Aufklärung Lovemobil klärt in Leipzig über Sexarbeit auf

Frauen und Männer, die mit Sexarbeit ihr Geld verdienen, haben es in Zeiten von Corona schwer. Für sie gab es ab März ein Arbeitsverbot, das erst ab Juli teilweise gelockert wurde. Von Finanzhilfen waren sie weitgehend ausgeschlossen. Anlässlich des internationalen Tages der sexuellen Gesundheit haben Sexarbeiterinnen und Mitarbeiter der Beratungsstelle Leila mit dem Lovemobile in Leipzig über die Arbeit im Rotlicht informiert.

Innenansicht des Love Mobil Leipzig
So sieht es im Innern des Lovemobils aus: große Matratze und allerlei Spielzeuge für Erwachsene. Bildrechte: MDR/Katharina Pritzkow

Auf dem Richard-Wagner-Platz in der Leipziger Innenstadt steht dieser Tage ein Wohnwagen. Wer hineinschaut, dürfte überrascht sein: Drinnen gibt es eine großzügige Liegefläche, Kondome, Sexspielzeuge und Peitschen. Es ist das sogenannte Lovemobil, ein (Sex-)Wohnwagen, mit dem unter anderem die Aidshilfe in Leipzig über das Thema Sexarbeit aufklären will.

Beratungsangebot

Frau Herzog* ist Mitarbeiterin bei der Beratungsstelle Leila: "Wir haben als Modellprojekt erst letztes Jahr im Oktober so richtig gestartet. Das hieß, wir haben eine völlig neue Fachberatungsstelle aufgebaut, erst einmal Materialien hergestellt, Flyer und so weiter." Ein wichtiger Teil ihrer Arbeit sei auch der Besuch der Männer und Frauen in der Sexarbeit, also in Bordellwohnungen und in den zwei großen Clubs der Stadt.

Aufgaben der Beratungsstelle für Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter Die Beratungsstelle informiert Prostituierte beispielsweise über Themen wie Rechte, Pflichten, Steuern, Arbeitsorte und die Arbeitslandschaft in Leipzig. Beim Einstieg ins Gewerbe oder beim Wechsel innerhalb der Sexarbeit steht die Fachstelle beratend zur Seite. Auch in schwierigen Fällen, wie Schwangerschaftsabbrüchen ohne Krankenversicherung, helfen die Mitarbeiter.

Coronavirus wirft Pläne durcheinander

Eine Frau neben dem Love Mobil Leipzig
Frau Herzog neben dem Lovemobil in der Leipziger Innenstadt. Ihren vollständigen Namen möchte die Beraterin nicht nennen. Bildrechte: MDR/Katharina Pritzkow

Doch als im Februar der Grundstein für die Arbeit gelegt war, kam kurz darauf das Coronavirus. Und mit ihm das Verbot, die Klienten persönlich aufzusuchen. So wurde die Beratung online oder am Telefon abgehalten, erklärt Herzog: "Wir haben alle Informationen gesammelt und auf unserer Homepage gestellt. Außerdem haben wir eine Handynummer, wo man uns auch mal ein paar WhatsApp-Nachrichten schreiben kann." Statt über Arbeitsbedingungen und Gesundheit sei es in dieser Zeit vor allem um das Thema finanzielle Hilfen gegangen.

Arbeitsverbot für Sexarbeiter im Frühjahr und Sommer

Denn mit der ersten Allgemeinverfügung des Freistaats gab es ab März für die Frauen und Männer in der Sexarbeit ein Arbeitsverbot. Das Gesundheitsamt schätzt, dass es in Leipzig zwischen 600 und 800 Sexarbeitende gibt. Die Dunkelziffer ist wahrscheinlich deutlich höher, erklärt Herzog. Für Prostituierte war es in den vergangenen Monaten besonders schwer, denn sie konnten lange Zeit gar kein Geld verdienen.

