Fahrradstadt Leipzig
Bildrechte: MDR/Lars Tunçay

Fahrradverkehr Kaum Platz auf Leipzigs Straßen

Nachmittags um 15 Uhr auf der Jahnallee stadteinwärts, zwischen Waldplatz und Leibnitzstraße: Der Autoverkehr wälzt sich durch die Straße, ein Lkw rumpelt in Richtung Innenstadt, die Straßenbahn behauptet ihre Vorfahrt, ein SUV-Fahrer freut sich über die Parklücke gleich hinter der Baustelle und setzt zurück – und dazwischen gestresste Fahrradfahrer mit dem Blick auf alle Verkehrsteilnehmer und Autotüren, die sich jederzeit öffnen und so eine zusätzliche Gefahrenquelle darstellen könnten.

von Lars Tunçay

Fahrradstadt Leipzig
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Leipzig wächst und damit steigt auch das Verkehrsaufkommen. Die Stadtplaner rühmen sich damit, dass dennoch die Zahl der Unfälle gesunken sei, von 14.564 im Jahre 2012 auf 13.758 im vergangenen Jahr. Die Zahl der Personenschäden ist allerdings konstant hoch. 2016 verzeichnete Leipzig 15 Verkehrstote.

"Leipzigs Straßen sind sicher"

1.309 Radfahrer und 342 Fußgänger waren 2016 unter den Unfallopfern. Eine vergleichsweise niedrige Zahl. Doch unter den getöteten Verkehrsteilnehmern waren fünf Radfahrer und drei Fußgänger.

"Insgesamt ist die Unfallentwicklung positiv", sagt Thomas Schulze, Leiter der Abteilung Straßenverkehr und Verkehrsmanagement im Leipziger Verkehrs- und Tiefbauamt. "Leipzigs Straßen sind vergleichsweise sicher. Insbesondere was die Radverkehrsunfälle anbetrifft. Wir haben in Leipzig zwar einen sehr hohen Radverkehrsanteil, aber im Städtevergleich sind die Unfallzahlen moderat." Schulze ist Mitglied der Verkehrsunfallkommission, die Gefahrenstelle analysiert und Gegenmaßnahmen aufstellt.

Suboptimale Bedingungen

Die Jahnallee sei für die Unfallbeobachter kein Brennpunkt, sagt Schulze. Vor etwas weniger als zehn Jahren wurde die wichtige Verkehrsachse in den Leipziger Westen runderneuert. Der innere Abschnitt bis zum Waldplatz wurde dadurch wiederbelebt. Viele Geschäfte siedelten sich an. Dadurch wurde die zweite Fahrspur zum Dauerparkplatz für Lieferanten und Kunden. Dass es hier nicht noch mehr Unfälle gibt, liegt vor allem daran, dass sich alle Verkehrsteilnehmer mehr oder weniger mit der Situation arrangieren. Jenseits der Arena verläuft ein Fahrradweg getrennt vom Autoverkehr. Dort häufen sich an jeder Kreuzung die Unfälle durch abbiegende Pkw-Fahrer.

Unfallschwerpunkt Innenstadtring

Der Fokus der Verkehrsunfallkommission liegt derweil woanders, erklärt Schulze: "Unfallschwerpunkte in Leipzig sind vornehmlich die Gegend um den Friedrich-List-Platz, rund um den Bahnhof, vom Tröndlinring ausgehend zur Gerberstraße und zum Goerdelerring sowie zwischen Martin-Luther-Ring und Karl-Tauchnitz-Straße." Also einzelne Knotenpunkte auf dem Innenstadtring.

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Das Leipziger Stadtgebiet birgt zahlreiche Gefahrenstellen für Radfahrer. Ein Streifzug durch die Innenstadt.

