Staatsanwaltschaft prüft Anfangsverdacht Insolvenzverschleppung bei Unister?

Die Staatsanwaltschaft Leipzig prüft einen Anfangsverdacht auf Insolvenzverschleppung beim Internetunternehmen Unister. Oberstaatsanwalt Lutz Lehmann sagte am Freitag, dieser Schritt sei bei einem Insolvenzantrag üblich. Auch Unister-Insolvenzverwalter Lucas Flöther schloss bereits Mitte der Woche eine Insolvenzverschleppung nicht aus.

Lehmann zufolge ist zu klären, ob es überhaupt einen Beschuldigten gebe, da sich Ermittlungen nur gegen lebende Personen richten könnten. Unister-Geschäftsführer Thomas Wagner war in der vergangenen Woche bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen. Ein endgültiger DNA-Beweis stehe noch aus, sagte Lehmann.

Generalstaatsanwalt ermittelt wegen Betrug und Untreue

Auch die Sächsische Generalstaatsanwaltschaft in Dresden ermittelt im Fall Unister. Laut Generalstaatsanwalt Wolfgang Klein geht es dabei um den Verdacht auf Betrug und Untreue. Anlass sei eine Strafanzeige bei der Polizei in Venedig. Es gehe um einen hohen Geldbetrag, um den Wagner kurz vor dem Flugzeugabsturz in Venedig betrogen worden sein soll. Nach einer weiteren Anzeige, von Unister-Mitgründer und Gesellschafter Daniel Kirchhof, seien die Ermittlungen um den Verdacht der Untreue erweitert worden.

"Wir hätten aber auch von Amts wegen Ermittlungen eingeleitet", sagte Klein. Schon die Hinweise auf Straftaten in der umfangreichen Medienberichterstattung rund um den Tod Wagners und die Insolvenz der Unister Holding hätten dies nötig gemacht. Erste Zeugen wurden bereits befragt. Inhaltlich äußern wollte sich Klein bisher nicht.

Wagner wohl Opfer eines "Rip-Deals"

Neue Details zum Ablauf der Geldgeschäfte in Venedig weiß unterdessen der "Focus" zu berichten. Er beruft sich dabei auf SMS-Nachrichten und Telefonate der Lebensgefährtin von Wagner. Die Informationen sollen aus Justizkreisen stammen. Beide hätten am Tag der Geldübergabe in Venedig in engem Kontakt gestanden.

Laut "Focus"-Vorab-Meldung hat der Unister-Chef vor anderthalb Monaten ein Angebot eines 12-Millionen Euro-Darlehens von einem "reichen Geschäftsmann aus Israel" erhalten. Im Gegenzug sollte Wagner 1,5 Millionen Euro für eine Kreditausfallversicherung zahlen. Eingefädelt hätten den Deal zwei frühere Banker aus Leipzig.

Die Geldübergabe habe schließlich am 13. Juli stattgefunden. Ein Echtheitstest einer Banknote habe keine Probleme ergeben, heißt es in dem Bericht. Allerdings habe sich später herausgestellt, dass von den Geldscheinen in dem Koffer nur die oberste Lage echt gewesen sei. Offenbar war Wagner Opfer eines sogenannten "Rip-Deals" geworden. Als er dies bemerkte, erstattete er Anzeige bei der Polizei.

Was ist ein Rip-Deal? Der Begriff ist auf die englischen Worte "rip" - jemandem etwas entreißen - und "deal" für Handel zurückzuführen. Die Opfer werden meist ins Ausland (Mailand, Paris, Amsterdam usw.) eingeladen. Durch Begleichen aller Unkosten wird das Misstrauen der Opfer abgebaut. Während des Gespräches wird das Thema rasch auf einen dringend notwendigen Sorten-Tausch gelenkt, ohne den das eigentliche Geschäft nicht stattfinden kann. In der Regel sollen Euro in Schweizer Franken gewechselt werden. Um die Zustimmung des Opfer zu bekommen, bieten die Täter einen für das Opfer nicht unerheblichen Gewinn für das Tauschgeschäft an. Sobald das Opfer bereit ist, die volle Summe umzutauschen, erhält es gefälschte Scheine oder einen Koffer mit Papierschnipseln. Quelle: Polizei Bayern

Holding hatte hohe Schulden

Wie der "Spiegel" am Freitag vorab berichtete, hatte die Holding zum Zeitpunkt des Insolvenzantrags hohe Schulden. In dem Antrag sei die Summe von 39,2 Millionen Euro genannt. Der größte Teil entfalle mit gut 34 Millionen Euro auf einen Kredit der Versicherung HanseMerkur. Die liquiden Mittel der Unister Holding wurden laut dem Bericht im Insolvenzantrag mit "0,00 Euro" angegeben. Ein Sprecher des vorläufigen Unister-Insolvenzverwalters Lucas Flöther sagte, zum Schuldenstand des Unternehmens könnten derzeit keine Angaben gemacht werden. Die Prüfung der Finanzlage laufe noch.

Drohende Abwanderung von Fachkräften?

Sachsens Wirtschaftsminister Martin Dulig zeigte sich indes besorgt angesichts der Unister-Insolvenz. Es müsse vermieden werden, dass "die vielen gut qualifizierten Mitarbeiter aus Leipzig weggehen", sagte Dulig am Freitag in Dresden. Oberstes Ziel müsse der Erhalt der Arbeitsplätze sein, so der SPD-Politiker. Nach der Insolvenz der Unister-Holding hatten im Laufe der Woche fünf Töchterunternehmen Insolvenz angemeldet, darunter die wichtige Reisetochter Unister Travel Betriebsgesellschaft.