Unterstützung von Gästen

Eine Frau neben dem Love Mobil Leipzig
Viktoria hat vor neun Jahren mit Tanzen angefangen. Die Neugierde und ihr Wunsch, nah am Menschen zu arbeiten, hat sie zur Sexarbeit gebracht. Bildrechte: MDR/Katharina Pritzkow

Betroffen davon war auch Sexarbeiterin Viktoria. "Seitdem muss man sich so ein bisschen herumschlagen, wie man überhaupt zu Rande kommt", erzählt die 30-Jährige. "Ich hatte zwar ein bisschen Rücklagen, aber nicht genug. Ich habe dann die Miete ausgesetzt und mir wirklich das Nötigste geleistet." Mit einer Ausnahme: Viktoria hat sich einen Kleingarten zugelegt.

"Ich habe ganz viel liebe Gäste", erzählt die junge Frau weiter. "Die haben mich auch ein bisschen unterstützen, gefragt: 'Wie kommst du überhaupt zurecht? Ich kann ja auch Vorschuss zahlen oder für einen Termin in Vorkasse gehen, damit du finanzielle Mittel hast.'" Auf finanzielle Unterstützung von Seiten der Politik konnten sich Sexarbeiter im Gegensatz zu anderen Branchen nicht verlassen.

Sexarbeiter von Hilfsprogramm ausgeschlossen

Die Stadt Leipzig selbst hatte auch ein Soforthilfeprogramm für Solo-Selbstständige auf den Weg gebracht. Doch auf der Ausschlussliste für die Finanzhilfen steht: "Vergnügungsstätten und Ähnliches, z. B. Spielhallen, Erotikgeschäfte, Bordelle, Nachtlokale, Strip- und Swingerclubs/Tabledance und Massagesalons" seien von der Förderung ausgeschlossen. Eine Anfrage von MDR SACHSEN zum Grund für den Ausschluss konnte die Stadt Leipzig am Donnerstag nicht angeben.

"Abdrängung in die Illegalität ist gefährlich"

Ein Aufsteller am Love Mobil Leipzig
Am Lovemobil soll über Sexarbeit aufgeklärt werden. Wichtig sei, darüber zu reden, meint Beraterin Herzog. Bildrechte: MDR/Katharina Pritzkow

Viktoria sagt, für sie sei der Bruch des Arbeitsverbots nicht in Frage gekommen. Dass es hinter verschlossener Tür trotzdem sexuelle Dienstleistungen gegeben hat, liegt für Fachberaterin Herzog auf der Hand: "Beweisen konnten wir es natürlich nicht. Das Gesundheitsamt ist ab Mai aufsuchend unterwegs gewesen. Wenn die Türen geöffnet wurden, waren die Sexarbeiterinnen manchmal in Dessous. Und man brauchte nur in einschlägige Portale gucken im Internet, wo man Anzeigen schalten kann. Da gab es schlagartig viele neue Mitglieder, die Hausbesuche angeboten haben."

Das Abdrängen der Sexarbeit in die Illegalität sieht Herzog äußerst kritisch, da der Schutz der Betroffenen nicht mehr gewährleistet sei – gerade bei Hausbesuchen: "Das ist unheimlich gefährlich. Wenn die Personen normalerweise in einem Bordell arbeiten, sind auch noch Personen anwesend, die auch für den Schutz sorgen. Und plötzlich gehen die auf einen Hausbesuch und wissen nicht, worauf man achten sollte." Es könne alles passieren, es sei illegal und das bedeute, wenn was passiert, trauten sich die Betroffenen auch nicht, davon zu erzählen.

"Menschen müssen Sexualität ausleben können"

Umso größer ist jetzt die Freude darüber, dass das Gewerbe wieder seine Arbeit aufnehmen darf – mit Einschränkungen. Seit Juli sind einige körpernahe Dienstleistungen nicht mehr ausdrücklich verboten. Seit dem 1. September dürfen beispielsweise erotische Massagen und einige sexuelle Praktiken wieder angeboten werden. Geschlechtsverkehr ist aber weiterhin tabu. Viktoria weiß zu berichten: "Es ist für mich sehr schön zu sehen, dass keiner meiner Gäste ein Problem damit hat, eine Maske zu tragen. Und das Arbeiten mit Maske funktioniert auch ganz wunderbar. Wir haben viel Verantwortung für die Gesundheit der Gäste. Aber Lebensqualität gehört zu einem schönen Leben auch dazu. Und das bedeutet, dass Menschen ihre Sexualität ausleben können und sexuelle Dienstleistungen möglich zu machen."

Quelle: MDR/kp

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 03.09.2020 | 16:05 Uhr

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