Eines der Opfer einer Hetzjagd auf acht Inder in Mügeln, Singh Gorvinda.
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Rechte Gewalt "Mügeln war ein schmerzhaftes Lehrstück"

Am Sonnabend jährten sich die rassistischen Übergriffe auf acht Inder in Mügeln zum zehnten Mal. Beim damaligen Stadtfest der sächsischen Kleinstadt in Landkreis Nordsachsen jagten rund 50 Deutsche ortsansässige Inder durch die Stadt. 70 Polizisten mussten eingreifen. 14 Menschen wurden verletzt. Verurteilungen wegen Volksverhetzung und gefährlicher Körperverletzungen folgten.

Eines der Opfer einer Hetzjagd auf acht Inder in Mügeln, Singh Gorvinda.
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Zehn Jahre später wird in Mügeln wieder ein Altstadtfest gefeiert. Der heutige Oberbürgermeister Johannes Ecke schätzt das jetzige Stadtklima als entspannt ein. "Die Sache hat sich in den Jahren beruhigt", erklärte er MDR SACHSEN. Eine Form von "Mulitkulti" herrsche heute in Mügeln. Alle leben friedlich miteinander und es gebe keine Anfeindungen. "Ich hoffe, dass es so bleibt", betont Ecke.  

Kerstin Köditz, Sprecherin für antifaschistische Politik bei der Partei Die Linke, sieht die Situation ähnlich, betont aber: "Selbst wenn es in Mügeln lediglich ein rassistisches Potenzial gibt, das nicht größer ist als in jeder anderen sächsischen Kleinstadt, ist das noch immer brandgefährlich." Hier müsse auf kommunaler Ebene präventiv gehandelt werden.

Dass es keine Gewalt gibt, bedeutet nicht, dass es keinen Rassismus gibt. Und der ist stets die Grundlage der Gewalt.

Kerstin Köditz Die Linke

Neonazistische Strukturen in Nordsachsen

Rund 200 Menschen aus der linken Szene demonstrierten bei einer Spontandemo im sächsischen Mügeln gegen die Hetzjagd auf acht Inder.
Kurz nach dem Übergriff demonstrierten rund 200 Menschen in Mügeln gegen rechte Gewalt und Rassismus. Bildrechte: dpa

Angesprochen auf neonazistische Strukturen im Bereich Nordsachsen erklärt Köditz: "Wie überall in Sachsen gibt es auch im Landkreis Nordsachsen ein entsprechendes Potenzial." Zahlreiche neonazistische Konzerten in Staupitz sowie eindeutige Bestrebungen in der Free-Fight-Szene im Raum Eilenburg/Wurzen belegen laut Köditz diese Annahme. Auch an dem Überfall von über 200 Neonazis im Leipziger Stadtteil Connewitz am 11. Januar 2016 waren Personen aus dem Raum Nordsachsen beteiligt. Die Übergriffe vor zehn Jahren waren nicht die einzigen Vorkommnisse in Mügeln. 2009 überfielen zwei deutsche Männer dieselbe Pizzeria, in die sich die Inder damals geflüchtet hatten. 2010 musste ein Fußballspiel zwischen SV Mügeln und Roter Stern Leipzig nach 80 Minuten aufgrund volksverhetzender Gesänge seitens der Mügelner Anhänger abgebrochen werden.

Die 2010 von der Neonaziszene ausgerufene "Modellregion Nordsachsen" konnte in den letzten Jahren aufgrund verstärkter polizeilicher Ermittlungen und der Zerstrittenheit innerhalb der Szene nicht umgesetzt werden, resümiert der Bericht "Nordsächsische Zustände" der Leipziger Dokumentationsplattform "Chronik LE". Die Ergebnisse der letzten Landtagswahlen zeigen jedoch, wie anschlussfähig rechte Ideologien in breiten Bevölkerungskreisen sind.

Listenstimmen für die NPD bei Landtagswahlen in Sachsen in Prozent
  Sachsen Gemeindeergebnis Mügeln
2004 9,2 9,7
2009 5,6 10,1
2014 4,9 7,6

Von den Jungen Nationaldemokraten organisierte Trainingslager sowie "nationale Schulungszentren" in Oschatz, Eilenburg und Delitzsch haben dazu geführt, dass Neonazis vielerorts eine Szene etabliert haben, für die besonders Jugendliche empfänglich sind.

