16.07.2020 | 18:08 Uhr Sexarbeiterinnen protestieren in Leipzig gegen Corona-Zwangspause

Eine Frau mit blonden langen Haarenund einem schwarzen Kleid sitzt auf einer Art Masageliege und blickt in die Kamera. Es ist die Betreiberin eines Erotikstudios in Leipzig, Lucy lange. Am 16.7.2020 hat sie beim bundesweiten Corona-Protest der Erotikbranche mitgemacht und die Türen ihres Hauses geöffnet. Sie wollte informieren, ins Gespräch kommen und auf die Lage hinweisen. Seit März dürfen die Sexarbeiter nicht mehr arbeiten.
Massageliegen und Betten bleiben in Lucy Langes Bordell seit Monaten leer. Bildrechte: Lars Tuncay

Zwei Dutzend Bordelle und Sexclubs haben am Donnerstag bundesweit gegen das coronabedingte Arbeitsverbot für sexuelle Dienstleister protestiert und ihre Türen für den Informationsaustausch geöffnet. Aus Sachsen war das Leipziger "Dornenschloss" dabei. "Wir machen darauf aufmerksam, dass es uns noch gibt und wir immer noch nicht arbeiten dürfen", sagte Betreiberin Lucy Lange. Sie ärgerte sich im Gespräch mit MDR SACHSEN darüber, dass bundesweit weiterhin alle erotischen Dienstleistungsangebote untersagt bleiben, während Massage- und Kosmetiksalons wieder öffnen durften.

Wir wollen wieder arbeiten. Hygieneauflagen sind in Ordnung. Unsere Gäste würden auch die ganze Zeit Mundschutz akzeptieren. Hauptsache, das Studio wird wieder geöffnet.

Lucy Lange Bordellbetreiberin

Petition gegen das Vergessenwerden

Der Bundesverband sexuelle Dienstleistungen hat am Aktionstag eine Onlinepetition gestartet. Damit verlangen die Initiatoren Akzeptanz und gleiche Rechte für Sexarbeiter: "Auch die Erotikdienstleister/Innen und die seriös arbeitenden Erotikbetriebe dürfen in der Corona-Krise und bei der Wiederöffnung der Wirtschaft nicht vergessen werden. Auch wir sind ein wichtiges Puzzlesteinchen im großen Gefüge dieser Gesellschaft."

Betreiber schätzen Hygieneauflagen als einhaltbar ein

Im Leipziger bordell Dornenschloss gibt es auch einen Raum für Sado-Maso-Freunde. Man siht ein großes Bett in einem rot angesrichenen Raum. Über dem Bett hängt ein Spiegel. An den Wänden stehen mehrere Geräte, die für SM-Praktiken in Bordellen typisch sind, u.a. eine Streckbank und ein sogenanntes Andreas-Kreuz.
Blick ins Bordell-Zimmer, in dem Sado-Maso-Fans ihre Lust ausleben. Bildrechte: Lars Tuncay

Problematisch sei, dass alle Prostitutionsstätten gleichgesetzt würden: große FKK-Klubs mit Dutzenden Gästen ebenso wie Einzel-Massagen, sagte Lucy Lange. Dabei ließe sich nach Meinung der Leipziger Bordellbetreiberin durch Einlasskontrollen, Einzelterminvergabe, Aufbewahrung von Kunden-Kontaktdaten und die ohnehin vorgeschriebenen Desinfektionen ein sicherer Betriebsablauf gewährleisten. "Das Prostitutiertenschutzgesetz von 2017 schreibt Hygienekonzepte und Desinfektion vor. Danach richten wir uns seit Jahren. Welches Büro oder welcher kleine Laden hatte denn vor Corona schon mal von einem Hygienekonzept gehört", fragte sich Lucy Lange.

Aus der Branche weiß sie, dass viele Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter wegen des Corona-Arbeitsverbots illegal in Hotelzimmern oder über private Onlineseiten tätig seien. "Sie bieten ihre Dienstleistung im ungeschützten Raum an. Das ist ein Freiraum für kriminelle Strukturen, Diebstahl und Gewalt. Das trifft auch die Kunden", warnte sie.

Die Frauen und Männer sind momentan durch keinerlei Rettungsschirm geschützt. Das bedeutet, dass sie sich in die Illegalität bewegen. Das kann auch kein Weg für die Zukunft sein.

Petra Köpping Sächsische Sozialministerin

Gesundheitsministerin: Bund lässt Stufenplan erarbeiten

Dass sich Sexarbeiter in die Illegalität bewegen, ist auch Sachsens Sozialministerin Petra Köpping bewusst. Am Dienstag sagte sie in Dresden, dass eine Arbeitsgruppe beim Bund eingerichtet worden sei, die im Juli einen Stufenplan erstelle, der das Arbeiten in der Sex- und Erotikbranche schrittweise ermöglichen solle. "An den Plan wollen sich alle Bundesländer halten und sich gut miteinander abstimmen", sagte Köpping. Alleingänge einzelner Bundesländer mit Corona-Lockerungen für Bordelle und Sexclubs solle es nicht geben. "Wir brauchen in diesem Bereich keine Art von Tourismus", meinte die Ministerin.

Es gibt viele Einzelunternehmer, die sind fertig mit der Welt. Sie sind auch nicht vernetzt miteinander. Sie sind ganz alleine. Die gehen alle unter und rutschen in die Depression.

Sally ausgebildete Körpersexualtherapeutin

Quelle: MDR/kk/lt

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 16.07.2020 | 14:33 Uhr
MDR UMSCHAU | 14.07.2020 | 20:15 Uhr

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