16.07.2020 | 07:00 Uhr Die "Stadt der kurzen Wege" - Alleinerziehend in Leipzig

Die Zahl der Alleinerziehenden steigt - nicht nur in Sachsen. Dabei bleiben Ein-Eltern-Familien hauptsächlich ein Großstadtphänomen: Je kleiner eine Gemeinde, desto weniger Alleinerziehende gibt es laut Statistischem Bundesamt. Woran liegt das? Und welche Rolle spielt die städtische Infrastruktur für diese Familien?

Eine Frau, ein Mädchen und einige Schüler überqueren eine Straße.
Bildrechte: MDR/Laurie Stührenberg

6 Uhr morgens im Leipziger Norden: Kati Z. beginnt ihren Tag mit dem Wecken ihrer siebenjährigen Tochter. Ihre anderen drei Kinder im Alter von 12, 14 und 20 Jahren kann sie in Zeiten von Corona weiterschlafen lassen. "Normalerweise fahren wir mit dem Fahrrad", sagt Kati Z. Aber heute Morgen regnet es und so steht sie mit ihrer Tochter knapp anderthalb Stunden später zusammen an der Bushaltestelle. Nur für die Wege macht das drei Stunden, die Kati Z. zwischen ihrem Zuhause, ihrer Arbeit und der Schule ihrer Kinder unterwegs ist.

Seit sieben Jahren ist Kati Z. alleinerziehend. Wenn sie ihre Tochter zur Schule gebracht hat, geht sie an einigen Tagen in der Woche einem Minijob in einem Verlag nach. "Manchmal frage ich mich: Was könnte ich geben, mit dem, was ich an Ausbildung habe – und was kann ich im Moment tatsächlich schaffen?", sagt Kati Z., die Lehramt und Gesang studiert hat, aber mit ihrer Familie von ihrem Minijob und Hartz IV lebt. Vorher arbeitete sie im Bereich der musikalischen Früherziehung und hatte einen Beruf, bei dem man viel gestalten könne, sagt Kati Z. Aber alleinerziehende Mutter zu sein, sei Arbeit genug. "Das für mich zu verwandeln und mir zu sagen: 'Das ist meine Arbeit' - und das ist eine Arbeit, auch wenn sie nicht als Beruf anerkannt wird oder finanziell vergütet wird - das war oft nicht einfach", sagt sie. Körperlich komme sie gerade an ihre Grenze. Dabei sei sie mit der Infrastruktur ihres Stadtviertels insgesamt zufrieden, weil alles recht leicht zu erreichen sei.

Alltag einer Alleinerziehenden: Nur wenig Zeit für die kleinen Dinge

Kati Z. ist Mutter von vier Kindern. Die Alleinerziehende kommt nach eigener Aussage oft an ihre körperlichen Grenzen - trotz kurzer Wege in der Großstadt. Die Kinderbetreuung erfordet ihre ganze Aufmerksamkeit.

Eine Frau mit Brille steht unter einem Regenschirm und lacht in die Kamera.
Kati Z. ist alleinerziehend und lebt mit ihren vier Kindern in Leipzig. Bildrechte: MDR/Laurie Stührenberg
Eine Frau mit Brille steht unter einem Regenschirm und lacht in die Kamera.
Kati Z. ist alleinerziehend und lebt mit ihren vier Kindern in Leipzig. Bildrechte: MDR/Laurie Stührenberg
Eine Frau und ein Mädchen warten an der Bushaltestelle.
Normalerweise fährt sie ihre Tochter mit dem Fahrrad zur Schule. Bei Regen dürfe es aber auch der Bus sein, sagt Kati Z. Bildrechte: MDR/Laurie Stührenberg
Eine Frau, ein Mädchen und einige Schüler überqueren eine Straße.
Nach kurzer Fahrt stehen Kati Z. und ihre Tochter an der Ampel. "Der Weg zur Schule dauert knapp 30 Minuten. Das scheint nicht viel", meint die 46-Jährige. "Aber über den Tag kommt dann doch einiges zusammen." Bildrechte: MDR/Laurie Stührenberg
Eine Frau und ein Mädchen laufen einen Weg entlang, beide tragen Gummistiefel.
Mit zügigen Schritten geht es weiter Richtung Schule. Bildrechte: MDR/Laurie Stührenberg
Ein Mädchen hält ein Schneckenhaus in der offenen Hand.
Ihre Tochter hat etwas gefunden: Eine Schnecke, die durch den Regen hervorgelockt wurde. Bildrechte: MDR/Laurie Stührenberg
Ein Mädchen bückt sich an einer Straße nach einer heruntergefallenen Schnecke. Ihre Mutter steht neben ihr.
"Wenn ich nicht direkt im Anschluss zur Arbeit muss, ist es deutlich entspannter", sagt Kati Z. "Dann haben wir auch mal Zeit für die kleinen Dinge." Bildrechte: MDR/Laurie Stührenberg
Eine Frau und ein Mädchen stehen neben einem Gebüsch. Die Frau trägt einen Regenschirm in der Hand.
An der Schule angekommen, müssen die Schnecken wieder ausgesetzt werden. Kati Z. begibt sich nun auf den Weg zur Arbeit oder zurück nach Hause, ehe sie ihre Tochter am Nachmittag wieder von der Schule abholt. Bildrechte: MDR/Laurie Stührenberg
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Luisa P., die lieber anonym bleiben will und eigentlich anders heißt, hat ebenfalls vier Kinder und kennt das Gefühl: Zwar biete Leipzig als Stadt einige Vorteile, der gesellschaftliche Druck, einer bezahlten Arbeit nachzugehen, sei aber enorm. Als Alleinerziehende lasse es sich kaum bewerkstelligen, Kindern, Arbeit und sonstigen Terminen zugleich gerecht zu werden. "Die größte Belastung ist es, die soziokulturelle Teilhabe der Kinder irgendwie zu ermöglichen", sagt sie.

