Gesprächsrunde auf der Bühne
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Braunkohletagebau Espenhain Zermürbender Kampf um die Rente

Seit fast 20 Jahren kämpfen die Bergmänner und -frauen aus Espenhain um ihre Zusatzrente. Als Arbeiter in der Braunkohleveredelung steht sie ihnen eigentlich zu. Doch eine Gesetzesänderung verwehrt ihnen die Auszahlung. In ihren zermürbenden Rechtsstreit ist jetzt ein Funken Hoffnung getreten: Sachsens Staatsministerin Petra Köpping, die ihnen einfach erstmal zuhört.

von Lars Tunçay

Gesprächsrunde auf der Bühne
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Das Kulturhaus in Borna ist bis auf den letzten Platz besetzt. Die meisten in dem vollbesetzten Saal sind schon über 70. Manche haben selbstgefertigte Plakate dabei. Hoffnungsvolle Gesichter mischen sich mit jenen, denen man die Enttäuschung der letzten Jahrzehnte ansieht.

Zusatzrente gestrichen

Aus der Kohle wurden damals Benzin oder Rohphenole für die Industrie gewonnen. Viele arbeiteten in der Schwelerei, einer Betriebsanlage zur Kohleveredlung. Weil es im Westen diese Braunkohleveredelung aber nicht gab, kann der heute zuständige Rententräger, die Knappschaft Bergbau-Bahn-See, mit dem Begriff Schwelerei angeblich nichts anfangen und stuft die Tätigkeit der Espenhainer Bergleute unter "Sonstiges" ein. Jahrelang hatten die Bergleute ihre Erschwerniszulage, die sie von der DDR-Staatsführung für die erschwerten Arbeitsbedingungen erhielten, in die Sozialkasse eingezahlt. Dafür sollten sie eine bergmännische Zusatzrente erhalten. Die versprochene Rente wurde jedoch mit dem Beginn des Jahres 1997 ersatzlos gestrichen. Die zuständige Knappschaft ignoriert bis heute sämtliche Klagen und Widersprüche, viele Politiker kamen und gingen. 

Ungerechtigkeiten und Demütigungen

Ministerin Petra Köpping ist an diesem Mittwoch ins Kulturhaus Borna gekommen, um den Geschädigten zuzuhören und ihnen ihre Unterstützung zuzusichern. Ihr gehe es aber nicht nur um die Rente, sagt Sachsens Staatsministerin für Gleichstellung und Integration. Vielerorts hatte sie bei ihren Bürgersprechstunden mit dem SPD-Landesvorsitzenden Martin Dulig Unmut gespürt, der auf unaufgearbeitete Wendegeschichten zurückzuführen ist. Ungerechtigkeiten und Demütigungen, die letztlich auch auf das aktuelle Verständnis von Politik und Demokratie wirken.

Köpping hatte diese Erlebnisse in ihrer Rede zum Thema "Blühende Landschaften nach der Wende - versprochen und gebrochen?" im Rahmen des "Politischen Reformationstags" der SPD Sachsen am 31. Oktober vergangenen Jahres angesprochen. Daraufhin erreichten sie viele Briefe und E-Mails. Die Mitarbeiter des einstigen Braunkohleveredlungswerkes Borna/Espenhain luden sie zur ihrer Jahreshauptversammlung ein.

Symbolische Unterstützung

"Ich hatte mit dieser Resonanz selber nicht gerechnet", gibt Köpping zu. "Es hat mich dazu gebracht, die Ereignisse, die ich selbst vor 25 Jahren erlebt habe, erneut anzusprechen." Die Staatsministerin hatte als Bürgermeisterin von Großpösna und "Ehrenbergfrau" den Niedergang des Bergbaus mitansehen müssen. "Nun habe ich mehr Öffentlichkeitswirksamkeit als damals in der Funktion der Bürgermeisterin. Das hat mich dazu gebracht, das Thema erneut aufzugreifen." An diesem Vormittag zitiert sie in Auszügen ihre Rede vom Reformationstag und sichert den Bergleuten ihre Unterstützung zu. Allerdings betont sie, dass diese Unterstützung nur symbolisch sein kann. "Die Entscheidung wird in Berlin getroffen."

