die erforderlichen Genehmigungen erteilt, soll am Zwochauer See eine kleine Badegelegenheit entstehen, allerdings ohne großen Trubel. Einen Kiosk, Toiletten und Umkleidekabinen wird es nicht geben.

Quelle: MDR/cg

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR AKTUELL - Das Nachrichtenradio | 27.06.2019 | 07:50 Uhr

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