06.04.2020 | 16:30 Uhr Corona-Pandemie: Leipziger Kliniken lassen Väter bei Geburten außen vor

Auch das Elternwerden verläuft in Sachsen wegen des Coronavirus derzeit anders als gewohnt. In den Krankenhäusern gelten für Väter strenge Besuchsregeln - einzelne Kliniken lassen keine Begleitung mehr zu, so etwa in Leipzig. Betroffene und Hebammen reagieren mit Unverständnis.

Britta Hoffmann, Hebamme (m), Kristin Langkopf (l), und Mandy Mangler, Ärztin üben im Auguste-Viktoria-Klinikum bei einem Simulationstraining eine Notfallsituation bei einer Geburt.
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Die Corona-Pandemie ist auch für werdende Eltern in Sachsen derzeit eine Belastung. Zwar zählen Schwangere nicht zu den Risikogruppen. Doch einzelne Kliniken lassen Väter nicht mehr als Begleitperson bei der Geburt zu. Das Leipziger Universitätsklinikum, das Klinikum St. Georg und das St.-Elisabeth-Krankenhaus haben sich zu diesem Schritt entschlossen. "Leider mussten die Maßnahmen verstärkt werden, sodass jetzt bei der Entbindung keine Begleitperson mehr zugelassen ist", teilte die Uniklinik mit. "Ebenso ist auf unserer Wöchnerinnenstation leider kein Besuch erlaubt und wird nur in absoluten Ausnahmefällen genehmigt", heißt es weiter.

Uniklinikum: Eins-zu-Eins-Betreuung gewährleistet

Auf Nachfrage von MDR SACHSEN erklärte das Uniklinikum Leipzig, die Hebammen würden, so gut es geht, versuchen, die Gebärenden zu begleiten und zu unterstützen. "Es wird immer jemand an der Seite der Gebärenden sein, eine Eins-zu- Eins-Betreuung ist gewährleistet." Sobald sich die Situation entspanne, würden Anpassungen vorgenommen.

Auch für uns ist es schwer, sie und andere enttäuschen zu müssen. Aber die aktuelle Entwicklung der Infiziertenzahlen lässt uns leider keine Wahl.

Uniklinikum Leipzig

Auch die Muldentalkliniken in Grimma und Wurzen hatten den Zutritt für werdende Väter verboten.

Petition an Kliniken und Leipziger Oberbürgermeister Jung

Viele Betroffene reagieren mit Unverständnis und haben eine Petition auf change.org gestartet, die sich an Oberbürgermeister Burkhard Jung und an die Leipziger Kliniken wendet. Darin heißt es, die Entscheidung der Kliniken habe weitreichende Folgen. "Frauen melden sich verzweifelt bei Hebammen, die außerklinische Geburtshilfe anbieten. Wo dies nicht möglich ist, weil keine Hebamme zum errechneten Geburtstermin mehr verfügbar ist, erreichen uns Anfragen mit der Bitte um Informationen zur Alleingeburt." Sie appellieren dringend an die Verantwortlichen, den Besuch von Angehörigen zuzulassen. Mehr als 8.000 Menschen haben die Petition bis Montag Nachmittag unterschrieben.

Hebammen, Betroffene und Stadträte kritisieren Maßnahme als unverhältnismäßig

Die Leipziger Hebamme Anne Halt schreibt auf der Petitions-Seite, sie könne das Verbot nicht nachvollziehen. Zwei bis drei Geburten müsse eine Hebamme parallel begleiten und die Begleitung sei der einzige Mensch, der ununterbrochen bei der Frau sei.

Wo leben wir denn, wenn Wochenmärkte stattfinden, aber eine Gebärende muss alleine ihr Kind zur Welt bringen.

Anne Halt Leipziger Hebamme

Auch Grüne und die Freibeuter-Fraktion im Leipziger Stadtrat kritisierten die Entscheidung als unverhältnismäßig.

Der Deutsche Hebammenverband hatte in dieser Woche kritisiert, dass Väter nicht bei der Geburt ihrer Kinder dabei sein können. "Familien bilden immunbiologisch eine Einheit, sie zu trennen, macht schon deswegen keinen Sinn", hieß es. Gerade unter zunehmend erschwerten Rahmenbedingungen bräuchten Frauen bei der Geburt ihre Partner als Begleiter und "Garant für Betreuung, Unterstützung und Hilfe", hieß es.

Stadt Leipzig: "Entscheidung der Kliniken"

Hinter den Kulissen scheint es in Leipzig wegen der Entscheidung, Partner von Gebärenden nicht mehr in den Kreißsaal zu lassen, allerdings ordentlich zu "rumpeln". Die Verantwortlichen schieben sich gegenseitig den "Schwarzen Peter" zu. Die Sprecherin des St.-Elisabeth-Krankenhauses sagte MDR SACHSEN, der Leipziger Krisenstab habe die Entscheidung getroffen. Die Stadt Leipzig und Oberbürgermeister Burkhard Jung hätten mit der Entscheidung nichts zu tun, sagte dagegen Stadtsprecher Matthias Hasberg. Die Kliniken hätten so entschieden.

Gesundheitsministerium lässt Kliniken Spielraum

Auch Gesundheitsministerin Petra Köpping kann nicht für Klarheit sorgen, ob Väter in sächsischen Kliniken noch bei der Geburt dabei sein dürfen. Die Ministerin sagte am Montag im Videobriefing der Landesregierung, die Kliniken könnten selbstständig festlegen, ob sie Begleitpersonen bei Geburten zulassen. "Wir haben die Möglichkeit ausdrücklich offen gelassen." Sie wolle das Thema aber noch einmal mit den Experten besprechen. Auf der Corona-Informationsseite des Ministeriums steht:

Der Besuch auf Geburtsstationen ist nur engsten Angehörigen erlaubt. Dazu zählen vor allem die Väter der erwarteten und geborenen Kinder.

Gesundheitsministerium FAQ zu Schutzmaßnahmen an Krankenhäusern

Die Krankenhäuser könnten natürlich von ihrem Hausrecht Gebrauch machen und für sich selbst andere Regelungen treffen, hieß es. Für Betroffene in Leipzig, die ihren Partner bei der Geburt ihres Kindes dabei haben wollen, bleibt damit derzeit nur die Möglichkeit, außerhalb einer Klinik oder in einer anderen Stadt zu gebären - etwa in Borna, Chemnitz oder Dresden.

Quelle: MDR/kb

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN- Das Sachsenradio | 06.04.2020 | 08:30 Uhr in den Nachrichten aus der Region Leipzig

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