Unister Firmen Übersicht
Bildrechte: MDR.DE

Unister-Geschäftsführer Thomas Wagner war am 14. Juli 2016 zusammen mit drei weiteren Deutschen bei einem Absturz eines Kleinflugzeugs in Slowenien ums Leben gekommen. Die Privatmaschine mit Wagner an Bord war in Venedig gestartet und befand sich auf dem Weg nach Leipzig. Als Absturzursache wird Vereisung genannt.

Zuletzt aktualisiert: 22. Juli 2016, 18:59 Uhr

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8 Kommentare

24.07.2016 19:01 Hubert 8

@6 Colditzer - Ich habe dir grundsätzlich nicht widersprochen. Ich wollte nur darauf hinweisen, sich die "Substanz" genauer anzusehen. Erinnerst du dich an die Schneider-Pleite in Leipzig? Beste Wohn-und Geschäftslage... - Von der Leipziger WoBau AG bin umworben worden mit besten Zinsen. Habe mir Bilanz + GuV angesehen und die Finger davon gelassen. Ein Jahr später war Schluß. - Unister war mir irgendwo ein Begriff als Internethype. Jetzt bin ich schlauer und wenn ich mir dieses Firmenkonglomerat ansehe, fällt mir ein, wie vor sieben Jahren meine Exfrau und mein Sohn einen überteuerten Kurzurlaub buchten, den sie sofort zu stornieren versuchten. Keiner der beiden wußte so richtig, wie die Buchung zustande kam. Ich recherierte, landete aber über mehrere Buchungsportale immer in Leipzig. Auf Mails keine Antwort. Dann kam von TUI die Rechnung. Da die Buchung über die Mailadresse meines damals 13-jährigen Sohnes abgewickelt wurde, kamen die beiden mit diesen Trick wieder raus.

24.07.2016 08:44 Tut nichts zur Sache 7

Bin einer Meinung mit dem Colditzer. Jedem Normalsterblichen dürfte der Schwindel bekannt gewesen sein. Bei damaligem Umsatz von 500 Mio €/a und einer üblichen Provision von 4% in der Branche konnte ein maximaler Gewinn von 20 Mio€/a entstehen. Dies reicht bei 1000 Mitarbeitern für eine Lohnsumme von 20 k€/a (Mieten und Nebenkosten nicht berücksichtigt). Reduziert man diese Summe noch um den Arbeitgeberanteil von ca. 30 % bleibt eine Bruttolohnsumme von ca. 17 k€/a übrig. Dies wäre dann ein Bruttolohn von 1400 €/ Monat. Würde man dafür diese Tätigkeit ausführen? Woran hat es also gehangen? Am Umsatz, an der Provision oder zu hohen Kosten? Sorry, aber diese Sandburg sollte immer fit zum Börsengang oder ähnlichem aufgehübscht werden und schon wer die unvollständigen Geschäftsbücher einsehen konnte, musste nur abwinken. Mit dieser Firma ist schon etwas Internetblase vor dem nächsten Börsencrash, bedingt durch billiges EZB-Geld, geplatzt. Ein guter Tag für die Realwirtschaft mit Folgen ..

23.07.2016 22:16 Colditzer 6

Hubert, schau Dir mal die Bilanz von Siemens an.
Dann weißt Du was Substanz ist.
Immobilien, Grundstücke,Maschinen, Rohstoffe, Patente,Wertpapiere und Geld in der Kasse.
Welche Internetfirma hat das?

23.07.2016 17:00 Hubert 5

@3 Colditzer 23.07.2016 08:14 - Was genau bei Unister schief läuft oder gelaufen ist, kann ich dir auch nicht beantworten. Ich glaube Google könnte VW mit dem Geld aus der Portokasse bezahlen. Wo ist deren "Substanz"? Substanz ist immer eine Bewertungsfrage und abhängig davon, wieviel gesicherte Einahmen/Erträge ich damit erzielen kann. Welche Substanz hast du bei einer Software-CD? Eine leere CD kostet 50 ct., verkauft wird die CD mit Software für z.B. 500.000 Euro. U.U. ist die Software nach einen Jahr veraltet. Das kann bei einer Spezialmaschine ebenfalls passieren, wenn Kunden das mit dieser Maschine hergestellte Produkt nicht mehr haben wollen.

23.07.2016 13:02 neoliberalyse.de 4

@Jan Schmidt: [...]


@MDR:
Bitte in Zukunft keine Posts von Verschwörungstheoretikern, rechten Esotherikern usw. veröffentlichen! Danke.

[Sehr geehrter User, vielen Dank für den Hinweis. Der Kommentar wurde nachträglich entfernt. MDR.DE_Red.]

23.07.2016 08:14 Colditzer 3

Eine Holding mit 22 Untergesellschaften ( AG oder GmbH). Keine Substanz und Kassenbestand 0.
Die Wirtschaft baut gerade kräftig am nächsten Internetknall.
Wo bitte ist Substanz bei Check 24, Rocket Internet, Airbnb oder Uber?
Und diese Gesellschaften werden von sogenannten Wirtschaftsspezialisten höher bewertet als Siemens.
Wir lügen uns alle zusammen in die Tasche.

23.07.2016 06:34 Finanzer 2

Wenn es Insolvenzverschleppung ist, dann stellt sich auch die Frage nach der Rolle der Hausbank. Denn diese muss ja bei Kreditvergabe die wirtschaftlichen Unterlagen prüfen! Wer hat da bloß nicht hingeschaut? Bravo

23.07.2016 00:13 Jan Schmidt 1

[...]
[Nachträgliche Entfernung aus rechlichen Gründen nach Hinweis eines Users. - MDR.DE_Red.]