Eine Hand liegt in einer Blutlache.
Bildrechte: imago/McPHOTO

14.11.2019 | 12:05 Uhr Aus dem Alltag eines echten Tatortreinigers in Leipzig

Wenn er kommt, dann war der Tod schon da. Thomas Kundt beseitigt die Spuren, die von menschlichen Tragödien künden. Er ist Tatortreiniger - ein Beruf, der tiefe Einblicke in den Zustand unserer Gesellschaft gibt.

Eine Hand liegt in einer Blutlache.
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Für Ihren Job muss man einen starken Magen haben, oder?

Thomas Kundt: Nun ja, man wächst mit den Herausforderungen. Für mich war es am Anfang auch nichts. Ich bin Freund von allem, was alt ist. Ich sammle alte Sachen und dann haben wir immer mal so eine Haushaltsauflösung gemacht.

Ein guter Freund, der bei der Kripo arbeitet, hat dann gemeint: Biete doch mal Tatortreinigung mit an. Dann hab ich das gemacht und bin zu meinem ersten Tatort gefahren und habe mir gedacht: Mensch, auf was hast du dich hier eingelassen.

Riecht es tatsächlich so penetrant süßlich, wie man immer hört?

Genau, das ist ein ganz eigener Geruch. Mittlerweile kann ich unten im Erdgeschoss schon sagen, wie lange so ein Verstorbener im fünften Stock liegt.

Und Sie sind dann so wie man das im Fernsehen sieht unterwegs?

Genau, weißer oder gelber Overall, Maske, Atemschutz, Handschuhe, Spachtel und Reiniger, alles, was dazu gehört.

Kann man sagen, dass Sie alles schon gesehen haben?

Nein, das würde ich auch nie behaupten. Es wird immer wieder skurril, so dass andere immer fragen, nun erzähle doch mal. Jeder möchte gerne mal durchs Schlüsselloch gucken. Es ist unangenehm und man will nicht hingucken, aber man kann auch nicht weggucken.

Wie hart war es denn schon für Sie?

In einer Messiwohnung liegen Papiere und Zeitungen auf dem Schreibtisch, alte Fernseher liegen auf dem Boden, am Fenster hängen Kleidungsstücke und ein Eimer steht auf dem Tisch.
Auch Messiewohnungen gehören zu den Tatorten, die Kundt beräumen muss.
(Symbolbild)
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Es gibt immer so Augenblicke. Ich hab zweimal einen Würgereiz gekriegt, wo ich an meine Grenzen kam. Einmal habe ich ein Körperteil gefunden, auf das ich nicht vorbereitet war.

Das zweite war bei einer Messieberäumung. Da war es ein bisschen herzhafter in der Wohnung. Wenn eine Wohnung acht Wochen keinen Strom hat und es gibt einen Kühlschrank, der dann auch geräumt, gereinigt und desinfiziert werden muss, bevor man den wegbringt. Wenn man dann rein greift und es krabbeln bis hoch an den Handschuh die Maden, dann ist auch dementsprechend der Geruch da.

Ich habe gelesen, dass Sie auch schon mal ein Ohr gefunden haben, hinter einer Schrankwand?

Das stimmt. Das ist sehr häufig so, wenn eine Schusswaffe im Spiel ist. Da liegen dann auch irgendwo Körperteile.

Das heißt, dann sind Polizei und Leichenbestatter nachlässig gewesen?

Das nicht. Aber wenn es einen großen Streuungswinkel gibt und eine große Waffe im Spiel war, dann ist es dementsprechend wahrscheinlich, dass manchmal nicht alles gefunden werden kann.

Bekommen Sie auch etwas von den Schicksalen hinter den Tatorten mit?

Tatortreiniger in Leipzig
Vor allem wenn Kinder im Spiel sind, wird die Arbeit für Tatortreiniger Kundt schwierig.
(Symbolbild)
Bildrechte: Alexander Bischoff, Sächsische Tatortreinigung

Ja, klar, man hat auch die Angehörigen, die einem ihr Leid klagen wollen. Da muss man dann auch eine gewisse Pietät an den Tag legen. Besonders nahe geht es, wenn Kinder im Spiel sind. Ich bin selber Familienpapa und habe einen kleinen Sohn.

Wenn ich dann in eine Wohnung komme, wo Drogen im Spiel waren, die vermüllt ist und dann liegt da Kinderspielzeug rum, dann geht mir das nah. Ich denke über ihre Schicksale nach. Welche Laufbahn nimmt so ein Kind?