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Ein symptomatisches Bild für die Fahrradverkehrsplanung der Stadt: Der Wille ist da, aber die Umsetzung ist oft mangelhaft. Hier beginnt der Fahrradweg am Connewitzer Kreuz an einem Werbeschild. Bildrechte: MDR/Lars Tunçay
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Ein symptomatisches Bild für die Fahrradverkehrsplanung der Stadt: Der Wille ist da, aber die Umsetzung ist oft mangelhaft. Hier beginnt der Fahrradweg am Connewitzer Kreuz an einem Werbeschild. Bildrechte: MDR/Lars Tunçay
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Die innere Jahnallee ist häufig Schauplatz von schweren Unfällen. Bildrechte: MDR/Lars Tunçay
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Radfahrer teilen sich den spärlichen Platz mit Autos und Straßenbahn. Parkende Autos und Baustellen erschweren die Situation zusätzlich. Bildrechte: MDR/Lars Tunçay
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Der Bahnhofvorplatz ist eine wichtige Verkehrsader für den Radverkehr, die aufgrund der schlechten Führung nur in Schrittgeschwindigkeit befahren werden kann. Bildrechte: MDR/Lars Tunçay
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Auf der Ostseite des Bahnhofs herrscht Chaos. Straßenbahn, Autos und Radfahrer kreuzen wild und ohne Konzept. Bildrechte: MDR/Lars Tunçay
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Durch den Umbau der Karl-Liebknecht-Straße entstanden zahlreiche neue Ampeln. Hier an der Ecke Straße des 17. Juni stehen auch Radfahrer regelmäßig bei Rot, auch wenn keine Bahn kommt. Bildrechte: MDR/Lars Tunçay
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Die Beethovenstraße ist eine vor allem bei Studenten beliebte Achse zum Clarapark. Um dorthin zu gelangen, müssen Radfahrer durch den Kreisverkehr. Dort kam es in der Vergangenheit immer wieder zu Unfällen. Bildrechte: MDR/Lars Tunçay
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Die Harkortstraße stadtauswärts ist regelmäßig überfüllt und lässt keinen Raum für Radfahrer. Auf den Gehwegen stehen meist parkende Autos und Lieferwagen, was die Situation auch für Fußgänger zum Gefahrenherd werden lässt. Bildrechte: MDR/Lars Tunçay
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Leipzig, Stadt der Scherben: Immer wieder wird der Radweg auch zur Slalomfahrt duch zerbrochene Bierflaschen. Bildrechte: MDR/Lars Tunçay
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"Dort schauen wir uns an, wie verhalten sich die Verkehrsteilnehmer? Wie sind die Sichtverhältnisse - insbesondere bei Vorfahrtsunfällen", sagt Schulze Im Bedarfsfall folgen dann verkehrsrechtliche Maßnahmen wie das Aufstellen von Fahrradbügeln oder die Einrichtung von Halteverboten, um die Übersicht an Kreuzungen zu optimieren. Beim Kreisverkehr am Clara-Zetkin-Park wurde die Zahl der Unfälle reduziert, indem man die Fahrbahn verkleinerte, so dass Radfahrer, die in großer Zahl aus dem benachbarten Univiertel kommen und gezwungenermaßen durch den Kreisverkehr müssen, um zum Park zu gelangen, nun nicht mehr überholt werden können.

Keine Knautschzone

"Radfahrer haben keine Knautschzone", betont Baubürgermeisterin Dorothee Dubrau. "Es ist nicht förderlich, Fahrradfahrer auf dem Fußweg, hinter parkenden Autos und Bäumen zu verstecken und dann an jeder Kreuzung in ein Konfliktsystem zu schicken. Wer von der Straße rechts abbiegt, kann den Fahrradfahrer überhaupt nicht sehen und achtet deshalb häufig nicht auf ihn." Dies sind dann auch die Stellen, wo es die meisten Unfälle gibt.

Man muss den Fahrradfahrer auf der Fahrbahn mitführen und Augenkontakt herstellen zwischen Autofahrer und Fahrradfahrer. Dies haben wir auch bei Straßenbaumaßnahmen berücksichtigt. Das Ziel ist es, möglichst optimale Radwege auch auf der Straße zu finden und damit langfristig eine größere Sicherheit für die Radfahrer zu gewährleisten.

