Hintergrund Was war wirklich los bei der "Querdenker"-Versammlung in Leipzig?

Die Wahrnehmung von Demonstrierenden, die am Sonnabend in Leipzig unterwegs waren, gehen weit auseinander. Unterstützer und die "Querdenker"-Organisatoren bestehen darauf, eine friedliche, fröhliche Versammlung erlebt zu haben. Gegendemonstranten und dutzende angegriffene Journalisten haben andere Eindrücke. Die decken sich mit Bildern vom Rand der Demo und dem, was nach der Auflösung der Haupt-Demo alles auf dem Ring passierte. MDR SACHSEN klärt die wichtigsten Fragen.

War die Hauptveranstaltung auf dem Augustusplatz friedlich oder nicht?

Die Querdenker-Organsiatoren betonen ihre Friedfertigkeit, Teilnehmer beschrieben in Mails ebenfalls diesen Eindruck und kritisierten die Berichterstattung des MDR. Sie wunderten sich, dass über Ausschreitungen, Rechtsradikale bei der "Querdenker"-Versammlung und Übergriffe berichtet wurde.

Auf dem Platz in einer Innenstadt sitzen Menschen mit Tüchern und Dekcne um die Schultr. azwischen sitzen auch Kinder und hören einem Mann.
Auch diese "Achtsamkeitsinsel" war am Rande der "Querdenker"-Versammlung am Sonnabend in Leipzig zu finden. Bildrechte: MDR

Mehrere MDR-Reporter für Online und Fernsehen beschrieben die Veranstaltungsteilnehmer als "bunte Masse" vieler verschiedener Gruppen: Familien mit kleinen Kindern, Ehepaare, Senioren, Vertreter der Friedensbewegung, Reichsflaggen-Träger, Freundesgruppen, Hippies, Hare-Krishna-Anhänger, Trump-Fans, Passanten, die am Rande stehen blieben. Mit Bussen und Zügen waren tausende Teilnehmer aus anderen Bundesländern angereist.

Auf einer Demonstration stehen viele Menschen. Manche halten Fahnen hoch, eine Fahne ist die Deutschalndflagge, eine andere die Reichsflagge in Schwarz, rot und weiß.
Bildrechte: MDR

Eine MDR-Reporterin berichtete, dass sie sich während der Versammlung hingegen frei und ungestört auf dem Augustusplatz bewegen konnte. Andere MDR-Reporter fühlten sich auf dem Augustusplatz aber auch von offensichtlichen Angehörigen der Hooligan-Fanszene umringt und bedroht, weil sie vor Beginn der Veranstaltung mit Maske auf dem Platz standen. Ein Fotograf sei "sehr oft und immer wieder" von Demo-Teilnehmern auf seinen Mund-Nasen-Schutz angesprochen worden. Er müsse den doch nicht tragen.

Innenminister Roland Wöller (CDU) wertete die Hauptveranstaltung auf dem Augustusplatz als "überwiegend friedliche" Versammlung.

Viele friedliche Menschen auf dem Platz haben die Auseinandersetzungen gar nicht mitbekommen.

Olaf Sundermeyer Rechtsextremismusexperte und Demo-Beobachter

Weil auf der "Querdenker-"Versammlung am Nachmittag Auflagen zum Mindestabstand, Masken und Anzahl der Menschen missachtet wurden, löste die Stadt die Versammlung vorzeitig auf. Die Polizei schätzte, dass 90 Prozent der bis zu 45.000 Teilnehmenden (Schätzung der Forschungsgruppe "Ausgezählt" der Uni Leipzig) keine Mund-Nase-Bedeckung trugen.

Die Veranstalter und Teilnehmer haben im Vorfeld der Veranstaltung bereits klar gemacht, dass sie keine Masken tragen und keine Mindestabstände einhalten wollen. Angesichts der Vielzahl von Teilnehmern ist eine wirksame Kontrolle der Polizei von vornherein unmöglich.

Roland Wöller Sächsischer Innenminister (CDU)

Was war mit den Gegendemonstrationen?

Laut Polizei hatte es am Sonnabend im Tagesverlauf am Rand der Hauptversammlung immer wieder Auseinandersetzungen mit Gegendemonstranten gegeben und einzelne Flaschenwürfe aus Reihen der Querdenker gegen Gegendemonstranten. Das deckt sich mit Beobachtungen von MDR-Reportern.

