Impfstrategie Leipziger Heimleiterin: "Bei den Bewohnern liegen die Nerven blank"

Sachsen ist bundesweit Spitzenreiter bei den Corona-Infiziertenzahlen, hat bislang ähnlich wie Thüringen gemessen an der Einwohnerzahl jedoch die wenigsten Menschen geimpft. Das Impfen im Freistaat läuft anscheinend nur schleppend an, obwohl Tausende vor allem ältere Menschen auf ihre schützende Impfung warten. MDR SACHSEN hat mit Elisabeth Mai gesprochen. Sie leitet das Leipziger Pflegeheim "Domizil am Ostplatz".

Eine Seniorin wird gegen Corona geimpft
Bildrechte: dpa

Frau Mai, die Bewohner von Pflegeheimen gehören zu den Risikogruppen, die mit höchster Priorität geimpft werden sollen. Wann geht es bei Ihnen los?

Im Moment gibt es leider noch gar keinen Termin. Nach langem Warten habe ich endlich am vergangenen Freitag eine Information bekommen. Dort hieß es, das Deutsche Rote Kreuz habe jetzt die Zuständigkeiten aufgeteilt und wir würden nun von dem beauftragten Impfzentrum unseres Landkreises eine Info bekommen, wann geimpft werden kann. Bislang wissen wir also noch nichts und wurden um Geduld gebeten.

Die Stadt Leipzig soll sich also bei Ihnen melden?

Ja, in unserem Fall wäre es die Stadt Leipzig. Welches Impfzentrum für uns zuständig ist, weiß ich allerdings nicht.

Wären Sie denn bereit? Haben Sie alle Einverständniserklärungen?

Es ist alles vorbereitet. Drei der vier Hausärzte, die unser Heim betreuen, haben sich bereiterklärt, unsere Bewohnerinnen und Bewohner zu impfen. Die Einverständniserklärungen liegen alle unterschrieben auf meinem Schreibtisch, sie waren alle nach einer Woche da. Die Bewohner sitzen auf Kohlen, deren Angehörige auch. Alle warten auf die Impfungen, die seit Dezember angekündigt sind.

Ihre Bewohnerinnen und Bewohner wollen sich also impfen lassen?

Wir haben ein Haus mit über 100 Bewohnern. Fast alle - etwa 97 Prozent - möchten gern lieber heute als morgen geimpft werden. Die Angehörigen begrüßen das natürlich, auch sie machen sich Sorgen um ihre Eltern und Verwandten. Und selbst der klitzekleine übrige Anteil lehnt die Impfung nicht ab, sondern möchte erst einmal abwarten.

Altenpflegeheim Leipzig Domizil am Ostplatz
Bei den Bewohnerinnen und Bewohnern des Leipziger Altenpflegeheims "Domizil am Ostplatz" liegen die Nerven blank. Sie warten auf ihre Impfungen und wissen nicht, wann es losgeht. Bildrechte: Altenpflegeheim Leipzig Domizil am Ostplatz

Alle warten also auf die Impfung, die noch nicht in Sicht ist. Wie geht es den Bewohnern?

Die Bewohner reagieren genervt und auch verzweifelt, ebenso deren Angehörige. Bislang sind wir gut über die Zeit gekommen und haben keinen einzigen Corona-Fall bei uns im Heim. Gott sei Dank. Wenn wir jetzt beginnen zu impfen, können wir die Wahrscheinlichkeit für einen Corona-Ausbruch maßgeblich senken. Alles andere ist ein Spiel mit dem Risiko, das besonders für ältere Menschen schnell lebensgefährlich werden kann. Bei den Bewohnern liegen die Nerven blank.

Die Stimmung ist also am Boden?

Ehrlich gesagt ja. Die meisten – Bewohner, Angehörige und auch Pflegerinnen und Pfleger – sind von dem Gesamtzustand nur noch genervt. Zumal die Meldungen über einen baldigen Beginn der Impfungen in den Altenheimen schon im Dezember befeuert worden sind. Doch von diesem Beginn merken wir leider überhaupt nichts. Auch im Umfeld steigt der Unmut. Bis auf wenige Ausnahmen ist mir in Leipzig nicht bekannt, dass überhaupt geimpft worden ist.

Was ist Ihrer Ansicht nach schiefgelaufen?

Ich habe den Eindruck, dass die Impfungen im Vorfeld nicht gut organisiert wurden. Hinzu kommt, dass die Produktion scheinbar schleppend anläuft. Man darf ja nicht vergessen, dass die Impfdosen wegen der notwendigen zweiten Impfung halbiert werden müssen. Wenige tausende Impfdosen sind bei der Leipziger Bevölkerung von über einer halben Million Menschen und einem großen Anteil an Älteren nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Man hat den Eindruck, jeder schiebt hier die Schuld auf jeden.  