Dorothee Dubrau Bürgermeisterin für Stadtentwicklung und Bau

Trauriger Trend: "Dooring"

Ein großes Problem für Radfahrer stellt auch die chaotische Parksituation in Leipzig dar. Pro Woche gibt es einen Unfall, der bei der Polizei aktenkundig wird, der durch geöffnete Autotüren verursacht wird – häufig mit gravierenden Folgen. "Viele Unfälle von Radfahrern, die durch Infrastrukturen herrühren, die nicht angemessen gebaut sind, werden erst gar nicht gemeldet", gibt Christoph Waack vom ADFC Leipzig zu bedenken. "Da gibt es eine riesige Dunkelziffer. Besonders an Haltestellen wie etwa der Könneritzstraße, wo man die Schiene queren muss, weil sich der Fahrstreifen immer mehr verkleinert. Da stürzen sehr viele. Die Stadt reagiert aber nicht, weil sie sagen, es wurde ja nichts gemeldet."

Für den Vorsitzenden des ADFC gehen die Maßnahmen der Stadt nicht weit genug. "In Leipzig hat trotz vieler positiver Einzelmaßnahmen seit dem letzten Fahrradklima-Test 2014 der Ausbau der Radverkehrsinfrastruktur nicht mit der deutlich steigenden Nachfrage mithalten können", bewertet Waack die Stadtentwicklung.

Der Radverkehr in Leipzig nimmt im Moment nicht wegen, sondern trotz der städtischen Radverkehrsförderung zu.

Christoph Waack Vorsitzender ADFC Leipzig

Der Fahrradklima-Test bewertet den Themenkomplex "Sicherheit des Radverkehrs in Leipzig" im Mittel mit der Schulnote 4,1. "Hier muss trotz aller Bemühungen der letzten Jahre mehr für die Verkehrssicherheit der Radfahrenden in Leipzig getan werden," fordert Waack.

Der Radverkehr in Leipzig hat seit 1991 um etwa fünf Prozent pro Jahr zugenommen. Das heißt konkret, dass 2015 die Leipzigerinnen und Leipziger insgesamt 130 Millionen Wege mit dem Rad zurückgelegt haben, während es 1991 noch 37 Millionen Wege waren. Eine Steigerung des Radverkehrsanteils ist auch weiterhin möglich und nötig, sagt der ADFC.

Leipzig fällt ab

Trotzdem bleibt die Situation in Leipzig angespannt. Die Unzufriedenheit wächst, das zeigt auch die kürzlich erschienene Bürgerbefragung. Die anhaltend hohe Zahl der Fahrraddiebstähle sorgt für Unmut, zugeparkte Fahrradwege und der fehlende Winterdienst auf Fuß- und Fahrradwegen bergen Unfallrisiken. Bei Baustellen wird der Radverkehr in der Regel überhaupt nicht berücksichtigt. Die Neugestaltung der Karl-Liebknecht-Straße mit ihren zahlreichen neuen Ampeln kann niemand so recht verstehen. Selbst die Straßenbahnfahrer beschweren sich darüber, dass der Verkehr hier meist steht, statt zu fließen.

"Wir waren mal die radfahrerfreundlichste Großstadt in Ostdeutschland, mittlerweile sind wir die Provinz", bedauert Christoph Waack die Entwicklung. "Wir würden uns mehr Personal in den Reihen der Stadt wünschen. Es gibt derzeit einen Radverkehrsbeauftragten, der heillos überfordert ist. In Dresden hat der Stadtrat gerade sechs neue Stellen dafür geschaffen und ein Radverkehrsprogramm aufgestellt, das 500 kurz-, mittel- und langfristige Maßnahmen aufführt."

Aber auch auf Landesebene drängt der ADFC seit Jahren auf die Gründung einer Arbeitsgemeinschaft fahrradfreundlicher Städte. Vielleicht bringt ja das Wahljahr die längst überfälligen Entscheidungen. Verbesserungen kann man zum Beispiel am 1. September bei der 4. Leipziger Radnacht anregen, an der auch Oberbürgermeister Burkhardt Jung teilnehmen wird und deren Route bewusst an einigen Problemstellen vorbeiführen wird.

Über dieses Thema berichtete MDR SACHSEN auch im Radio: MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 09.08.2017 | 9:30 Uhr in den Regionalnachrichten aus dem Studio Leipzig

Zuletzt aktualisiert: 09. August 2017, 17:21 Uhr

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