16.06.2020 | 17:32 Uhr Reaktion aus Sachsen zur Corona-Warn-App

Seit Dienstag steht die Corona-Warn-App kostenlos zur Verfügung. Die Nutzung der App ist freiwillig und soll helfen, die weitere Ausbreitung von Covid-19 zu verhindern. Schon vor dem Start der App gab es Lob und Kritik von Verbraucherschützern, Politikern und Computerexperten.

Corona-Warn-App, Das Logo der Corona-Warn-App auf einem Smartphone. Mithilfe der App werden Bürger benachrichtigt, sollten Sie sich in der Nähe eines am Coronavirus Erkrankten aufgehalten haben, wenn dieser die App ebenso installiert hatte und seine Erkrankung meldet.
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Die Corona-Warn-App der Bundesregierung kann seit Dienstag in den App-Stores kostenfrei runtergeladen werden. Die App soll vor der weiteren Ausbreitung von Covid-19 schützen, weil sie Kontaktpersonen schneller informiert, wenn sich jemand mit dem Coronavirus infiziert hat. Dabei ist die Nutzung der App freiwillig. Schon vor dem Start der Warn-App gab es Lob und Kritik von Seiten der Politik, IT-Experten, Datenschützern und dem Verbraucherschutz.

Verbraucherschutz: "Wissen über App unerlässlich"

Die Verbraucher würden bislang zu wenig über die Funktionsweise der App wissen, erklärte Katja Henschler von der Verbraucherzentrale Sachsen beim Start der App am Dienstag in Leipzig. Dadurch würden oftmals falsche Vorstellung herrschen.

Genau zu wissen, wie die App arbeitet, ist jedoch unerlässlich, um eine Entscheidung für oder gegen die App zu fällen.

Katja Henschler Verbraucherzentrale Sachsen

Verbraucherschützer bieten Information

Um die Menschen besser über die Tracing-App zu informieren, bieten die Verbraucherschützer in den nächsten Tagen auf den unterschiedlichsten Wegen Informationen an. Einmal per Telefon-Hotline am Donnerstag, 18. Juni von 12 bis 16 Uhr unter 0341 - 696 2992 und am 25. Juni ist ab 18 Uhr ein Online-Talk geplant, mit Vertretern des Verbraucherschutzes, Politik und Wissenschaft.

Eine Grafik zur Corona-App 1 min
Wie die Corona-APP funktioniert! Bildrechte: MDR

Mit Hilfe einer App sollen die Infektionsketten des Coronavirus frühzeitig bemerkt und durchbrochen werden. So funktioniert die Smartphone-App.

Do 11.06.2020 14:49Uhr 00:51 min

https://www.mdr.de/nachrichten/app-aktuell/video-417706.html

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Diskussion um Sicherheit

Dass die Corona-Warn-App Diskussionsbedarf hat, zeigen die unterschiedlichen Bewertungen von IT-Experten und Datenschützern. Der Chaos-Computer-Club hat die neue Corona-Warn-App als relativ sicher vor Datendiebstahl eingestuft. Sprecher Linus Neumann sagte dem MDR, zwar sei es möglich, die App zu hacken.

Doch falls das passiert, ist der Schaden gering, weil Nutzer-Daten nicht auf Servern gespeichert werden.

Linus Neumann Chaos Computer Club

Dennoch gibt es Angriffsszenarien, in denen Hacker Schwachstellen ausnutzen könnten. Forscher der TU Darmstadt und der Universitäten Marburg und Würzburg erklärten, es sei möglich, durch gängige technische Mittel die Kontaktinformationen zu manipulieren oder sogar ein detailliertes Bewegungsprofil von einer von Covid-19 infizierten Person zu erstellen.

