Geschichte und Zukunft Vom Klang der Kohle in Leipzig

Die Kohle prägt seit vielen Jahrzehnten das Landschaftsbild südlich von Leipzig. Etwa genauso lange regt sich auch der Protest gegen die Ausbeutung der Natur. MDR SACHSEN-Autor Lorenz Hoffmann macht eine episodische Reise durch die Geschichte der Kohle-Region Leipzig.

Blick auf einen Schaufelradbagger im Braunkohletagebau Schleenhain.
Bildrechte: dpa

"Kohle? Raus!" - Eine Ära geht zu Ende

"Kohle? - Raus! - Kohle? -Raus! - Kohle, Kohle , Kohle, raus, raus raus!" Zweitausend, vielleicht dreitausend Schüler sind in der Leipziger Innenstadt versammelt. Es ist Freitag. Friday for Future. Trillerpfeifen, Sprechchöre: "Es gibt - kein Recht - auf Kohlebaggerfahren!" Und dann springen sie auf Kommando gemeinsam in die Höhe: "Wer - nicht hüpft, - der ist - für Kohle!"

Geschichte der Kohle im Raum Leipzig
Schülerinnen und Schüler bei einer Fridays-For-Future-Demo auf dem Leipziger Marktplatz. Bildrechte: Lorenz Hoffmann

Sie demonstrieren für den schnellen Ausstieg und unabhängig davon, ob die Rufe Erfolg haben werden oder nicht, sind sie Begleitmusik zum Ende einer Ära. Spätestens 2038 ist Schluss mit der Braunkohle in und um Leipzig.

Klang der Kohle Autor Lorenz Hoffmann (li.) und Anlagenfahrer Jörg Krummsdorf (MIBRAG-Tagebau) 29 min
Klang der Kohle Autor Lorenz Hoffmann (li.) und Anlagenfahrer Jörg Krummsdorf (MIBRAG-Tagebau) Bildrechte: MDR/rbb/Tobias Barth

Anfänge im Tiefbauschacht Dölitz

Schacht und Neue Sortierung Dölitz
Ein unbekanntes Industriedenkmal: der Schacht Dölitz samt Fördertum steht bis heute. Bildrechte: Lorenz Hoffmann

Der Schacht Dölitz am südlichen Stadtrand ist der Ort, wo 1895 alles begann. Als Leipzig ihren industriellen Aufschwung erlebte, wurde der wachsende Energiehunger der Stadt von hier aus gestillt. Die alte Schachtanlage samt Förderturm steht noch heute, das letzte zugängliche Zeugnis für den Braunkohletiefbau in der Region. Die wenigsten wissen es noch. Bevor ab den 1930er-Jahren riesige Schaufelradbagger zum Abtragen der Abraum-Schichten hergestellt wurden, musste Braunkohle unter Tage gefördert werden. Das Surren der Stahlseile, an dem der Förderkorb 70 Meter in die Tiefe herab gelassen wurde, ist seit den 1960er-Jahren verstummt. Klirrende Brechstangen, rasselnde Ketten und der dröhnende Widerhall dumpfer Hammerschläge beim Zerkleinern der Kohlebrocken in der Sortieranlage waren bis zum Ende der DDR zu vernehmen. Nach langer Stille hört man heute hier Schubkarren mit Bauschutt, die über das Gelände rollen. Die "Neue Sortierung" soll zu einem Veranstaltungszentrum und Ort für Kreative umgebaut werden.

Technik-Giganten im Tagebau

Gespräch mit Gerätefahrer Jörg Krummsdorf
Jörg Krummsdorf (rechts) ist Gerätefahrer auf einem Eimerkettenbagger. Bildrechte: Lorenz Hoffmann

Zwanzig Kilometer weiter südlich ist die Geschichte noch Gegenwart. Hier fräst sich der riesige Eimerkettenbagger ERs 1120 in die Landschaft von Schleenhain, mit einer Fördermenge von bis zu 3.000 Tonnen in der Stunde. Alles an dieser Technik ist gigantisch, auch der Sound. Besonders dessen Permanenz. Unablässiges Dröhnen, Schürfen, Kratzen, Wühlen, Vibrieren. Der Einklang ab und an durchschnitten vom schrillen Ruf der Falken, die auf Mäusejagd über dem Tagebau kreisen.

Eine Mark für Espenhain

Klimpernde Markstücke in Sammelbüchsen der kirchlichen Umweltbewegung in der DDR - sie waren ein Teil des Klangs, den die Kohle ebenfalls erzeugte. Um legal gegen die katastrophale Umweltverschmutzung durch das Braunkohle-Großkraftwerk Espenhain protestieren zu können, griffen die Angehörigen des Christlichen Umweltseminars Rötha zu einem Trick. Zwar durften nichtstaatliche Organisationen in der DDR keine Unterschriftensammlungen durchführen, aber Spendensammlungen waren erlaubt. So entstand im Sommer 1988 die republikweite Sammel-Aktion "Eine Mark für Espenhain". Über 100.000 Menschen quittierten die symbolische Spende mit ihrer Unterschrift. Es war die erfolgreichste Aktion dieser Art in der Geschichte der DDR.

Der letzte seiner Art

Geschichte der Kohle im Raum Leipzig
Hendrik Ebert ist in Leipzig Kohlehändler in fünfter Generation. Bildrechte: Lorenz Hoffmann

Ein Dreiklang: schippen, aufhucken, abkippen. Hendrik Ebert aus Leipzig ist Kohlehändler in fünfter Generation. Einer von vieren, die es in Leipzig heute noch gibt. In den 1980er-Jahren waren es noch um die hundert Kohlelieferanten in der Stadt, jeweils mit mehreren Angestellten, welche die Briketts in die Keller der Stadthäuser schleppten, in Kiepen oder Säcken. Gesichter und Hände dauerhaft schwarz gefärbt vom Kohlenstaub. Ein dreckiger, ein Knochenjob. Wenn Hendrik Ebert in Rente geht, so sagt er halb wehmütig, halb stolz, wird wohl Schluss sein mit der Kohle in Leipzig.

Quelle: MDR

Dieses Thema im Programm beim MDR MDR Kultur | 21.11.2020 | 09:05 Uhr

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