Reportage von Restart-19 "Da wurde mir bewusst, dass ich ein Versuchskaninchen bin"

In der Arena Leipzig hat am Sonnabend ein groß angelegtes Experiment stattgefunden. Unter dem Titel "Restart-19" wollen Forscher der Universitätsmedizin Halle herausfinden, wie Großveranstaltungen trotz Corona stattfinden können. MDR SACHSEN-Reporterin Barbara Brähler hat das Medizin-Experiment beobachtet.

Probanden eines Großversuchs der Universitätsmedizin Halle/Saale sitzen in der Arena Leipzig
Konzertvergnügen mit Maske - Studienteilnehmer in der Arena Leipzig Bildrechte: dpa

7 Uhr am Morgen. An der Arena Leipzig haben sich die ersten Helfer versammelt, die bei der Studie eingesetzt werden. Genau wie alle Teilnehmer und angemeldeten Journalisten müssen auch sie einen negativen Corona-Test vorweisen sowie fieberfrei sein. Erst dann gibt es den Ausweis, die FFP2-Maske und die Einweisung.

Die 23-jährige Anne und die 22 Jahre alte Emilia haben den Check-In erfolgreich gemeistert. Sie werden im Pressebereich eingesetzt. Geografie-Studentin Anne aus Leipzig wollte sich eigentlich als Teilnehmerin an der Studie beteiligen. Doch am Ende war ihr das Risiko einer möglichen Infektion zu hoch. Außerdem wollte sie nach wochenlanger Konzert-Abstinenz ihr erstes musikalisches Liveerlebnis doch lieber in einer "normalen" Atmosphäre genießen. Das sei doch das Besondere, mit den Konzertbesuchern zu interagieren, nahe bei der Band sein. "Dass was mir genommen wurde, fehlt mir schon sehr", resümiert die junge Frau. Trotzdem wollte sie das Experiment auf jeden Fall unterstützen. Wenn nicht als Teilnehmer, dann als Helferin. Psychologie-Studentin Emilia wollte nicht nur einfach als Teilnehmerin an der Studie teilnehmen, sondern aktiv helfen und damit das Experiment unterstützen.

Internationales Medieninteresse

9 Uhr am Pressebereich der Arena Leipzig: Zahlreiche Journalisten aus dem In- und Ausland sind vor Ort. Es gibt Verzögerungen am Einlass. Manche Medienvertreter haben ihre Registrierung vergessen, manche einen eigenen Corona-Test in der Tasche. Dadurch dauert der Einlass länger als geplant. Eigentlich, so Anne Rauchbach, sei pro Person eine Minute für den Einlass berechnet worden. Diese Probleme gibt es nicht nur im Pressebereich, sondern auch beim Einlass der Teilnehmer. Einigen Probanden wurde der falsche "Contact Tracer" ausgegeben, der permanent den Abstand der Konzertteilnehmer misst. Nun müssen die falsch verteilten Tracer umgetauscht werden - die Folge: eine Verzögerung um eine Stunde.

Erstes Szenario beginnt

Dank der Verzögerung wird der Ablauf des ersten Szenarios geändert. Anstatt mit dem Konzert von Tim Bendzko zu beginnen, werden die Teilnehmer nach der Einweisung erst einmal wieder nach draußen geschickt. Der Einlass muss aufgrund der Technikpanne beim Einchecken erneut simuliert werden, um korrekte Daten zu bekommen.
In der Halle heißt es jetzt für die Teilnehmer zusammenrücken und möglichst dicht beieinander sitzen, damit die Konzertsituation so real wie möglich nachgestellt werden kann.

Dann endlich, mit einer Stunde Verspätung, tritt Tim Bendzko auf die Bühne und das Publikum feiert das erste Livekonzert seit März in der Arena Leipzig. Für Teilnehmerin Caroline Neuber ein schönes, aber recht kurzes Erlebnis. Manche seien aufgestanden und hätten getanzt. Gerade mal 20 Minuten spielt der Sänger mit seiner Band, danach ist schon wieder Schluss und die Teilnehmer müssen zur Pause wieder raus aus der Halle. Auch das gehört zum ersten Szenario: Toilettengang, Schlangestehen für Bratwurst, Plausch mit Freunden - alles wird mit den "Contact Tracern" gemessen. Die gewonnen Daten sollen helfen, passende Hygiene- und Ablaufkonzepte zu entwickeln.

Teilnehmerin der Konzert-Studio mit Tim Bendzko in der Arena Leipzig
Caroline Neuber fand das erste 20-minütige Konzert schön. Bildrechte: MDR/Barbara Brähler

Die Pause zwischen dem ersten und dem zweiten Szenario wird auch genutzt, um zu prüfen, wo die Teilnehmer hingefasst haben. Das wird mittels UV-Licht sichtbar. Denn beim Einchecken haben alle Konzertbesucher ein fluoreszierendes Desinfektionsmittel erhalten. Dieses Prozedere wird auch nach Szenario zwei und drei absolviert.