Was hätte anders laufen müssen?

Ich denke der große Fehler ist – das ist jetzt meine persönliche Meinung – dass man in der öffentlichen Berichterstattung viel zu viel vorwegnimmt, obwohl die Infrastruktur noch gar nicht steht. Immer wieder müssen Meldungen korrigiert oder erneuert werden. Die meisten sind nicht in erster Linie wegen der Corona-Maßnahmen genervt, sondern wegen des Umgangs damit. Die Regierung liefert einen Schlingerkurs, der zur Fahrt mit der Berg-und Talbahn geworden ist.

Und darunter haben Altenheime besonders zu leiden?

Natürlich. Immer wieder wird erzählt, dass Altenheime schützenswerte Orte sind. Doch die Praxis sieht anders aus. Hinzu kommt die mangelhafte Ausstattung mit Personal. Noch schlimmer sieht es bei den ambulanten Pflegediensten aus. Eine Kollegin betreibt einen häuslichen Pflegedienst und ist total frustriert. Sie hat schlichtweg keine Leute mehr. Nur unter Ableistung von Zwölf-Stunden-Diensten, also permanenten Doppelschichten, konnte sie mit dem wenigen Personal die Versorgung der Pflegebedürftigen überhaupt aufrechterhalten. Als sie das Ministerium um Hilfe bat, kam nur ein Link, wo man psychosoziale Unterstützung findet, damit das Personal, was noch da ist, länger durchhält. Es ist unglaublich, wie die Pflege hier - auch von der Stadt Leipzig - im Stich gelassen wird.

Das macht den Eindruck, dass hier nichts mehr richtig funktioniert?

Zumindest wenig. Gerade zählen vor allem Selbsthilfen sowie private und berufliche Netzwerke. Was von einer Stadt wie Leipzig kommt, ist kläglich. Da habe ich mehr erwartet. Es nutzt nicht, immer nur Arbeitsgruppen zu bilden. Aktuell brauchen wir Lösungen über den kurzen Weg. Das, was man früher den kurzen Dienstweg nannte, funktioniert heute nicht mehr. Selbst die Arbeitsämter haben uns - nicht wie angekündigt - Arbeitskräfte anbieten können. Sie hatten schlichtweg niemanden. Diese Ankündigungen sind Unfug, Augenwischerei und Kosmetik.

Was wünschen Sie sich?

Generell wäre mir lieber, wenn wir weniger Bürokratie hätten und uns mal wieder auf das Wesentliche besinnen. Altenpflegeheime heißen nicht umsonst Altenpflegeheime, hier werden alte Menschen gepflegt. Das sollte im Vordergrund stehen. Wenn ich vor lauter Anträgen und Abrechnungen nicht mehr dazu komme, mich hier um die Menschen zu kümmern, ist etwas faul im System.

Karte des Freistaates Sachsen, auf der die Standorte der 13 Corona-Impfzentren markiert sind.
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Wo sind Sachsens Impfzentren? Seit dem 15. Dezember muss es in jedem Landkreis und jeder kreisfreien Stadt jeweils ein Impfzentrum sowie jeweils ein mobiles Impfteam geben. Das hat der Bund so vorgegeben. In Sachsen sind das also 13 Impfzentren und ebenso viele mobile Teams.

Stadt Dresden: Messe Dresden
Stadt Leipzig: Messe Leipzig
Stadt Chemnitz: Netto Chemnitz, Wilhelm-Raabe-Str. 6
Landkreis Bautzen: Sporthalle am Flughafen Kamenz
Erzgebirgskreis: Festhalle Annaberg-Buchholz
Landkreis Görlitz: Messehalle Löbau
Landkreis Leipzig: ehemaliger Aldi Markt Borna
Landkreis Meißen: Sachsen-Arena Riesa
Landkreis Mittelsachsen: Mittweida über Simmel (ehemals EKZ)
Landkreis Nordsachsen: Stadthalle Belgern
Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge: Aldi Pirna-Jessen
Vogtlandkreis: Spektrum Treuen/Eich (ehemaliger Baumarkt)
Landkreis Zwickau: Stadthalle Zwickau

Jeder kann das Impfzentrum in Anspruch nehmen, welches für ihn besser erreichbar ist, unabhängig von der Kreiszugehörigkeit. Dazu soll es zukünftig auch regionale Außenstellen der Impfzentren geben. Für diese gibt es laut Sozialministerium aber noch keine konkreten Pläne.

Quelle: MDR/kt

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 12.01.2021 | Dienstags direkt | 20:00 bis 23:00 Uhr

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