Bündnis Privatsphäre: Betriebssysteme anfällig

Und auch der Verein Bündnis Privatsphäre Leipzig sieht die App in Ansätzen kritisch. Zwar sei die Anwendung durch ihren dezentralen Speicherungsansatz als relativ wenig invasiv in Bezug auf die stattfindende Datenerhebung zu betrachten. Sie könne aber nur so sicher sein wie das darunterliegende Betriebssystem und dessen Schnittstellen, erklärte ein Sprecher des Bündnisses MDR SACHSEN.
Dies sei bei mobilen Geräten aus unterschiedlichen Gründen ein Knackpunkt. Für einen überwiegenden Anteil von Mobilgeräten werden laut dem Sprecher keine Aktualisierungen auf die neueste Betriebssystem-Version von Seiten der Gerätehersteller angeboten.

Dies führt dazu, dass bereits aufgedeckte Schwachstellen, die in neueren Versionen bereits behoben sind, bestehen bleiben und Geräte damit unnötig verwundbar sind. Dies betrifft natürlich auch die Bluetooth-Schnittstelle.

Bündnis Privatsphäre Leipzig e.V.

Zudem würden die Ungenauigkeit der zugrunde liegenden Technologie einerseits und die Bewertung praktischer Erfahrungen vergleichbarer Ansätze in anderen Ländern erhebliche Zweifel an Sinn und Angemessenheit der App aufkommen lassen, kritisierte das Bündnis.

Patientenschützer: App für Eigenschutz

Dagegen ist die Corona-Warn-App aus Sicht der Deutschen Stiftung Patientenschutz ein zusätzlicher Baustein für den Eigenschutz und besonders für Menschen in Medizin- und Pflegeberufen relevant. Jetzt sei es wichtig, besonders die Beschäftigten in Pflegeheimen, Krankenhäusern und Arztpraxen zum Mitmachen zu sensibilisieren, sagte Vorstand Eugen Brysch. Viel zu oft seien es Beschäftigte der Medizin und Pflege gewesen, die sich untereinander angesteckt hätten.

Auch der Leipziger Medizin-Informatiker Alfred Winter bezeichnet den Einsatz der App als "sinnvoll und im Hinblick auf den Datenschutz für völlig in Ordnung". Der Professor, der auch Präsident der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie ist, sprach sich zugleich für eine wissenschaftliche Begleitung aus. Eine solche sei "zwingend notwendig".

Linke: Keine gesetzliche Grundlage

Linken-Politiker Sören Pellmann kritisierte eine fehlende gesetzliche Grundlage. Die Corona-Warn-App könne als Zugangsbeschränkung für Anbieter privater Dienstleistungen wie Restaurants missbraucht werden. Zudem sei die App unsozial. Ältere Smartphone-Modelle würden häufig nicht unterstützt und nicht alle Bundesbürger könnten sich ein Smartphone der neuesten Generation leisten, so Pellmann. Seine Forderung: Erst eine gesetzliche Grundlage schaffen, dann die App starten. Ähnliche Töne stimmt auch Sachsens Justizministerin Katja Meier an. Die Grünen-Politikerin warnte vor einem Zwang.

Es ist nicht ausgeschlossen, dass die Corona-Warn-App künftig quasi zu einem Passierschein für Läden und Veranstaltungen missbraucht wird - also zur Voraussetzung, diese besuchen zu können.

Katja Meier Justizministerin Sachsen

Auch sie forderte vom Bund entsprechende gesetzliche Regelungen.

Hingegen erklärte Sachsens Gesundheitsministerin Petra Köpping datenschutzrechtliche Auflagen würden eingehalten. Die App sei daher "guten Gewissens zu empfehlen", so Köpping. Mit der App könne man schnell und lokal reagieren und Infektionsketten besser nachvollziehen. Die App komme zwar spät, erklärte die Ministerin, aber noch nicht zu spät.

Quelle: MDR/bb

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 16.06.2020 | 07:00 Uhr in den Nachrichten

MDR SACHSENSPIEGEL | 16.06.2020 | 19:00 Uhr

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