Grundtenor: Es macht Spaß

"Die Stimmung war gut, ich hatte gedacht, es wäre ein bisschen gedrückt, durch die Lage, aber überhaupt nicht. Es hat sehr viel Spaß gemacht", berichtet eine Frau. Sie hofft, dass die Stimmung in den nächsten Stunden noch besser wird. Ein anderer Teilnehmer findet es allerdings schwierig mit dem Mitsingen. "Abgesehen davon, dass man sich sonst auch hinstellen würde. Am Anfang hat niemand mitgesungen, weil man auch so das Gefühl hat, dass man durch die Maske wenig Luft bekommt." Aber irgendwann habe Tim Bendzko die Leute animiert und das habe auch gut funktioniert, so der Proband.

Restart-19-Studenteilnehmer Robert vor der Arena in Leipzig
Bildrechte: MDR/Barbara Brähler

Da wurde mir richtig bewusst, dass ich ein Versuchskaninchen bin.

Studien-Teilnehmer Robert Siemer nach Szenario 1

Teilnehmer aus ganz Deutschland

Wie wichtig Konzerte oder Sportveranstaltungen für die Gesellschaft sind, zeigt die Herkunft der Studienteilnehmer. Sie kommen aus ganz Deutschland und aus unterschiedlicher Motivation. Elke Neuber aus Fellbach bei Stuttgart hat ihre Tochter zum Konzert gebracht. Die 56-Jährige hätte selbst gerne teilgenommen, weil sie großer Tim Bendzko-Fan ist. Aufgrund ihres Alters darf sie aber nicht. "Ich hätte mir das auch zugetraut. Ich denke, mein Virussystem ist gar nicht so schlecht und ich finde die Sicherheitsmaßnahmen hier sehr überzeugend, also ich hätte mitgemacht."

Jakob und Nicole Winkler kommen aus dem Zittauer Gebirge. Mit ihrer Teilnahme an der Studie wollen sie ihre Branche unterstützen. Die Geschwister arbeiten in der Veranstaltungsbranche und haben seit März keine Arbeit mehr. Durch die Studie hoffen sie, Möglichkeiten gezeigt zu bekommen, wie in Zukunft Veranstaltungen ablaufen können.  

Ein Teilnehmer aus Köln erzählt, dass er durch seinen Kollegen gehört hat, dass es das Konzert gibt. "Ich dachte, kostenloses Konzert und an einer größeren Studie teilzunehmen ist auch ganz interessant, und ich finde, wenn wir dazu einen Beitrag leisten können, dass es in Zukunft wieder in irgendeinem Rahmen Konzerte geben kann, dann mache ich das sehr gern."

