Darsha Hannah Hewitt
Bildrechte: Darsha Hannah Hewitt

34c3 Mit dem Rasenmäher zur gesellschaftlichen Emanzipation

Kunst und Technologie verstehen sich nicht? Der 34. Chaos Communication Congress beweist das Gegenteil. Hier zeigt die kanadische Künstlerin Darsha Hannah Hewitt, warum auseinander geschraubte DDR-Trolli-Rasenmäher für Kunst und technologische Emanzipation zugleich stehen können. Clara Neubert hat mit ihr gesprochen.

Darsha Hannah Hewitt
Bildrechte: Darsha Hannah Hewitt

Frau Hewitt, wie hat es Sie als Künstlerin auf einen der größten Hacker-Kongresse verschlagen?

Ich bin vielleicht eine Künstlerin, aber fühle mich der Hacker-Szene sehr nah. Im Grunde gibt es viele Parallelen zwischen uns. Auch ich untersuche und demontiere technische Systeme, nur um sie später wieder zusammenzusetzen. In meinem Kunstumfeld bin ich meist der Geek. Hier fühle ich mich als Teil des Klubs!

Bei der Technologie, mit der Sie sich künstlerisch beschäftigen, handelt es sich meist um Haushaltsgeräte. Wie kommt es dazu?

Ich bin einfach neugierig. Ich möchte wissen, wie die Welt um mich herum funktioniert. Das betrifft natürlich besonders die Dinge, die mich täglich umgeben. Da ich wissen will, was sich in der Blackbox abspielt, nehme ich die Dinge auseinander. Gleichzeitig ist es mein Ziel, Technologie zu entmystifizieren. Der Eindruck vieler Menschen, sie könnten Technologie nicht verstehen, gibt denen, die dies tun, überproportional viel Macht.

Aktuell beschäftigen Sie sich besonders mit ausgedienten DDR-Haushaltsgeräten. Sie selbst haben nicht direkt mit der ostdeutschen Geschichte zu tun, was fasziniert Sie an genau diesen Objekten?

Ich bin für einen Job von Kanada nach Weimar gezogen, ohne viel über die DDR zu wissen. Der Hausstand meines Mitbewohners bestand komplett aus reparierten DDR-Haushaltsgeräten. Das hat mich fasziniert, da ich mich viel mit Obsoleszenz beschäftige, also dem Umstand, dass Objekte oft nicht mehr genutzt werden, obwohl sie noch funktionieren. Die Menschen in der DDR konnten sich das meist nicht leisten. Rohstoffmangel und Einfuhrbeschränkungen zwangen sie dazu, die Geräte wieder zu verwerten. Als ich meinem Freund im Garten half, wurde ich auf seinen Trolli-Rasenmäher aufmerksam. Seine Motorhaube ist auf ihre eigene Art sehr ikonisch und erinnert mich an einen Kriegshelm. Ich habe sie abmontiert und künstlerisch verarbeitet.

Sie sagen, mit Ihrer Arbeit wollen Sie DDR-Technik in der heutigen Zeiten der geplanten Obsoleszenz platzieren. Was versprechen Sie sich davon?

Zum einen gefällt mir dieser "Do-it-yourself"-Ansatz, seine eigenen Ideen einzubringen und zu improvisieren, um Lösungen zu finden. Das ist mir natürlich als Künstlerin sehr nah. Aber noch viel wichtiger: Wenn wir verstehen, wie Technologie funktioniert, gewinnen wir die Kontrolle zurück. Dann verstehen wir auch Konsum, seine Folgen und die Manipulation, welche wir durch ihn erfahren. Mich interessieren die Macht- und Kontrollsysteme rund um die Technologie.

Welche Erfahrungen haben Sie mit Ihrer Kunst bei Leuten gemacht, die diese Geräte selbst lange genutzt haben?

Es ist lustig. Ich erlebe es oft, dass Menschen in meine Ausstellungen kommen, die in der DDR aufgewachsen sind. Die schauen mich dann manchmal ganz verständnislos an und fragen: "Warum stellst du hier Trolli-Motorhauben auf?" Es kommt ihnen sehr vertraut vor, aber zeigt ihnen gleichzeitig das Bekannte in einem ganz neuen Kontext. So entstehen Diskussionen, durch die ich zum Beispiel verstanden habe, dass das Reparieren und die Wiederverwertung auch ein großer Sozialfaktor in der DDR waren. Es hat Nachbarn miteinander in Kontakt gebracht, um Erfahrungen und Materialien auszutauschen.

Wo kommt Ihre Begeisterung und Ihre Kenntnis von Technologie her?

Das hat mit zwei wichtigen Einflüssen in meinem Leben zu tun. Zum einen war mein Vater Antiquitätenhändler. Daher gab es in unserer Familie immer ein Interesse, Geschichten über Objekte zu erfahren und zu schauen, was sie einem über die Gesellschaft beibringen können. Zum anderen brauchte ich während meines Kunststudiums dringend Geld. Auch wenn ich überhaupt nicht wusste, was das war, nahm ich 2007 einen Job als audio-visuelle Technikerin an. Da zu dieser Zeit im Lager viel analoge Technologie aussortiert wurde, landeten viele der ausrangierten Stücke in meinem Studio, schließlich bin ich familiär vorbelastet, was das Sammeln angeht. Ich habe mir die Stücke lange angeschaut, erforscht und schließlich Kunst damit gemacht - und mir dabei viel Wissen darüber angeeignet.

Bei Ihrer Kunst treffen zwei Welten aufeinander, hat Sie das vor Probleme gestellt?

Ich merke als weiblicher Quereinsteiger in der Technik-Szene oft, dass sich manche verwirrt oder angegriffen von mir fühlen, vor allem, da ich nicht als Ingenieurin, sondern als Künstlerin mit kritischen Fragen auftrete. Technologie wird leider immer noch oft als männlich dominiertes Gebiet gesehen. Das ist schade, da wir durch den Mangel an weiblichen Vertretern vielleicht große Chancen verpassen, auf eine Weise innovativ zu sein, von der wir noch gar nichts ahnen.

Was kann uns die Trolli-Motorhaube abschließend lehren?

Dass wir in einer kapitalistischen Gesellschaft leben, die uns suggeriert, dass unser Leben gut ist, solange wir etwas Neues haben. Dabei macht sich zunehmend bemerkbar, dass unser Konsum problematisch für die Umwelt, die Arbeitsbedingungen der Menschen sowie das soziale Zusammenleben ist.

Übersetzt aus dem Englischen.

Über dieses Thema berichtet MDR SACHSEN auch im Radio: MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 30.12.2017 | ab 14:00 Uhr in den Nachrichten

Zuletzt aktualisiert: 30. Dezember 2017, 15:24 Uhr

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