Junge Nationaldemokraten (JN): Die NPD-Jugendorganisation Junge Nationaldemokraten (JN) ist die bedeutendste rechtsextremistische Jugendorganisation in Deutschland. Sie ist integraler Bestandteil der rechtsextremen NPD. 2016 lag ihre Mitgliederzahl in Sachsen bei ca. 85. 2016 verzeichnet der Verfassungsschutz Sachsen im Freistaat insgesamt 2.700 Rechtsextreme. Bundesweit sind es 22.600. Sächsischer Verfassungsbericht 2016

Klare Lageanalyse

Köditz plädiert hier für eine klare Lageanalyse. Wenn diese ausbleibe, "dann führt das regelmäßig zu einer Unterschätzung der Gefahr". Neonazistischen Strukturen seien so ungehindert in der Lage, sich ausbreiten zu können. Mügeln vor zehn Jahren sei ein schmerzhaftes Lehrstück dafür gewesen.

Quelle: MDR/mar

Über dieses Thema berichtet MDR SACHSEN auch in Radio und Fernsehen: MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 18.08.2017 | 14:30 Uhr in den Regionalnachrichten aus dem Studio Leipzig
MDR SACHSENSPIEGEL | 20.08. 2017 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 19. August 2017, 18:38 Uhr

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9 Kommentare

21.08.2017 14:59 Barbara 9

@ 8 R I C H T I G mehr ist das nicht !!!
aber ein paar Gutmenschen fallen wieder wie immer darauf rein !!

21.08.2017 14:02 Anfrage 8

Warum werden die alten Dinge immer wieder aufgewärmt , so auch Rostock , Heidenau usw. ? Kann oder will man nicht sehen , daß es friedlicher gewurden ist und nun die Gäste am randalieren und Unruhe stiften in vielen Städten sind ? ( Köln, Berlin ,Dresdner Neustadt ,Hauptbahnhof ,Chemnitz usw. ) Dies werden auch nicht ständig erwähnt und Fotos gezeigt. Solles ein Ablenkungsmanöver vor der Wahl sein ??

20.08.2017 23:03 Walter 7

@5
Nur 2 Beispiele aus dieser Woche:
Vergewaltigung einer Frau in Sachsen Anhalt durch mehrere Ausländer.
Freitag iraker wegen Vergewaltigung einer 56jährigen Erfurterin verhaftet,
Quellen: u.a. MDR

Vergewaltigte und Getöte
in Freiburg.

Das ist das, was mir auf die schnelle einfällt. Also bitte sachlich bleiben.

20.08.2017 21:53 Ernsthaft besorgter Sachse an Normalo und Besorgter Bürger 6

Es gibt sicher keinen Grund, das, was sich so als "besorgter Bürger" bisher in Szene zu setzen versuchte oder versucht wurde, als "zivilisiert" zu bezeichnen. Zivilisierte Menschen jeder kulturellen Herkunft versuchen weder Frauen dumm anzutatschen und anzuquatschen oder als Frau runter zu machen, noch Menschen anderer Herkunft per se als solche runterzumachen. Ihr glaubt gar nicht, wieviele Parallelen an Respekt (Anstand, abwertend jeweils "Gutmenschentum") oder Respektmangel es da jeweils gibt. Jedenfalls beunruhigt es mich gegenwärtig weiterhin angesichts der Propaganda von Pegida und leider zu vielen Teilen der AfD, wenn jemand sich als "besorgter Bürger" bezeichnet und im Kommentar darunter dümmliche Plattheit pflegt...

20.08.2017 11:15 Normalo 5

@ 4 Ein zivilisierter Bürger bittet um Auskunft: Auf wie viele Frauen haben die 14 Inder damals übergegriffen? Was hat die 50 "besorgten" Bürger dazu "berechtigt" die Menschen wie Tiere durch die Stadt zu jagen? Was hat "andernorts" mit den Ereignissen damals und dem jetzigen Fest zu tun? Gab es in letzter Zeit, über die schrecklichen Ereignisse von Köln hinaus, weitere Übergriffe (jetzt sind die auf Frauen gemeint, nicht die des Pöbels auf Inder).
Was für platte Aussagen manche hier von sich geben. Klingt furchtbar etabliert :-)

19.08.2017 20:41 Besorgter Bürger 4

Ich hoffe dass auch Frauen noch aufs Stadtfest gehen - gab es doch andernorts reihenweise Übergriffe.

19.08.2017 17:45 Benutzer 3

ach Linke wieder :D

19.08.2017 14:13 MuellerF 2

@MDR: Eine kurze Recherche meinerseits ergab, dass die hier verlinkten Infos von "Chronik L.E." absolut veraltet sind. Allerdings findet sich auf deren Seite eine Liste rassistischer Vorfälle 2016/2017. Von Friede-Freude-Eierkuchen in Mügeln kann also nicht ansatzweise die Rede sein!

19.08.2017 13:59 MuellerF 1

Ob die Inder noch aufs Stadtfest gehen?
Interessant wäre mal DEREN Einschätzung der heutigen Lage; wie man weiß, wird von Politikern aus Image-Gründen gern so einiges unter den Teppich gekehrt.