16.11.2019 | 16:22 Uhr Vor 100 Jahren: Schweres Zugunglück bei Mügeln

Historische Aufnahme eines Zugunglücks
Bildrechte: Heimatmuseum Mügeln

Es war das schwerste Zugunglück in der Geschichte der sächsischen Schmalspurbahn. Am 18. November 1919 starben zwischen Mügeln und Döbeln fünf Menschen, als ein Personenzug nach dem Zusammenstoß mit einem Güterzug von einer Brücke stürzte. 25 Reisende wurden damals zum Teil schwer verletzt. Seit Sonnabend erinnert eine Gedenktafel an die Toten und das Unglück in Schrebitz. Die ganze Geschichte recherchiert und die Gedenkstele initiiert haben drei Vereinen aus der Region.

Personen- und Güterverkehr auf Schmalspur Einst war das sächsische Streckennetz mit über 500 Kilometer Länge das größte Schmalspurbahnsystem in Deutschland und umfasste 29 Einzelstrecken. Um 1970 wurden die meisten Strecken aus wirtschaftlichen Gründen stillgelegt. Heute werden nur noch auf fünf sächsischen Schmalspurbahnen regulärer Personenverkehr angeboten, vornehmlich zu touristischen Zwecken und das verbliebene Streckennetz erreicht zusammengerechnet knapp 100 Kilometer. Zu den fünf noch in Betrieb befindlichen Strecken in Sachsen gehören die Fichtelbergbahn, Lößnitzgrundbahn, Weißeritztalbahn, die Zittauer Schmalspurbahn und die Döllnitzbahn.
Quelle: Sächsische Staatskanzlei

Kleine Ursache, fatale Wirkung

Am 18. November 1919 war der Personenzug 5720 von Mügeln in Richtung Döbeln unterwegs. 12 Uhr hielt der Zug fahrplanmäßig an der Bahnstation Töllschütz. Hier musste er auf den entgegenkommenden Güterzug aus Döbeln warten. Während der Pause wurden Güter entladen, Fahrgäste stiegen ein oder aus. Allerdings hatte es die Zugbesatzung versäumt die Einfahrtsweiche so zu stellen, dass der entgegenkommende Güterzug auf dem Nachbargleis fahren konnte. "Durch Schneeverwehungen oder schlechte Sicht hat das die Besatzung des Güterzuges nicht mitbekommen und ist auf das Gleis gefahren, wo der Personenzug stand", erzählt Andreas Lobe vom Heimatverein Mogelin MDR SACHSEN.

Die Lokbesatzung von dem Personenzug wollte noch zurücksetzen, aber kurz vor dem Aufprall haben sie dann das Führerhaus verlassen. So ist durch den Aufprall dann der Personenzug ungebremst auf die Gefällestrecke Richtung Schrebitz geraten.

Andreas Lobe Heimatverein Mogelin

Fahrt in den Tod: Das Zugunglück von Mügeln vor 100 Jahren

Historische Aufnahme eines Zugunglücks
Eine nicht gestellte Weiche, Schneeverwehungen und schlechte Sicht führten zu dem Unglück vor 100 Jahren. Bildrechte: Heimatmuseum Mügeln
Historische Aufnahme eines Zugunglücks
Eine nicht gestellte Weiche, Schneeverwehungen und schlechte Sicht führten zu dem Unglück vor 100 Jahren. Bildrechte: Heimatmuseum Mügeln
Historische Aufnahme eines Zugunglücks
Fünf Menschen kamen bei dem Zugunglück ums Leben. Diese historische Aufnahme zeigt, wie der Vizepräsident der Königlich Sächsischen Staatseisenbahn und Geheime Oberbaurat Klug die Unfallstelle besucht. Bildrechte: Heimatmuseum Mügeln
Historische Aufnahme eines Zugunglücks
Weil eine Weiche nicht gestellt war, rammte der Güter- den Personenzug. Dieser rollte führerlos und ungebremst die abschüssige Strecke in Richtung Schrebitz hinab. Auf einer acht Meter hohen Brücke entgleisten die ersten Wagen und rissen die Lok und die nachfolgenden Wagons mit. Bildrechte: Heimatmuseum Mügeln
Menschen an einer Gedenkstele, in russischer Uniform und in zivil.
Zwei Meter hoch ragt die Gedenkstele aus Corbin-Stahl direkt an der Stelle, wo einst die Eisenbahnbrücke den Ort Schrebitz kreuzte. Bildrechte: MDR/Roland Kühnke
Menschen an einer Gedenkstele, in russischer Uniform und in zivil.
Drei Vereine aus der Region haben die Gelder für das Denkmal organisiert. Von rechts nach links: Jan Seelig vom Förderverein "Wilder Robert", Birgit Müller vom Heimatverein Schrebitz und Andreas Lobe vom Mügelner Heimatverein "Mogelin". Bildrechte: MDR/Roland Kühnke
Menschen an einer Gedenkstele, in russischer Uniform und in zivil.
Da unter den Todesopfern ein russischer Kriegsgefangener war und auch zwei russische Soldaten bei dem Unglück verletzt wurden, kam auch der Vizekonsul der Russischen Förderation Ilja Borisowitsch Matveev in Bgleitung mit zwei russischen Soldaten zur Einweihung des Denkmals. Bildrechte: MDR/Roland Kühnke
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Nach fast zwei Kilometern rasanter Fahrt stürzten Teile des Zuges kurz hinter einer Kurve an einer Brücke acht Meter in die Tiefe. Dabei entgleiste der Packwagen zusammen mit zwei Güterwagen sowie zwei Personenwagen und zum Schluss die 28 Tonnen schwere Lok, die dabei einen der Personenwagen zerquetschte.