Kurze Wege, weniger Vorurteile

Tatsächlich geht es vielen Alleinerziehenden ähnlich: Der AOK-Familienstudie 2018 zufolge fühlen sich über 40 Prozent zeitlich und finanziell stark belastet. 1,3 Millionen Alleinerziehende lebten demnach 2018 in Deutschland. Und: Je kleiner eine Gemeinde, desto weniger Alleinerziehende gibt es. Warum ist das so?

"Allgemein finden sich Alleinerziehende in allen Milieus, Schichten und Lagen", sagt Prof. Dr. Dieter Rink vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig. Aber insbesondere Alleinerziehende seien darauf angewiesen, alles in Reichweite zu haben: Schulen, medizinische Versorgung, Handel, Gewerbe, Arbeitsplätze. Sie profitierten von der "Stadt der kurzen Wege", sagt Rink. Und nicht nur das, auch gute und belastbare soziale Netzwerke seien in der Stadt eher vorhanden als auf dem Land. Auch weil es weniger Vorurteile gebe.

"Wenn wir wegziehen müssten, würde alles wegbrechen", sagt auch Soraya K., die im wirklichen Leben einen anderen Namen hat. Sie wohnt seit 2008 mit ihren beiden Kindern im Leipziger Osten. "Was die Wege betrifft, habe ich Glück: Die Schulen sind ringsherum, das Gymnasium meines Sohnes ist direkt nebenan. Wir brauchen auch nur selten die Straßenbahn, alles ist sehr gut ausgestattet."

Komplexe Bedarfslagen

Trotzdem gebe es Probleme - nicht nur in Leipzig oder in Sachsen, sondern bundesweit, meint Brunhild Fischer, Geschäftsführerin des Vereins Selbsthilfeinitiative Alleinerziehender (SHIA) in Leipzig. Seit 2002 setzt sie sich in der Stadt ehrenamtlich für die Verbesserung der Lebenssituation von Alleinerziehenden ein. "In manchen Bereichen ist es bedeutend prekärer, anstrengender und komplizierter geworden, weil die Bedarfslagen von Alleinerziehenden auch immer komplexer werden." Dabei ist die Formel für Verbesserungen laut Fischer gar nicht so schwierig.

Zwei Frauen sitzen sich an einem Tisch gegenüber. An einem Schrank im Hintergrund steht "Selbsthilfegruppen Alleinerziehender SHIA".
Brunhild Fischer ist seit 2002 Geschäftsführerin vom SHIA e.V. Der Verein organisiert Treffen, Beratungen und Weiterbildungsangebote speziell für Alleinerziehende. Bildrechte: MDR/Laurie Stührenberg

Wenn wir politisch und gesellschaftlich darauf schauen, was Alleinerziehende in unserer Gesellschaft brauchen, dann kommt es in der Konsequenz allen Familien zugute.

Brunhild Fischer SHIA e.V.

Vielfalt statt Schubladen

Aktuell leben fast 15.000 Ein-Eltern-Familien in Leipzig, Tendenz steigend. So geht es aus dem Sozialreport Leipzig 2019 hervor. Bislang gibt es keine städtische Beratungsstelle, die sich auf Alleinerziehende spezialisiert hat. "Das bedeutet aber nicht, dass wir diese Zielgruppe nicht im Blick haben", heißt es dazu aus dem Referat Kommunikation der Stadt Leipzig. Brunhild Fischer vom SHIA e.V. kann darüber nur den Kopf schütteln. "Oft kommen Alleinerziehende dann traurig und frustriert zu uns."

Auch Kati Z. hat so vor einigen Jahren den Weg zum SHIA e.V. gefunden. Im Gemeinde- und Städterat war sie bei einigen Treffen dabei. Zeitlich sei das eine Herausforderung, aber für sie persönlich die Mühe wert. "Bei Alleinerziehenden hat man schnell ein bestimmtes Bild vor Augen, so ähnlich wie bei Hartz IV", sagt Kati Z. "Da gilt es doch, rauszugehen und zu zeigen, dass es eine Vielfalt an Schicksalen gibt und dass es jedem passieren kann, in so eine Situation zu kommen."

Quelle: MDR

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