Tim Bendzko-Konzert und Studie zu Großveranstaltung

Teilnehmer der Restart-19-Studie in der Arena Leipzig
Samstagmorgen 7 Uhr: Vor der Arena Leipzig checken die Helfer der Restart-Studie ein. Bei allen wird Fieber gemessen. Das Medizin-Experiment soll Aussagen zur Durchführung von Großveranstaltungen unter Pandemie-Bedingungen liefern. Bildrechte: MDR/Barbara Brähler
Teilnehmer der Restart-19-Studie in der Arena Leipzig
Samstagmorgen 7 Uhr: Vor der Arena Leipzig checken die Helfer der Restart-Studie ein. Bei allen wird Fieber gemessen. Das Medizin-Experiment soll Aussagen zur Durchführung von Großveranstaltungen unter Pandemie-Bedingungen liefern. Bildrechte: MDR/Barbara Brähler
Teilnehmer der Restart-19-Studie in der Arena Leipzig
Das Medieninteresse an der Restart-Studie ist groß. Zahlreiche Journalisten aus dem In- und Ausland sind vor Ort. Bildrechte: MDR/Barbara Brähler
Teilnehmer der Restart-19-Studie in der Arena Leipzig
Vor der Arena warten die Studienteilnehmer. Rund 2.200 Besucher waren angemeldet, nur etwa 1.400 sind gekommen. Geplant waren ursprünglich 4.200 Probanden. Bildrechte: MDR/Barbara Brähler
22.08.2020, Sachsen, Leipzig: Eine Probandin (r) steht vor Beginn eines Groߟversuchs der Universitätsmedizin Halle/Saale steht beim Fiebermessen am Check-In.
Nicht nur die Helfer, auch die Studienteilnehmer müssen natürlich fieberfrei sein. Bildrechte: dpa
22.08.2020, Sachsen, Leipzig: Eine Probandin (vorne, links) steht vor Beginn eines Groߟversuchs der Universitätsmedizin Halle/Saale am Check-In.
Zu Beginn der Studie erhalten alle Konzertbesucher einen Tracer und spezielles Handgel. Letzteres soll sichtbar machen, welche Flächen oft angefasst werden. Bildrechte: dpa
22.08.2020, Sachsen, Leipzig: Franziska Brauer (l) und Doreen Linke, Probandinnen aus Sachsen und Sachsen-Anhalt, zeigen sogenannte "Tracer", die bei dem Großversuch der Universitätsmedizin Halle/Saale eingesetzt werden und Wege verfolgen können.
Mit den Tracern sollen die Wege der Konzertbesucher und ihr Abstand untereinander nachvollzogen werden ... Bildrechte: dpa
Studie Restart-19 in der Arena Leipzig
... das funktioniert mithilfe dieser sogenannten Anker. Die schwarzen Geräte empfangen die Signale der Tracer. Bildrechte: MDR/Barbara Brähler
Teilnehmer der Restart-19-Studie in der Arena Leipzig
Diese beiden Teilnehmerinnen sind extra aus München angereist. In der Hand halten sie ihre Tickets und das fluoreszierende Handgel. An den blauen Bändern um ihre Hälse hängen die Abstandstracer. Bildrechte: MDR/Barbara Brähler
22.08.2020, Sachsen, Leipzig: Probanden eines Groߟversuchs der Universitätsmedizin Halle/Saale stehen am Einlass vor der Arena Leipzig.
Dann geht es los: Wie bei einem regulären Konzert werden am Einlass die Tickets kontrolliert. Im Laufe des Tages sollen drei verschiedene Szenarien durchgespielt werden. Bildrechte: dpa
Menschen mit Mund-Nase-Schutz sitzen in der Arena Leipzig.
Bevor das erste Konzert beginnt, werden einige Teilnehmer noch umgesetzt. Die Menschen sollen möglichst dicht sitzen, um ein reales Szenario darzustellen. Bildrechte: MDR/Barbara Brähler
Konzert-Studio mit Tim Bendzko in der Arena Leipzig
Dann beginnt das Konzert mit einer Stunde Verzögerung. Bildrechte: MDR/Barbara Brähler
Der deutsche Popsänger Tim Bendzko (M) tritt während eines Großversuchs der Universitätsmedizin Halle/Saale in der Arena Leipzig mit einer Band auf
Tim Bendzko begeistert das Publikum, berichtet eine MDR-Reporterin. Bildrechte: dpa
Nebel steigt in den leeren Rängen der Arena Leipzig auf.
Um die Ausbreitung von unsichtbaren Aerosolen deutlich zu machen, werden Nebelmaschinen eingesetzt. Der Nebel soll die kleinen Bestandteile der Atemluft simulieren. Bildrechte: MDR/Barbara Brähler
Ein Handballer.
SC DHfK-Spieler Patrick Wiesmach hofft, dass seine Mannschaft mithilfe der Studie künftig wieder vor Publikum spielen kann. Bildrechte: MDR/Barbara Brähler
Teilnehmerin der Konzert-Studio mit Tim Bendzko in der Arena Leipzig
Studienteilnehmerin Caroline Neuber hat das erste Konzert genossen. Sie fand den 20-minütigen Auftritt von Tim Bendzko schön. Bildrechte: MDR/Barbara Brähler
Iris Rackwitrz, Eventmanagerin der Arena Leipzig
Iris Rackwitz ist Eventmanagerin in der Arena Leipzig und froh darüber, dass endlich wieder Menschen in der Halle sind: "Zum ersten Mal seit März ist hier wieder Leben in der Halle – ein unglaubliches Gefühl!" Bildrechte: MDR/Barbara Brähler
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So laufen Szenario 2 und 3

Das zweite Szenario steht an. Anders als bei Szenario 1 - der Simulation eines Konzerts wie vor Corona-Zeiten - werden die Teilnehmerströme nun gelenkt. Das Publikum wird geteilt, jede Gruppe darf nun nur noch einen speziellen, für sie zugewiesenen Eingang nutzen. Die Gruppen dürfen sich nicht vermischen und die Teilnehmer nicht in der Halle herumlaufen. Anders als im ersten Konzertteil sitzen die Probanden auch nicht mehr dicht beieinander. Und die Stimmung? Die ist gut. Die Teilnehmer feiern Tim Bendzko und seine Band.

Im dritten Szenario werden die Bedingungen erneut verschärft. Dann heißt es noch mehr Abstand zwischen den Teilnehmern einhalten. Eineinhalb Meter um genau zu sein - nach vorne, hinten und zur Seite. Damit könnte fast der Anschein erweckt werden, dass die Konzerthalle in der Arena Leipzig zum ersten Mal seit März gut gefüllt ist.

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Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Sa 26.09.2020 10:20Uhr 01:00 min

https://www.mdr.de/sachsen-anhalt/halle/halle/video-449826.html

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