Identität erst nach 100 Jahren geklärt


Fünf Menschen starben, 17 Menschen wurden dabei schwer, acht leicht verletzt. Vier der fünf Todesopfer wurden gleich gefunden. Sie stammten aus Oschatz, Obersteina, Crellenhain und Döbeln. Tage später stieß man beim Beseitigen der Trümmer auf eine weitere Leiche - einen russischen Kriegsgefangenen, der sich tragischerweise auf dem Weg nach Hause befunden haben soll. Erst 100 Jahre nach dem Unfall konnte seine Identität geklärt werden. Bislang war nur bekannt, dass er auf dem Schrebitzer Friedhof beigesetzt wurde.

Im Juni 1920 hat sich dann das Landgericht in Leipzig mit dem Fall befasst. Angeklagt war die Lok-Besatzung des verunglückten Personenzuges, der Lokführer und der sogenannte Hilfsfeuermann. Ihnen wurde vorgeworfen, die Lok feige verlassen zu haben. Beide wiesen damals jede Schuld von sich. Dennoch wurden sie aufgrund von Zeugenaussagen und Gutachten verurteilt: der Lokführer zu neun Monaten, der Hilfsfeuermann zu drei Monaten Gefängnis.

Drei Vereine und ein Ziel

Gut ein dreiviertel Jahr haben die drei Vereine aus der Region, der Schrebitzer Heimatverein, der Mügelner Heimatverein "Mogelin" und der Förderverein "Wilder Robert" Gelder für die Gedenktafel gesammelt, die am Sonnabend feierlich enthüllt wurde. Damit wolle man dauerhaft an das Unglück und die Toten erinnern, so die Initiatoren.

Direkt an der Stelle wo einst die Eisenbahnbrücke Schrebitz kreuzte, ragt nun die 60 Zentimeter breite Stele aus rostendem Certon-Stahl zwei Meter aus dem Boden. Daran angebracht eine Edelstahltafel, in die sowohl ein Erinnerungstext als auch ein Bild das Unglücks eingraviert wurde. Das Denkmal wurde zudem in die Sächsische Dampfbahn-Route aufgenommen, ein touristisches Angebot für Fans historischer Dampflokomotiven.

Zur feierlichen Enthüllung waren unter anderem die Bürgermeister, bzw. Vertreter der Städte Döbeln, Mügeln und Ostrau, der Vizekonsul der Russischen Föderation Ilja Borisowitsch Matveev sowie Angehörige gekommen, die bei dem Unfall Verwandte verloren hatten.

Menschen an einer Gedenkstele, in russischer Uniform und in zivil.
Zahlreiche Menschen kamen am Sonnabend nach Schrebitz, um bei der Enthüllung der Gedenkstele dabei zu sein. Bildrechte: MDR/Roland Kühnke

Schmalspurbahn Wie der Name schon sagt, unterscheidet sich die Schmalspurbahn im Wesentlichen durch eine geringere Spurweite, welche lediglich 750 mm beträgt. Dies verschafft ihr gegenüber Normalspurbahnen (1.435 mm) manchen Vorteil. Durch die schmalere Spur können engere Kurvenradien, vor allem in Tälern und generell bei schwierigen Geländebedingungen, realisiert werden. Auch ist die Schmalspurbahn kürzer als normalspurige Bahnen und benötigt daher weniger Platz in den Bahnhöfen. Schmalspurige Bahnanlagen sind mit einer überschaubaren Anzahl an Weichen und Gleisen außerdem deutlich einfacher gehalten als es bei Normalspurbahnen der Fall ist. Quelle: Sächsische Staatskanzlei

Quelle: MDR/bb

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSENSPIEGEL |16.11.2019 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 16. November 2019, 16:22 Uhr

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