04.04.2020 | 15:28 Uhr Krisenzeiten für Obdachlose in Leipzig

Sich mit Freunden treffen oder einfach nur zu zweit auf der Parkbank sitzen, das verbietet derzeit die Ausgangsbeschränkung. Zu Hause bleiben und die sozialen Kontakte auf das Nötigste beschränken, lautet die Devise. Doch was machen die Menschen, die keine Zuhause haben? Wie geht es den Obdachlosen in Zeiten von Corona? Eine Momentaufnahme aus Leipzig.

Sitzbank mit Kleidung eines Obdachlosen am Müggenburger Zollhafen in Veddel
Bildrechte: IMAGO

Aus dem Leipziger Stadtbild scheinen sie verschwunden zu sein - die Obdachlosen. Als das Coronavirus das Land noch nicht fest im Griff hatte, waren sie in der Bahnhofsmission oder in einem der beiden Tagescafés anzutreffen. Dort sind die Türen aber schon lange verschlossen, sind die wichtigen Anlaufstellen für obdachlose Menschen nicht mehr erreichbar. Doch die Stadt Leipzig hat unmittelbar reagiert und neue Angebote geschaffen.

Im Gegenzug haben wir dafür die Notschlafstellen ganztägig geöffnet und eine weitere Notschlafstelle in Betrieb genommen, damit die Menschen einen sicheren Schlafplatz haben.

Tom Hübner Abteilungsleiter Soziale Wohnhilfe Sozialamt Leipzig

Wie viele Menschen in Leipzig von Obdachlosigkeit betroffen sind, weiß niemand so genau. Knapp 100 haben die letzten Nächte in einer der vier Notunterkünfte verbracht - Tendenz steigend. Dort erhalten sie jetzt täglich drei Mahlzeiten, können sich waschen und bekommen Informationen über die Corona-Pandemie. Noch wichtiger: Durch die ganztägige Öffnung laufen die Obdachlosen nicht Gefahr, Geldstrafen bezahlen zu müssen, weil sie gegen die Ausgangsbeschränkungen verstoßen haben.

Am 1. Dezember 2018 eröffnen die Johanniter in der ehemaligen Gerhart-Hauptmann-Schule eine Notübernachtung für Obdachlose
Normalerweise haben Notunterkünfte für Obdachlose nur nachts geöffnet. Seitdem die Tagestreffpunkte geschlossen sind, dienen die Notschlafstellen als Rückzugsort. Bildrechte: imago/Christian Mang

Wiedergewonnenes Vertrauen

Die Öffnung der Notschlafstellen habe wieder zu Vertrauen zwischen der Stadt, den Trägern von Hilfsangeboten und den wohnungslosen Menschen geführt, fasst Luisa Schneider im Gespräch mit MDR SACHSEN die derzeitige Situation zusammen. "Viele der Obdachlosen fühlen sich jetzt beschützt und als Mensch wahrgenommen", erzählt die Wissenschaftlerin, die am Max-Planck-Institut arbeitet. Seit 2018 beschäftigt sie sich mit dem Thema Wohnungslosigkeit und arbeitet seit Jahren in der Obdachlosenhilfe. Trotz des wiedergewonnenen Vertrauens gebe es aber Probleme: "Die meisten Strategien, um sich vor dem Coronavirus zu schützen, wie häufiges Hände waschen oder soziale Distanzierung sind für wohnungslose Menschen nicht einfach umsetzbar und mehr auf den häuslichen Raum zugeschnitten", so Schneider. Und die, die nicht in die Notunterkünfte wollen oder können, seien noch isolierter. Ihnen würde oftmals die Möglichkeit fehlen, sich ausreichend mit der Corona-Problematik auseinander setzen zu können.

Eine Frau schaut in die Kamera
Louisa Schneider ist Anthropologin am Max-Planck-Institut für Ethnologische Forschung in Halle/Saale. Ihre Forschung beschäftigt sich mit wohnungslosen Menschen in Leipzig. Dabei geht es um Schwierigkeiten und Chancen wohnungsloser Menschen in Deutschland. Bildrechte: Mitteldeutscher Rundfunk

Deshalb wird der Zugriff auf ein Handy und die Möglichkeit auch dort Informationen zu sammeln, nicht nur zur Sicherung der Grundbedürfnisse absolut essentiell, sondern auch zur Minderung der Angst. Wie soll man denn - wenn sich die ganze Stadt geändert hat und man nicht weiß, was eigentlich genau los ist - wie soll man denn dann mit seiner eigenen Angst klarkommen.

