JVA Leipzig
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JVA Leipzig Freiwillig ins Gefängnis - neues Ehrenamt in Leipzig

Wer eine Straftat begangen hat, wandert in der Regel ins Gefängnis. Dort ist alles streng geregelt und der Kontakt zur Außenwelt bricht bei den meisten Straffälligen ab. Doch ohne den Kontakt ist eine Resozialisierung schwierig. Hier will ein weiteres Ehrenamtsprojekt ansetzen. Für die JVA Leipzig werden nun Menschen gesucht, die freiwillig ins Gefängnis wollen. MDR SACHSEN sprach mit dem Initiator Mike Bauer, dem Seelsorger der JVA Leipzig.

JVA Leipzig
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Mike Bauer ist seit zehn Jahren Seelsorger in der Justizvollzugsanstalt Leipzig. Er kritisiert Teile des Strafvollzuges als Paradoxon. Im dritten Paragraphen des Strafvollzuggesetzes heißt es zwar, der Vollzug ist darauf auszurichten, dass er dem Gefangenen hilft, sich in das Leben in Freiheit einzugliedern. Aber die Realität hinter Gittern sehe anders aus, kritsiert Bauer. Haft bedeute für die Gefangenen erst einmal abgeschnitten zu sein von dem Leben außerhalb des Gefängnisses, auch oft von Angehörigen und Freunden. In der Untersuchungshaft gebe es mitunter Kontaktsperren, zudem Telefon- und Postkontrollen. Haft bedeute ein Ausschluss von Vielem, was für die Gesellschaft normal ist. Internet oder das Nutzen von Mobiltelefonen sei verboten. Eine Resozialisierung, indem man die Gefangenen von ihren sozialen Kontakten trennt, sieht Seelsorger Bauer daher als Problem. Oft würden sich die Inhaftierten emotional aus der Gesellschaft zurückziehen, vereinsamen und später, wieder in Freiheit, mit der Gesellschaft nicht mehr zurecht kommen.

Einsperren allein hilft nicht

Ein Justizvollzugsbeamter schließt eine Tür in einer Justizvollzugsanstalt (JVA) auf
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Mit einem neuen ehrenamtlichen Projekt will Bauer zusammen mit dem Verein Christliche Straffälligenhilfe "Schwarzes Kreuz" die Menschen in der JVA Leipzig begleiten. Dazu sucht Mike Bauer Menschen, die freiwillig ins Gefängnis gehen wollen und die sich vorstellen können, sich mit den Inhaftierten auszutauschen. Möglich wäre das durch Gesprächskreise, künstlerische Angebote, Gruppenangebote oder bei längerer ehrenamtlicher Tätigkeit, auch durch die Begleitung von Gefangenen bei Ausgängen. Um straffällig gewordene Menschen später wieder in die Gesellschaft zu integrieren, reiche es nicht aus, sie einfach nur einzusperren. Man müsse sich um diese Menschen kümmern, mit ihnen zusammen Wege suchen, die sie nicht wieder ins Gefängnis bringen, ist sich Bauer sicher.

Das Ziel muss doch sein, Opfer zu vermeiden, Wiedergutmachung zu leisten oder leisten zu können, etwas zu heilen, was kaputt gegangen ist und dass es in Zukunft weniger Opfer gibt.

Mike Bauer Seelsorger JVA Leipzig

Das könne funktionieren, wenn sich die Gesellschaft ein Bild vom Leben hinter Gittern macht und sich um diese Menschen kümmert, hofft Mike Bauer. Dabei soll die Schuld von Straftätern nicht verharmlost werden. Auch sie müssen die Verantwortung für ihr Handeln übernehmen und bereit sein, sich ihrer Geschichte zu stellen, erklärt Bauer.
Allerdings versuchten die meisten Inhaftierten ihre Strafe einfach abzusitzen, ohne sich Gedanken über ihre Tat und ihre Opfer zu machen, berichtet Mike Bauer aus seinem Seelsorger-Alltag.

Offenheit erwünscht

Eine Insassin sitzt in ihrem Haftraum in der Justizvollzugsanstalt für Frauen in Chemnitz.
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Mike Bauer ist klar: Die Arbeit in der JVA verlangt von den Ehrenamtlern Einiges ab. Es sei nicht einfach, Kontakt zu Menschen zu bekommen, die wegen Mordes, Drogenbesitzes, Diebstahls oder Körperverletzungen einsitzen. Oftmals hätten die Gefangenen viele negative Erfahrungen wie Missbrauch, Misshandlungen oder frühen Drogenkonsum in ihrem Leben gemacht. Vertrauen müsse daher Schritt für Schritt gewonnen werden, erklärt der Seelsorger. Dazu komme der streng regulierte Knast-Alltag. Die meisten Inhaftierten in der JVA gehen nicht arbeiten, haben eine Stunde Hofpause, zwei Stunden Aufschluss (die Zeit, in der die Zellentür geöffnet ist), eventuell über die Woche verteilt, die Möglichkeit Sport oder andere Angebote wahrzunehmen. Die meiste Zeit seien sie aber in ihrem Haftraum eingeschlossen.

Da ist jede Abwechslung wichtig und gut und jede ist eine Chance, das Angebot für sich zu nutzen.

Mike Bauer Seelsorger JVA Leipzig

Wer Interesse hat, freiwillig als Ehrenamtler ins Gefängnis zu gehen, muss offen sein für neue Situationen und Menschen jeglicher Couleur. Fachmännische Unterstützung erhalten die künftigen Ehrenamtler dabei durch den Verein "Schwarzes Kreuz". Doch bevor das Projekt an der JVA Leipzig starten kann, werden mehrere Informationsabende grundlegendes Wissen über das Leben in Haft vermitteln. Der erste findet am 5. November ab 18:00 Uhr in der Michaeliskirche in Leipzig-Gohlis statt.

Schwarzes Kreuz Das "Schwarze Kreuz" hilft seit 1925 Straffälligen in ganz Deutschland. Ziel des Vereins ist es, Inhaftierte in eine bessere Zukunft ohne Straftaten zu begleiten und damit gleichzeitig neues Leid und neue Opfer zu verhindern. Das Schwarze Kreuz begleitet und berät rund 500 Ehrenamtliche in ganz Deutschland. Finanziert wird die Arbeit vor allem über Spenden.

JVA Leipzig Die Justizvollzugsanstalt Leipzig mit Krankenhaus ist am 1. Januar 2001 aus der Vereinigung des Justizvollzugskrankenhauses Leipzig und der Justizvollzugsanstalt Leipzig entstanden. Die Anstalt liegt im Stadtteil Meusdorf und umfasst eine Fläche von 9,8 Hektar. Das Hafthaus hat 397 Plätze, Anfang 2018 waren 416 Gefangene inhaftiert. 20 bis 30 Menschen arbeiten bereits ehrenamtlich in der JVA.

Quelle: MDR/bb

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - das Sachsenradio | 05.11.2018 | 10:30 Uhr in den Regionalnachrichten aus dem Studio Leipzig

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Zuletzt aktualisiert: 05. November 2018, 07:44 Uhr

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