An einer Demonstration von Connewitz bis vor das Neue Rathaus beteiligen sich fast 300 Menschen. Es sind Flaggen der Antifa zu sehen.
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01.09.2019 | 22:48 Uhr Reportage aus Connewitz: Wie reagiert der linke Kiez auf die Landtagswahl?

Bei der Landtagswahl hat sich die CDU als stärkste Kraft behaupten können und die AfD ist großer Wahlsieger. Wie sehen das die Menschen im linken Stadtteil Connewitz? Eine Reportage aus dem Leipziger Süden.

An einer Demonstration von Connewitz bis vor das Neue Rathaus beteiligen sich fast 300 Menschen. Es sind Flaggen der Antifa zu sehen.
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Bis kurz vor 18 Uhr hatte Connewitz einen recht durchschnittlichen Sonntag erlebt. Auf den Spielplätzen tobten Kinder, in den Parks saßen Freunde beieinander und genossen einen der letzten Sommertage, irgendwo räumte jemand Umzugskisten aus dem Auto. Das einzig Besondere: Irgendwann im Laufe des Tages haben die meisten Connewitzer ihre Stimme für die Landtagswahl abgegeben.

Im Abgeordnetenbüro von Juliana Nagel von der Linken haben sich einige Menschen versammelt, um die erste Prognose für die Landtagswahl zu sehen.
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Nach 18 Uhr war es allerdings erst einmal still. Im Abgeordnetenbüro von Juliane Nagel (Die Linke) haben sich gut zwei Dutzend Menschen versammelt, um die erste Hochrechnung zur Landtagswahl zu verfolgen. Der Beamer wirft die Wahlsendung des Mitteldeutschen Rundfunks an die weiß gestrichene Wand. Balken schieben sich nacheinander nach oben. Erst ein schwarzer Balken für die CDU, knapp sieben Prozentpunkte Verlust. Dann die Linke, die auf etwas über zehn Prozent kommt. Das Ergebnis im Vergleich zur letzten Landtagwahl halbiert. Irgendwo sagt jemand: "Ach du Scheiße." Gleich darauf der nächste Schock für die Anwesenden: Als klar wird, dass die AfD in Sachsen fast 28 Prozent geholt hat, herrscht ungläubiges Kopfschütteln. Für ein paar Minuten lang starren die Anwesenden auf die Leinwand, sehen schweigend noch mehr Balken- und Tortendiagramme.

Nagel will die AfD "entzaubern"

Linke-Abgeordnete Juliane Nagel aus Leipzig
Bildrechte: Linke-Fraktion im Sächsischen Landtag

Nachdem sich Juliane Nagel gefangen hat, geht sie vor die Tür und zündet sich eine selbstgedrehte Zigarette an. "Na klar bin ich geschockt über das Ergebnis", sagt die Politikerin. Während Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) drinnen via Beamer davon spricht, dass dies ein wirklich guter Tag für Sachsen sei, kommt Nagel zu einem anderen Befund. "Es ist ein massiver Rechtsruck, entspricht aber auch dem, was wir in den letzten Jahren auf den Straßen gesehen haben an Hetze, pogromartigen Ereignissen wie Heidenau oder Chemnitz." In den kommenden fünf Jahren müssten die Mitte-Links-Kräfte gut zusammenstehen und ökologische Energiewende, soziale Fragen und Bildungspolitik gemeinsam anpacken, ergänzt Nagel.

Meine Aufgabe für die nächsten fünf Jahre: Die Entzauberung der AfD und natürlich auch der Partei, die die Verhältnisse in Sachsen über 30 Jahre geprägt hat. Gegen diesen Machtblock mit fast 60 Prozent will ich ankämpfen und dem politisch etwas entgegensetzen.

Juliane Nagel Linken-Politikerin aus Connewitz

"CDU ist für die Probleme in Sachsen verantwortlich"

Vor dem Linxxnet, wie das Abgeordnetenbüro auch heißt, finden manche erste Worte. "Ich habe eigentlich gehofft, dass die AfD nicht so viele Stimmen bekommt", erklärt eine Frau. Für mehr sei die Enttäuschung gerade noch zu groß. Ein anderer Anwesender könne nicht verstehen, dass die CDU immer noch an erster Stelle ist. "Überall wird gejammert, dass die Schulen kaputt sind, es zu wenig Kita-Stellen gibt. Alle Probleme die jetzt in Sachsen stattfinden sind CDU-gemacht", erklärt er. "Und da noch eine Partei zu wählen, die rechts von der CDU steht, das verstehe ich einfach nicht."

Protest zieht von Connewitz ins Zentrum

Am Connewitzer Kreuz, keine 500 Meter entfernt, versammeln sich zu diesem Zeitpunkt schon dutzende Menschen, um ihrem Unmut über die Landtagswahl Luft zu machen. Irgendwo dazwischen geht ein älterer Herr mit seinem Dackel in der untergehenden Sonne spazieren. Er sieht es entspannter: "Erstmal bin ich darüber erfreut, dass die AfD die eigenen Ziele wohl nicht ganz erreicht hat und ich freue mich, dass der Ministerpräsident wohl Ministerpräsident bleibt." Er sei jung, dynamisch und hätte in letzter Zeit versucht, auf die Menschen zuzugehen. "Ob das morgen anders wird, wissen wir nicht."

Demo durch die Leipziger Südvorstadt
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So lange wollen die Demonstranten aus Connewitz nicht warten. Sie tragen an diesem Wahlabend ihre Wut in die Innenstadt. Auf dem Weg dorthin skandieren sie immer wieder AfD-kritische Parolen. Am Ende haben sich 300 Menschen aus dem Leipziger Süden angeschlossen. Vor dem Neuen Rathaus treffen sie auf weitere Gruppen aus den anderen Leipziger Stadtteilen.

In Connewitz bleibt hingegen eine unbefriedigende Leere zurück, die bis zum späten Abend nur durch ein paar vereinzelte Böllerschläge unterbrochen wird.

Quelle: MDR/cg

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 01.09.2019 | Wahlberichterstattung ab 18:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 01. September 2019, 22:48 Uhr

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