Luisa Schneider Anthropologin, Max-Planck-Institut für Ethnologische Forschung

Notunterkünfte in Leipzig Alle Notschlafstellen haben aufgrund der Ausgangsbeschränkungen seit dem 23.03.2020 ganztags geöffnet.

Übernachtungshaus für wohnungslose Männer
Rückmarsdorfer Straße 7

Übernachtungshaus für wohnungslose Frauen
Scharnhorststraße 27

ALTERNATIVE I (Notunterbringung wohnungsloser drogenabhängiger Personen)
Chopinstraße 13

Notschlafstelle (Interim)
Torgauer Straße 290

Wertschätzung wichtig

Als die Schutzmaßnahmen ergriffen wurden, gab es noch keine Strategie für wohnungslose Menschen. Und mit jeder neu getroffenen Maßnahme tauchten neue Probleme auf. Einkaufswagen-Zwang in den Supermärkten, stündliches Hände waschen, Ausgangsbeschränkung und menschenleere Fußgängerzonen. "In dieser Situation war ihre Lage natürlich extrem prekär", erzählt Luisa Schneider. Erstaunlich sei gewesen, dass die größte Sorge dieser Menschen nicht die Frage war: "Wie komme ich an Essen? Wie kann ich mich selber versorgen?", erzählt die Wissenschaftlerin. Die obdachlosen Menschen wollten wissen, was sie persönlich zur Eindämmung der Krise beitragen könnten.

Mir wurde zum Beispiel mehrfach gesagt: 'Angela Merkel hatte gesagt, es kommt auf jeden Menschen an, und nur zusammen können wir das lösen. Ich bin aber gezwungen, im öffentlichen Raum zu bleiben und kann dadurch gar nichts dazu beitragen'.

Luisa Schneider Anthropologin, Max-Planck-Institut für Ethnologische Forschung

Die Folge: Die Obdachlosen fühlten sich nicht zur Gemeinschaft dazugehörend und nicht wertgeschätzt. Mit der Eröffnung der Notschlafstellen und mit dem wachsenden flexiblen Hilfsangeboten hat sich das nun geändert. Obdachlose, so Schneider, können sich jetzt einbringen.

Solidarität und Hilfsangebote

Obwohl die Situation nicht einfach ist, bewirkt die Corona-Krise auch Positives. Im Moment sei die Hilfsbereitschaft in der Gesellschaft, von Seiten der Politik, dem Staat enorm, findet Luisa Schneider. So seien zahlreiche Aktionen entstanden wie die Gabenzäune, die ein Zeichen von Mitgefühl und sozialer Solidarität sind. Auch Träger und Vereine berichten über eine hohe Spendenbereitschaft der Menschen in Leipzig.

Für die Menschen, die nicht in einer der Notunterkünfte sind, ist der Hilfebus weiter im Einsatz. Ohne Standzeiten und -orte, dafür aber telefonisch erreichbar. Der Bus fahre bedürftige Menschen direkt an, erklärt Schneider. Zudem werde verstärkt auf Straßensozialarbeit gesetzt. Die Streetworker seien gut vernetzt und versuchten alle, die noch auf der Straße leben, zu erreichen. Im Gepäck: Lebensmittel und ein offenes Ohr für die größten Probleme der Wohnungslosen. Und noch etwas hat Luisa Schneider seit Beginn der Corona-Krise festgestellt: Die Stadt Leipzig hat extrem schnell, sehr unbürokratisch und sehr menschlich Lösungen entwickelt. Gleichzeitig hätten sich Träger und Vereine zusammengeschlossen, um gemeinsam zu überprüfen, wie den Obdachlosen noch geholfen werden kann. Und manche in der Gesellschaft, die zu Hause sind, würden versuchen, sich in die Lage der Obdachlosen hinein zu versetzen. Eine Hilfsbereitschaft und Solidarität, die Luisa Schneider gerne über die Krisenzeit retten würde.

Gabenzaun an der Elisabethkirche in Berlin-Mitte.
An den sogenannten Gabenzäunen werden Spenden wie Hygieneartikel für Obdachlose hinterlassen. Bildrechte: imago images/snapshot

Quelle: MDR/bb

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSENSPIEGEL| 03.04.2020 | 19:00 Uhr

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