Ihr Kampf ist Symbol dafür, dass die ostdeutschen Biographien noch nicht Teil der gesamtdeutschen Geschichte geworden sind. Im Westen muss man endlich zuhören.

Petra Köpping, Staatsministerin für Gleichstellung und Integration

26 Jahre liegt die Wiedervereinigung nun schon zurück. "Mehr als halb so lang wie die deutsche Teilung", stellt Köpping fest. Aber dennoch sei es, als wäre die deutsch-deutsche Geschichte noch jung. Gerade vor ein paar Wochen hatten die Ergebnisse des Sachsen-Monitors gezeigt, dass seit der Wiedervereinigung vielfach neues Unrecht geschehen ist. Die Angleichung der Ost-West-Rente sei ein erster, wichtiger Schritt gewesen, so Köpping. Unter Applaus betont die Staatsministerin, man müsse "verhindern, dass das Ungerechtigkeitsgefühl an nachfolgende Generation vererbt wird."

Viel Sympathie

Petra Köpping schlägt an diesem Vormittag viel Sympathie entgegen. Sie spricht die Menschen direkt an und zeigt Bereitschaft, sich der Thematik stellen. Mit dem Bergmannsgruß "Glück auf" schließt sie ihre Rede, die mit viel Applaus bedacht wird.

Herzenswärme und Nachdruck

Gunter Freitag, der an diesem Tag die Moderation übernimmt, dankt Köpping, die sich im Gegensatz zu der CDU-Bundestagsabgeordneten für den Muldentalkreis und das Leipziger Land, Katharina Landgraf, nicht vor einem Treffen gedrückt habe. Freitag, selbst ehemaliger Bergmann in Espenhain, will das Anliegen seiner Kumpels "mit aller Herzenswärme und Nachdruck nach Berlin tragen." Mit Blick auf die Wahlen sei der Zeitpunkt richtig, um Fehler anzuerkennen und aufzuarbeiten. Beim Petitionsausschuss, dem "Kummerkasten des Bundestags", wie er inoffiziell genannt würde, lägen bereits dicke Akten mit ihren Anschreiben. "Seit 20 Jahren stehen die zur Prüfung."

Zermürbender Kampf

Werner Friedrich, der 1954 in der Schwelerei in Espenhain angefangen hatte, erinnert sich an die extremen Arbeitsbedingungen. "Wir hatten üblicherweise eine weiße Vorderfront, wegen des Asbests. Wir wussten ja gar nicht wie gefährlich das war. Am Ende ging ich wie viele hier in die Rente mit 18 Prozent Abzug. Wir streiten um die Gerechtigkeit, die uns zusteht." Der ehemalige Bergmann lobt Köpping: "Sie zeigt Verständnis. Das haben wir so noch nicht erlebt."

Helga Weidner war bis zur Schließung im Braunkohleveredlungswerkes Borna/Espenhain beschäftigt. 29 Jahre arbeitete sie in der Brikettfabrik und in der Schwelereianlage. Dabei habe ihre Gesundheit schwer leiden müssen, sagt Weidner. Zweimal ist sie an Krebs erkrankt. Trotzdem ist sie an diesem Abend ins Kulturhaus gekommen, um für ihr Recht einzustehen. "Dieser Kampf ist zermürbend. Wir sind dankbar, dass wir unseren Vorstand haben, denn wir selbst kommen gar nicht zurecht mit dieser ganzen neuen Situation", gibt sie zu. "Ich bin damals nach Espenhain gekommen, weil niemand sonst mir einen Krippenplatz angeboten hatte. Sonst wäre ich niemals dorthin gekommen. Man sagt zwar immer, Geld stinkt nicht, aber selbst das Geld stank nach Schwefel." Auch sie sieht die aktuellen politischen Trends klar in der ungerechten Behandlung der Menschen im Osten. "Heute fühlen wir uns als Menschen zweiter Klasse. Kein Wunder, dass immer weniger zur Wahl gehen. Wenn wir irgendwann einmal dieses Glück erleben, dass man unsere Lebensleistung anerkennt,  dann wäre das für unsere Kinder, die Nachkommen, ein Erfolg. Dann haben wir unsere Lebenskraft und unsere Gesundheit nicht umsonst der Kohle gewidmet."