Insgesamt waren 27 Veranstaltungen am Sonnabend in Leipzig angemeldet worden. Das Aktionsbündnis "Leipzig nimmt Platz" beispielsweise hatte am Grimmaischen Steinweg gegenüber des Augustusplatzes eine Tribüne aufgebaut. Von Mittag bis Nachmittag gab es immer wieder Wortgefechte und Auseinandersetzungen zwischen Gegendemonstranten und Menschen, die zur "Querdenker"-Versammlung wollten. Via Twitter berichtete auch die Polizei zu dem Zeitpunkt über "verbale und körperliche Auseinandersetzungen". Es habe zeitweise eine Durchmischung der Demo-Gruppen gegeben, die die Polizei im Laufe des Nachmittags unterband.

Größere Gegendemos fanden auf dem Roßplatz und Leuschnerplatz statt, umstellt von der Polizei. Diese Veranstaltungen lösten sich am Abend auf.

Wo waren Rechtsextreme und Nazis?

Ab Sonnabendmittag berichteten Journalisten mehrerer Zeitungen und Onlinemedien übereinstimmend, dass zahlreiche Rechtsextreme und Hooligans auf dem Leipziger Hauptbahnhof angekommen seien. Als die Versammlung auf dem Augustusplatz begann, hätten sich Nazisportgruppen auf dem Platz und am Rand bewegt. In der Querstraße und in Nähe der "Moritzbastei" haben Rechte versucht, Gegendemonstranten, die sie als links einstuften, anzugreifen, berichten MDR-Reporter. In sozialen Netzwerken riefen mehrere Gegendemonstranten "zu Vorsicht auf" und beschreiben die oben genannten Angriffe in der Innenstadt.

Die Lage nach Versammlungsauflösung

Nach der vorzeitigen Beendigung der Versammlung auf dem Augustusplatz blieben die Menschenmassen stehen und verließen nicht den Platz. Nach Beobachter-Angaben hatten zwei Gruppen Rechter und Hooliganvertreter bereit gestanden. Ein Block habe aus regionalen Vertretern der Hooliganszene um Lok Leipzig, dem sogenannten "3. Weg" und NPD-Vertretern in der Goethestraße gestanden, beschrieb ein MDR-Reporter die Lage. Ein weiterer Block mit - laut Polizei bis zu 500 Vertretern - der rechten Kampfsportszene aus dem Raum Dortmund, Niedersachsen, auch Rocker, stand auf dem Georgiring. "Sie haben versucht, sich als Wellenbrecher zu betätigen", so der MDR-Reporter. Sie wollten offenbar eine Polizeikette durchbrechen, damit die Masse der "Querdenker"-Teilnehmer über den Innenstadtring laufen konnte.

Der Personenblock vom Georgiring rückte den Reihen der Polizei am Wintergartenhochhaus immer näher. Pyrotechnik und Blitzknaller wurden auf Polizisten geworfen. In Lautsprecherdurchsagen forderte die Polizei die Demonstrierenden dazu auf, stehen zu bleiben. Mutmaßlich Rechtsradikale, aber auch einzelne andere Demo-Teilnehmer, die seitlich neben der Polizeikette standen, wurden nach Reporterangaben und Augenzeugen ein Mal mit Pfefferspray von der Polizei zurückgedrängt. Die Lage wurde von Anwesenden als "bedrohlich" und "extrem aufgeladen" beschrieben.

Eine kleine Gruppe durchdrang kurz darauf die Polizeiabsperrung und wurde von Polizisten abgeführt, berichteten MDR-Reporter. In diesen Minuten erfolgte auch eine Attacke mehrerer Rechtsextremer auf einen Kameramann, der hinter der Polizeikette filmte bzw. fotografierte. Parallel dazu drängten immer mehr Menschen von der vormaligen Haupt-Demo auf den Innenstadtring und liefen vom Hauptbahnhof aus weiter über den Ring.

Rechtsextremisten und Hooligans haben als Wellenbrecher den Durchbruch ermöglicht. Die hinter ihnen friedlich einströmende Masse kam dann über den Ring.

Olaf Sundermeyer Rechtsextremismusexperte der ARD

Polizisten haben dicht nebeneinander stehend eine Straße abgeriegelt. Dahinter stehen einzelne Menschen,. Aber vor den Polizsiten drängen viele hundert menschen nach vorne.
Eine Polizeikette sperrte den Ring am Wintergartenhochhaus ab. Der schwarz gekleidete Mann in der Bildmitte heizte die Stimmung mit Zurufen an die drängelnde Menschenmasse vor der Polizeikette an. Wenige Augenblicke später sprühte die Polizei Pfefferspray in Richtung des skandierenden Mannes und andere Umstehende. Bildrechte: MDR

Und der Umzug über den Ring?

