03.06.2020 | 08:15 Uhr Corona auf der ITS: "Die Anspannung stand jedem ins Gesicht geschrieben"

Sebastian Schulz hat als Intensivmediziner den Ausbruch der Corona-Pandemie am Uniklinikum Leipzig erlebt. MDR SACHSEN hat mit dem 38-jährigen Facharzt gesprochen, wie er das Virus im Krankenhaus erlebt hat.

Sebastian Schulz, Intensivstation Uniklinikum Leipzig
Sebastian Schulz hat als Facharzt den Ausbruch der Corona-Pandemie auf der Intensivstation am Uniklinikum Leipzig erlebt. Bildrechte: Sebastian Schulz

Herr Schulz, wie haben Sie auf der Intensivstation am Uniklinikum Leipzig den Ausbruch der Corona-Krise erlebt?

Wir hatten einen großen Respekt vor der Erkrankung, allein durch die Medienberichte und die Bilder, die uns erreichten. Zudem: Plötzlich mussten wir alles in der Klinik umstellen und Kapazitäten schaffen. Gleichzeitig durften keine Besucher mehr ins Krankenhaus kommen - all das hat sich natürlich in unserer täglichen Arbeit bemerkbar gemacht.

Haben Sie Angst gehabt?

Angst vielleicht nicht. Aber Respekt vor der Erkrankung und vor allem vor der Ungewissheit, was die Erkrankung mit sich bringt und wie sich alles entwickelt. Die Gefahr einer Pandemie ist plötzlich real gewesen.

Wie war es für Sie, den ersten Covid-19-Patienten zu behandeln?

Die ersten Corona-Patienten auf unserer Intensivstation waren die Italiener, die aus Bergamo eingeflogen worden sind. Ich war im Nachtdienst eingeteilt und weiß noch genau, wie mein Oberarzt mich angerufen hat und gesagt hat: "Wir fahren heute Nacht zum Flughafen und holen die ersten Italiener ab." So hat es angefangen.

Eine Krankenpflegerin arbeitet in Schutzkleidung in einem Krankenzimmer auf der Intensivstation des Uniklinikums.
Auf den Intensivstationen der Krankenhäuser können Patienten künstlich beamtet werden. Bildrechte: dpa

Plötzlich eine Pandemie und Nachtfahrten zum Flughafen. Das klingt wie ein Film.

Allein das Abholen vom Flughafen war eine aufregende Erfahrung, bei der man die immense Anspannung deutlich wahrgenommen hat. Die Heckklappe des Militärfliegers öffnete sich, man sah die Ärzte und Pflegekräfte aus Italien in Isolationsanzügen. Die Patienten lagen in Isolationsboxen. Alle waren sehr professionell, dennoch: Die Anspannung war praktisch jedem ins Gesicht geschrieben. Die Patienten waren kritisch krank, spätestens in dem Augenblick hat man sich direkt in der Pandemie befunden.

Am 26.3.2020 steht eine Mitlitärmaschine auf dem Rollfeld des Flughafens Dresden. Patienten, die sich mit dem Coronavirus infiziert haben, werden entladen und in Dresdenr Kliniken gefahren.
Mit Militärfliegern sind während der Pandemie Patienten nach Leipzig und Dresden geflogen worden. Bildrechte: Tino Plunert

Von den Patienten aus Bergamo ist einer verstorben, ein 57-jähriger Mann hat überlebt. Wussten Sie, dass es einer schaffen könnte?

Ganz am Anfang haben wir zwei kritisch kranke Patienten gesehen, da konnten wir nicht in die Zukunft sehen, wie sich das entwickelt. Es gab keine Garantie. Die Behandlung des langsam genesenden vorher schwerkranken italienischen Patienten gehörte für mich zu einem der emotionalsten Momente in dieser Zeit. Als dieser Patient dann berichtete, wie schlimm es in Bergamo für ihn war. Wie schwer es für ihn war, einen Notarzt zu rufen. Wie lange er gewartet hat, bis er durchgekommen ist beim Notarzt. Das war ein Augenblick, bei dem ich selbst noch einmal vor Augen geführt bekam, wie schlimm das Ganze eigentlich ist.

Ein Patient grüßt aus einem Krankenwagen.
Der 57-jährige Patient aus Bergamo hat überlebt und konnte wieder nach Hause fliegen. Bildrechte: MDR/Tino Plunert

Ist es bei den italienischen Patienten geblieben?

Nein. Es mussten noch viele weitere Patienten behandelt werden. Zu Hochzeiten habe ich sechs Patienten gleichzeitig auf der Intensivstation betreut.

Sie halfen anderen, mussten sich aber auch schützen. Konnten Sie stundenlang in der Schutzkleidung arbeiten?

Natürlich ist es anstrengend, die Schutzkleidung zu tragen, natürlich schwitzt man darunter. Es ist schwer, aber es geht. Man fühlt sich auf alle Fälle persönlich wesentlich sicherer. Das wichtigste Prozedere ist das An- und Ausziehen, das muss man vorher richtig üben. Wir haben auch mit Schulungsvideos immer wieder geprobt.

Wie haben Sie den Umgang mit dem Virus in Ihrem Umfeld erlebt?

Es gab Freunde, die sehr lässig damit umgegangen sind. Andere wiederum sind übervorsichtig geworden. Im Krankenhaus waren alle sehr professionell, haben Schutzkleidung getragen und die Regeln eingehalten. Die größte Veränderung für die Patienten war der Besucherstopp, der ja an allen Krankenhäusern vollzogen worden ist. Das war eine Einschränkung, die ja nicht ganz unerheblich ist. Doch auch hier haben wir Wege gefunden. Teilweise wurden psychologische Mitbetreuung und Entlastungsgespräche angeboten. Covid-19-Patienten haben aktiv das Telefonat mit ihren Angehörigen gesucht.

Telefonieren gegen Corona. Ist das eine Strategie der betroffenen Corona-Erkrankten gewesen?

Der Umgang mit der Krankheit war auch unter den Betroffenen sehr verschieden. Ich glaube jedoch, dass Angst eine entscheidende Rolle gespielt hat. Es waren viele Gespräche notwendig, um zu erklären, wie sich die eigene Krankheit entwickelt. Oft gelang es erst durch viele Erklärungen, den Patienten tatsächlich die Angst zu nehmen.

Quelle: MDR/kt

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN | Dienstags direkt | 02.06.2020 | 20:00 Uhr

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