Unsere Lebensleistung wird nicht gewürdigt

Gerhard Borufke
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Gerhard Borufke hat rund 40 Jahre im Braunkohlewerk Espenhain gearbeitet. 2004 ist er mit 60 in die Arbeitslosenrente gegangen, statt seiner schwer verdienten Rente als Bergmann. Im Monat bekommt er so etwa 450 Euro weniger als ihm zusteht. Mittlerweile ist er schwer erkrankt. Sein Vertrauen in die Politik hat der 72-Jährige längst verloren. "Es geht hier um eine Lebensarbeitsleistung, die nicht gewürdigt wird. Das ist es, was uns alle sehr deprimiert."  

Entschlossenheit und Solidarität

Der Hallenser Rechtsanwalt Peter Knöppel vertritt die Bergleute. Als er vor die 345 Gäste im Kulturhaus tritt, erklärt er noch einmal die schwierige juristische Sachlage. Dann öffnet sich die Podiumsdiskussion und einige Anwesende tragen ihre Anliegen persönlich an Ministerin Köpping heran. Geduldig hört sie sich die Anliegen der Menschen an und betont noch einmal ihre Entschlossenheit und Solidarität: "Ich brauche sie, damit wir eine gemeinsame Stimme haben, die klar sagt: 'so geht ihr mit uns nicht um!'"

Am 19. Januar wird sich der Deutsche Bundestag über den Sonderstatus der Bergleute aus Espenhain abstimmen. Die Fraktion Die Linke will mit Paragraphenerweiterungen den Sonderregelungen der DDR-Braunkohleveredlung endlich zum Durchbruch verhelfen.

Über dieses Thema berichtete MDR SACHSEN auch im Radio und Fernsehen MDR 1 RADIO SACHSEN | 04.01.2017 | 16:50 Uhr sowie in den Nachrichten und Regionalnachrichten

MDR SACHSENSPIEGEL | 04.01.2017 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 06. Januar 2017, 09:33 Uhr

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3 Kommentare

07.01.2017 22:53 Roessner Klaus 3

Es ist doch immer wieder das gleiche Bild. Egoismus in den höchsten Ämtern.Sprich- Bundestag.Es sind keine Geschenke die von den Bergleuten eingefordert werden ,sondern hart erarbeitete Leistungen.Die Entscheidungsträger sollten schleunigst mal an Ort und Stelle mit den betroffenen Bergleuten über die erlebten Arbeitsbedingungen sprechen.Die Zeit drängt. Gerechtigkeit ist ein hohes Gut, und das gilt für Alle. Auch für uns Bergleute. Glück auf

06.01.2017 17:14 Fragender Rentner 2

Zitat von Oben: Sachsens Staatsministerin Petra Köpping, die ihnen einfach erstmal zuhört.

Die ihnen einfach "erstmal zuhört", ist ja toll erstmal zuhört!

Was hat die SPD bisher für die Ostrentner und die Niedriglöhne getan?

Na toll, was nützt das, die SPD hatte über 14 Jahre mitregiert und was kam bisher für die Kumpel heraus?

Nichts, die Linken hatten immer mal Anträge für die Ostrentner eingebracht, die von der SPD ständig mit abgelehnt wurden!

Wem soll man glauben?

05.01.2017 23:54 Reiner Wahnsinn 1

"Am 19. Januar wird sich der Deutsche Bundestag über den Sonderstatus der Bergleute aus Espenhain abstimmen."
Abstimmen klingt erst mal gut, nur wird sich wohl "Die Fraktion Die Linke will mit Paragraphenerweiterungen den Sonderregelungen der DDR-Braunkohleveredlung endlich zum Durchbruch verhelfen" bis zur Entscheidung biologisch erledigen. Ist ja schließlich keine Erhöhung von Abgeordneteneinkommen. Glück auf!

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