Teilnehmer einer Demonstration der Initiative „Querdenken“ gehen den Innenstadtring entlang.
Bildrechte: dpa

Einen Umzug über den Ring hatte das OVG Bautzen ausdrücklich in den Versammlungsauflagen verboten. Ein MDR-Kamerateam lief mit den "Querdenker"-Teilnehmern mit und wurde dabei "hundertfach, ach, das reicht gar nicht, von Mitlaufenenden bedroht, beleidigt und beschimpft". Die Aggression sei von "ganz normalen Leuten, älteren Frauen, auch einem Opa-Typ gekommen und die Mitlaufenden murmelten ihren Beifall", sagte der betroffene Reporter.

Am Ende liefen Demonstrierende auch durch Nebenstraßen zurück zum Augustusplatz oder feierten in der Leipziger Innenstadt mit Schlagermusik und Polonaise, dass sie wie die Menschen 1989 für Freiheit über den Ring gelaufen seien.

Die wähnen sich in der Tradition von 1989. Das ist unsäglich und unverschämt.

Leipziger Bürgerin im Gespräch mit MDR SACHSEN

Die "Querdenken"-Initiatoren schrieben in einer Pressemitteilung, "dass sich nach der Auflösung der Versammlung ein Aufzug um den Innenstadtring von Leipzig gebildet hat, war den Menschen in Leipzig zu verdanken. Die Menschen sind friedlich und feiernd um den Ring gezogen."

Das hat Leipzig, die Stadt der Friedlichen Revolution nicht verdient. Dass man dieses Demonstrationsrecht derartig missbraucht und sich um Recht und Ordnung überhaupt nicht schert.

Frank Richter Bürgerrechtler und für die SPD im Landtag

Was sagen die Querdenker-Initiatoren zu all dem?

Man sei eine "friedliche, überparteiliche Bewegung", "eine Bürgerbewegung, die sich durch alle gesellschaftlichen Schichten zieht". Auf den Demos werde unterbunden, dass Parteien und Ideologien durch Plakate oder Flaggen gezeigt würden. Und: "Wir machen auch jedes Mal deutlich, dass wir uns von rechtsextremen und linksextremen Ideologien distanzieren und keine Gewalt innerhalb und außerhalb der Demos dulden."

Was haben die Ausschreitungen in Connewitz mit den "Querdenkern" zu tun?

Am späteren Sonnabendnachmittag informierte die Polizei Leipzig über Steine- und Flaschenwürfe auf den Polizeiposten in der Wiedebach-Passage. Später brannten an mehreren Stellen im Stadtteil Connewitz Barrikaden. Auch im Stadtteil Plagwitz wurde ein Polizeiposten mit Farbe beschmiert. Ob und wie diese Vorkommnisse mit der "Querdenker"-Versammlung in Zusammenhang stehen, ermittelt die Polizei.

Es könnte auch sein, dass die Ausschreitungen am späten Samstagabend in Verbindung mit der Verhaftung einer Verdächtigen stehen, der linksextremistisch motivierte Straftaten vorgeworfen werden.

Bilanz der Polizei

Bis zum Sonntag wurden insgesamt 102 Straftaten erfasst, 13 vorläufige Festnahmen und rund 140 Corona-Ordungswidrigkeiten festgestellt. Die Polizei ließ offen, wie viele davon die "Querdenken"-Demonstranten und wie viele deren Gegner betrafen.

LKA-Beamte der "Soko LinX" ermitteln auch wegen des Angriffs auf einen Reise- und einen Kleinbus. Auf die Fahrzeuge seien Steine und Flaschen geworfen wurden. Mehrere Businsassen seien dabei verletzt worden. Es entstand ein Sachschaden in Höhe von mehreren zehntausend Euro.

Zu den Angriffen auf Journalisten bei der "Querdenken-Demonstration hat die Polizei in Leipzig nach eigener Darstellung noch keinen genauen Überblick. Man sei dabei, alles zu erfassen, hieß es am Montag. Die Journalistengewerkschaft DJU berichtete, dass Reporter in 38 Fällen an der Arbeit gehindert worden seien, in 9 davon durch die Polizei.

Quelle: MDR/Redaktionen/kk/dpa/epd

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 09.11.2020 | 18:00 bis 19:00 Uhr | Sondersendung: Versammlungsfreiheit contra Gesundheitsschutz
MDR SACHSENSPIEGEL | 09.11.2020 | 19:00 Uhr

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