22.03.2020 | 13:52 Uhr "Ich kann keinen Abstand halten" - Sorge in der häusliche Pflege

Wer Angehörige zu Hause pflegt, hatte schon vor Ausbruch der Corona-Pandemie alle Hände voll zu tun. Doch zur täglichen Arbeit kommt in der aktuellen Ausnahmesituation auch noch die Sorge: Werde ich zur Gefahr für meine Liebsten?

Abends gegen 22 Uhr schaltet Katrin Menzel das Licht aus. Sie legt sich ins Bett und lauscht einer CD, die sie sich vor Kurzem besorgt hat: autogenes Training zur Entspannung. Anders findet sie abends nicht in den Schlaf, sagt sie: "Ich habe sonst diese innere Unruhe. Die Gedanken kreisen, ich mache mir Sorgen."

Mutter in der Risikogruppe

Füße eines Mannes, der im Rollstuhl sitzt
(Symbolbild) Über 200.000 pflegebedürftige Menschen gibt es in Sachsen - Dreiviertel von ihnen werden zu Hause gepflegt, die meisten von Angehörige. Bildrechte: imago images / photothek

Der Grund: Die Oschatzerin pflegt ihre 75 Jahre alte Mutter zu Hause. Beide wohnen in einem Haus. Ihre Mutter hat starkes Rheuma, Pflegestufe 3, ist auf den Rollstuhl und Hilfe angewiesen. Ihre Tochter ist ihre Pflegerin und helfende Hand. Doch seitdem das neuartige Coronavirus auch in Sachsen angekommen ist, ist es eben auch eine potentielle Überträgerin des Virus.

"Meine Mutter gehört natürlich zur Risikogruppe", erklärt die 48-Jährige. "Aber ich kann keinen Abstand halten. Das geht einfach nicht. Bei der Körperpflege, kommt man sich sehr nah. Ich habe immer Angst davor, meine Mutti anzustecken." Denn Menzel ist berufsbedingt täglich unter Menschen: Sie arbeitet im Büro einer Autowerkstatt mit ständigem Kundenkontakt.

Kaum Isolation möglich

Sich von der Arbeit freistellen zu lassen, ist allerdings keine Option. Die Gründe dafür sind kompliziert: Wegen einer langwierigen Vorerkrankung befinde sie sich in der Wiedereingliederung. Ein Abbruch der Maßnahme sei nicht so einfach möglich. Zudem laufe das Krankengeld bald aus. Isolation komme für sie deshalb gerade nicht infrage - obwohl sie seit ihrer Erkrankung selbst zur Risikogruppe gehört.

Was der gelernten Krippenerzieherin bleibt, sind strenge Hygieneauflagen: Bei der Arbeit hält sie größtmöglichen Abstand zu Kollegen, trägt Handschuhe, wäscht und desinfiziert sich regelmäßig die Hände. Zu Hause zieht sie sich bereits im Keller um, wäscht und desinfiziert sich weiter, um das Risiko einer Ansteckung so gering wie möglich zu halten. So schützt sie sowohl ihre Mutter als auch sich selbst.

Familiäre Pflege als Herzenssache

Katrin Menzel aus Oschatz
Katrin Menzel aus Oschatz plagt vor allem gerade eine Angst: Könnte sie ihre Mutter anstecken? Bildrechte: Katrin Menzel

Denn Menzel ist klar: "Wenn ich krank werde, dann kann ich nicht mehr pflegen." Natürlich könne sie auf den ambulanten Pflegedienst zurückgreifen, der gleich zur Stelle wäre. Diese Option will sie aber nur im Notfall wählen. Denn die familiäre Pflege ist für sie selbstverständlich: "Ich habe immer gesagt, solange ich das körperlich schaffe, mache ich das auch."

Die Oschatzerin stellt aber auch fest: "Es ist eine schwierige Situation und es geht einigen so, auch in meinem Bekanntenkreis. Wenn man seine Angehörigen zu Hause pflegt, nehmen das die Menschen nicht so richtig wahr. Wir fallen unter den Tisch." Sie wünscht sich mehr Anerkennung – auch von der Politik. Und zurzeit auch einen besseren Schutz für Pflegebedürftige und ihre pflegenden Angehörigen. Dann wäre das Einschlafen auch wieder ohne CD möglich.

Quelle: MDR/kp

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