Wie verarbeiten Sie das, wenn Sie so extrem unterwegs sind?

Ich versuche das möglichst nicht an mich heran zu lassen. Wir sprechen im Unternehmen offen drüber. Wir reden auch über Fälle und bestimmte Situationen. Ansonsten, entweder man kann das, oder man kann es nicht. Wir merken das auch, wenn wir Gespräche führen mit eventuellen zukünftigen Mitarbeitern, ob jemand schon von seiner Psyche her in den Beruf passt. Da zählt nicht nur das handwerkliche Geschick.

Die Füße einer Person liege an einer Blutlache.
Kundt: Bei den Leichenfunden haben wir es oft mit "Wendeopfern" zu tun.
(Symbolbild)
Bildrechte: imago/Westend61

Aus einer Messiewohnung haben wir gerade sechzehn Tonnen rausgeräumt. Das ist bisher Rekord. Dem Messie fehlt ein Werteverständnis. Für den haben alle Sachen eine ganz hohe Bedeutung. Deshalb sammeln die 120 Eierpappen, denn die sind ja wertvoll in ihren Augen.

Bei den Leichenfunden haben wir es oft mit "Wendeopfern" zu tun. Da hat jemand zu DDR-Zeiten einen richtig guten Beruf gehabt, war Betriebsleiter oder Ähnliches. Im Nachgang hat er dann seinen Job verloren, war zu qualifiziert für bestimmte Jobs und für andere nicht genug qualifiziert. Dann kommt der Alkohol, die Familie geht verloren und dann sterben die und liegen sehr häufig über einen Monat in der Wohnung, bevor sie gefunden werden.  

Können Sie zugucken, wenn bei Ihnen Blut abgenommen wird?

Ja, doch. Das kann ich. (lacht)

Die Tatortreinigung ist dann tatsächlich eine Reinigung?

Ja, Reinigung, Desinfektion. Am Anfang stellen wir ein Gerät in den Raum, wo erstmal die Raumluft und die Umgebung desinfiziert wird, durch ein spezielles Verfahren. Das machen wir auch für Altersheime, Hospize und Krankenhäuser.

Wenn man einen Tatortreiniger beauftragt, ist es ganz wichtig darauf zu achten, dass es ein staatlich geprüfter Desinfektor ist. Wir sind Dienstleister und es gibt eine 24-Stunden-Hotline, da klingelt regelmäßig das Telefon. Wir sind acht Mitarbeiter, die rund um die Uhr beschäftigt sind.  

Quelle: MDR/lt/mt

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 14.11.2019 | 17:50 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 14. November 2019, 12:05 Uhr

3 Kommentare

Eveline vor 3 Wochen

Haha wem soll denn das Helden? Denjenigen die eh nichts mehr merken und denen nichts unter die Haut geht und sich am Schicksal anderer noch aufgeilen und alles bis ins letzte Detail wissen wollen, sowas ist in meinen Augen krank. So und jetzt tschüss und bis irgendwann

MDR-Team vor 3 Wochen

Hallo Eveline.

danke für Ihren Kommentar. Die Bilder sind Symbolbilder und keine Bilder von wirklich Tatorten. Es ist wichtig auch darüber zu berichten. Viele Menschen wissen nicht, wer sich kümmert, wenn solch schlimme Vorfälle passiert sind. Manchen Menschen hilft es zu wissen, was danach passiert und vor allem auch den Mensch hinter eines solchen Jobs zu sehen. Es geht dabei aber nämlich nicht nur um die Arbeit des Tatortreinigers, sondern auch um den Menschen dahinter.

Viele Grüße die MDR.de-Redaktion

Eveline vor 3 Wochen

Guten Morgen, vielleicht können Sie beim nächsten Mal die Bilder weglassen. Es ist schlimm genug über so etwas sensibles zu schreiben. Es gibt nämlich auch ,,ÜBERLEBENDE" von solchen Horrorszenarien, die legen da keinen Wert darauf, ständig getriggert zu werden. Die Welt wird einfach immer perverser. Krankenwagen kommen vor lauter Gaffern nicht zum Helfen, die Feuerwehrkräfte werden angepöbelt, die Polizei wird verprügelt usw. Und dann noch sowas. Findet ihr das GEIL oder was. Manche merken echt gar nix mehr, denen geht alles irgendwie am A. vorbei. Naja, Hauptsache man kann Kohle verdienen und dann im Fernsehen oder in der Zeitung blöde grinsen. Schönes Wochenende

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