07.03.2020 | 11:00 Uhr Cannabis hilft 90 Jahre alter Schmerzpatientin

Seit drei Jahren dürfen Ärzte Cannabis mittels Rezept verordnen. Vor allem Patienten mit chronischen Schmerzen kann damit geholfen werden. Eine, die davon profitiert, ist die 90-jährige Annemarie Körner.

Cannabis
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Sie lacht und kann endlich wieder am Leben teilnehmen: Die 90-jährige Annemarie Körner bekommt seit mehr als einem Jahr von ihrer Ärztin Andrea Bredel Cannabis verschrieben und ist endlich schmerzfrei. Wegen eines nicht operierbaren Bandscheibenvorfalls hat sie jahrelang diverse Schmerzmittel bekommen. Nichts hat dauerhaft geholfen oder die Nebenwirkungen waren zu schlimm. Annemarie Körner hat zunächst auch nicht geglaubt, dass durch Cannabis ihre Schmerzen gelindert werden können.

Patientin
Annemarie Körner nimmt seit mehr als einem Jahr täglich ein paar Tropfen Cannabis. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ich habe gesagt, was sollen die paar Tröpfchen? Was sollen die bewirken? Du hast so viel geschluckt und tatsächlich, ich wusste gar nicht, wie mir geschieht. Am liebsten wäre ich beim zweiten Besuch der Frau Doktor um den Hals gefallen.

Annemarie Körner Patientin

Die Schmerzen durch den Bandscheibenvorfall am fünften Wirbel hatten Annemarie Körner nach eigener Aussage fast in den Wahnsinn getrieben. Sie hätte nicht gedacht, "dass es eine Krankheit gibt, wo man nicht sitzen kann." Dank der neuen Therapie mit Cannabis könne sie wieder am Leben teilnehmen: "Ich kann eine Zeitung lesen. Ich kann normal essen - wie ein normaler Mensch", so die 90-Jährige. Die einzige Nebenwirkung bei ihr sei Müdigkeit. Das sei nicht so schlimm, vor allem im Vergleich mit Nebenwirkungen anderer Medikamente.

Altbekannter Wirkstoff ...

Der Wirkstoff, der Annemarie Körner hilft, ist nicht neu. Schon vor Christus in China, im alten Rom und im Mittelalter wurden Cannabinoide angewandt, erzählt die Fachärztin für Anästhesiologie, Andrea Bredel. Wegen der rauschartigen Nebenwirkungen wurde es in der Neuzeit verboten. Seit März 2017 darf Cannabis wieder medizinisch angewendet werden, aber nur unter bestimmten Voraussetzungen, beispielsweise bei schwerwiegenden Erkrankungen und nur, wenn eine gewisse Aussicht auf Erfolg besteht.

Ärztin und Patientin
Patientin und Ärztin im Gespräch Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Man soll es versuchen, wenn wirklich etablierte Verfahren für bestimmte Schmerzen nicht zum Einsatz kommen können, weil Organe durch Alter, durch Vorerkrankungen, das nicht mehr bringen, das zu verarbeiten, weil altersbedingt Kontraindikation bestehen, weil Medikamente durch starke Nebenwirkungen wieder abgesetzt werden mussten.

Andrea Bredel Fachärztin für Anästhesiologie

... aber kein Wundermittel

Ärztin Andrea Bredel verschreibt Cannabis zwar, ist aber gegen eine Legalisierung für den Freizeitkonsum. Sie weist auch darauf hin, dass das Mittel nicht harmlos ist. Vor allem bei jungen Menschen sieht sie auch den medizinischen Einsatz kritisch, weil "Nebenerkrankungen auf der psychischen Ebene ausgelöst" werden könnten.

Ein unreifes Gehirn unter Mitte 20 sollte nicht unbedingt mit Cannabis vernebelt werden.

Andrea Bredel Fachärztin für Anästhesiologie

Auch bei älteren Menschen können Nebenwirkungen auftreten. Dazu zählen verstärkte Depressionen und Wahnvorstellungen. In ihrer Leipziger Praxis hatte Bredel auch schon Patienten, die das Cannabis deshalb wieder absetzten mussten. Cannabis sei deshalb kein Wundermittel, aber eine Medizin, die durchaus vielen Menschen helfen könne.

Quelle: MDR/Matthias Schaefer/cb

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSENSPIEGEL | 06.03.2020 | 19:00 Uhr

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