Gefangen im Teufelskreis Hilfe für Alleinerziehende in Leipzig

Alleinerziehende wissen wovon die Rede ist, wenn Kinder als Armutsrisiko bezeichnet werden. Alleinerziehende können oft den Lebensunterhalt nicht ausreichend selbst bestreiten und stoßen dabei auch noch auf Vorurteile.

Cornelia wirkt gehetzt, als sie in die Beratungsstelle für Alleinerziehende in Leipzig-Gohlis kommt. Viel Zeit hat sie nicht. Ihre Schicht im Pflegedienst ist gerade zu Ende. jetzt muss sie ihren Vierjährigen aus der Kita abholen, wenig später auch den Neunjährigen aus dem Hort der Grundschule.

Es ist der ganz normale Wahnsinn, den jede Mutter zu kennen scheint. Und doch ist er bei Cornelia noch ein bisschen wahnsinniger. Sie lebt vom Vater ihrer Kinder getrennt, ist alleinerziehend. 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr ist sie allein verantwortlich, ist sie Seelentrösterin, Spielkamerad und Hausaufgabenhilfe. Sie ist Geschäftsführerin, Buchhalterin, Einkaufsleiterin, Köchin, Wäscherin und Reinigungskraft ihres kleinen Familienunternehmens.

Brunhild Fischer, Geschäftsführerin des SHIA e.V. Landesverband Sachsen, eine Frau mit halblangen, hellblonden Haaren, weißer Bluse und schwarzer Jacke, sitzt am Schreibtisch, im Hindergrund ein Computermonitor auf dem die Webseite des Shia e.V. zu sehen ist.
Brunhild Fischer ist Geschäftsführerin des Shia e.V. Bildrechte: MDR/Grit Grimmer

Der Landesverband Shia e.V. mit seiner Beratungsstelle in Leipzig versucht Alleinerziehende wie Cornelia aufzufangen. Mehr als Beratung können die ehrenamtlichen Helfer meist nicht geben, sagt die Geschäftsführerin, Brunhild Fischer. Es geht oft um juristische Fragen, um finanzielle Förderungen, um Hilfe auf Ämtern, Alltagsbewältigung und Kinderbetreuung.

Arm mit Kind

Das Hauptproblem vieler Alleinerziehender ist ihre Einkommenssituation. Sie können ihre Lebensgrundlage meist nicht selbst erwirtschaften, weil sie dem Arbeitsmarkt nicht ausreichend zur Verfügung stehen. Alleinerziehende können in der Regel keinen Vollzeitjob oder Schichtdienst annehmen. Arbeitszeitmodelle, die ihre Lebenssituation berücksichtigen, weil sie beispielsweise verkürzte Arbeitszeiten ermöglichen, führen gleichzeitig zu einer Minderung des Einkommens.

Alleinerziehend und ALG II Im März 2018 gab es in der Stadt Leipzig 2.038 alleinerziehende Personen, die ein Erwerbseinkommen hatten und ergänzend Leistungen im Jobcenter erhalten haben. 90 Prozent der Betroffenen sind Frauen. Und mit ihnen sind auch die Kinder arm. Fast ein Drittel aller Kinder in Leipzig lebt in einer Alleinerziehenden-Familie.

Dies sei eine absolut prekäre Situation, beklagt Brunhild Fischer und fordert ein existenzsicherndes Einkommen für die Betroffenen. Es könne nicht sein, dass der nicht erziehende Elternteil einen Selbstbehalt von 1.000 Euro pro Monat haben dürfe, während dem erziehenden Elternteil Kindergeld und Unterhaltsvorschuss vom ALG-II-Satz abgezogen würden. Teilhabe am gesellschaftlichen Leben sei so nicht möglich. Sportverein, Musikschule, Klassenfahrten - für Kinder von Alleinerziehenden oft nur unerfüllte Wünsche.

Ein Verein und seine Grenzen

Viel zu oft fühlen sich die Ehrenamtler des Shia e.V. in Leipzig-Gohlis hilflos, denn sie können nicht so unterstützen, wie sie wollen. Da seien zum einen die gesetzlichen und auch gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, die zu Armut und Ausgrenzung führen. Zum anderen sei auch der Verein nicht mit Spenden gesegnet, so Brunhild Fischer.

Das Thema Alleinerziehend ist ein Igitt-Thema, gesellschaftlich stigmatisiert. Alleinerziehende gelten immer als 'selbst schuld an ihrer Situation'. Für Alleinerziehende Spenden zu akquirieren ist nahezu aussichtslos.

Eins aber gelingt jedes Jahr: In der ersten Woche der Sommerferien können Alleinerziehende mit ihren Kindern, gefördert vom Freistaat Sachsen, ein paar Tage verreisen. Zwar nicht ans Meer, aber das Wo sei gar nicht so wichtig, sagen Mütter wie Cornelia. Sie erhalten in Einrichtungen wie dem Begegnungszentrum St. Marienthal in der Oberlausitz die Möglichkeit, auch mal vom Alltag auszuspannen und sich an einen gedeckten Tisch zu setzen. Und wenn es gut läuft, kann der Shia e.V. sogar einen kleinen Betrag zu den Reisekosten beitragen.

*Name von der Redaktion geändert

Quelle: MDR/gg

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR Sachsenradio | 20.03.2018 | 20:00 Uhr

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