ARD-Themenwoche #wieleben Sonniges Taucha - Sachsens Demografie-Gewinner

Die Demografie-Prognose für den Freistaat Sachsen zeigt: Etliche Gemeinden werden in den kommenden 15 Jahren schrumpfen und immer älter werden. Doch es gibt auch einige Ausnahmen von diesem Trend: Die Kleinstadt Taucha soll ein Bevölkerungsplus von rund 16 Prozent haben - optimistisch gerechnet. Damit liegt sie in der Prognose noch vor Leipzig. Doch wie kommt es, dass immer mehr Menschen in die 16.000-Seelen-Stadt ziehen möchten? MDR SACHSEN-Reporterin Katharina Pritzkow ist auf Spurensuche gegangen.

Blick über die Stadt Taucha bei Leipzig.
Der Blick über die Stadt Taucha bei Leipzig. (Archivbild) Bildrechte: dpa

Es ist November in Taucha. In der historischen Altstadt ist es grau und diesig. Auf dem kleinen Marktplatz sind Stände aufgebaut, doch es sind an diesem Markttag kaum Menschen zu sehen. Die düstere Seite des Herbstes hat die kleine Stadt an der Parthe erwischt. Nur Autos rollen über die beblätterten Kopfsteinpflaster, vorbei an Markt und Rathaus und Rittergut.

Tor Rittergutsschloss
Auf das Areal des Rittergutsschlosses in Taucha gelangt man durch dieses Tor. In den nächsten Jahren soll hier ein geistig-kulturelles Zentrum entstehen. Bildrechte: Hans-Jörg Moldenhauer

Aus einem der Fenster des alten Schlosses winkt Jürgen Ullrich in den nebeligen Tag. Er lebt seit 21 Jahren in Taucha und kennt die Stadt so gut wie kaum ein anderer: Als Geschichtslehrer hat er die Historie Tauchas vor vielen Jahren aufgearbeitet. "Ich habe vor allem in Archiven gesucht: Wo gibt es kleine Episoden und Geschichtchen? Und da hat sich im Laufe der Zeit eine ganze Menge zusammengesammelt. Das ist so viel, dass ich auch jetzt noch regelmäßig für unseren Stadtanzeiger eine Kolumne schreibe. Wir sind jetzt bei Folge 36."

"Taucha ist keine Schlafstadt"

Jürgen Ullrich ist einer der umtriebigsten Bürger der Gemeinde: Im Schlossverein engagiert er sich, jedes Jahr erzählt er die vielen Anekdoten, die Taucha im Laufe der Zeit gesammelt hat, als Nachtwächter und Stadtführer. "Die Touren leben davon, dass es gar nicht so viele Zahlen und Fakten gibt. Es geht um die kleinen Episoden - das macht den Leuten Spaß." Und ganz nebenbei ist er seit vielen Jahren auch noch Stadtrat. Nach all den Jahren in der Parthe-Stadt meint der gebürtige Wurzner: Wer Taucha in die Schublade des verschlafenen Städtchens packt, tue ihr Unrecht.

"Eine Schlafstadt ist Taucha nicht", darauf besteht der Lehrer mehrfach, während er im Umkleideraum des Schlosses über seine Wahlheimat erzählt – zwischen antikem Sofa und einer Kleiderstange voll historischer Kostüme. Mehrmals im Jahr kommen die Gewänder zum Einsatz, denn der Veranstaltungskalender der Gemeinde ist voll: Feste, Märkte, Sportevents. Stadt und Vereine haben sich viel einfallen lassen, um das kulturelle Leben in der Stadt voranzubringen – zumindest wenn gerade keine Pandemie dazwischen kommt.

Teilnehmer beim Ancient Trance Festival bei Taucha.
Von wegen leises Städtchen: Das Ancient Trance Festival beweist das ganze Gegenteil. Im Sommer 2016 waren rund 5.000 Menschen zu Gast in Taucha, um Musik mit Maultrommeln zu erleben. Bildrechte: lichtseelen.com

"In diesem Jahr ist natürlich alles anders", erzählt der 68-Jährige. Das großes Stadtfest musste abgesagt werden - ausgerechnet in diesem Jahr, in dem es so viel zu feiern gegeben hätte: 850 Jahre Stadtjubiläum, 800 Jahre Rittergutsschloss. "Wir haben das intensiv vorbereitet, auch mit einem richtigen Festkomitee. Aber es hätte einfach keinen Sinn gemacht", meint Jürgen Ullrich. Auch die sonst so gut besuchten Weihnachtsmärkte fallen in diesem Jahr aus. Dass der Frust über all die Absagen tief sitzt, sieht man dem passionierten Chronisten an.

Mitglieder der Gemüsekooperative «Rote Beete» an einem Traktor.
Auch das ist Taucha: Die Gemüsekooperative "Rote Beete". Bildrechte: dpa

2020 bringt auch gute Neuigkeiten

Aber es gibt in diesem Jahr auch gute Nachrichten für die kleine Gemeinde: Taucha ist sozusagen Demografie-Gewinner in Sachsen. In einer Berechnung zur  Bevölkerungsprognose im Freistaat kam heraus, dass die Gemeinde nordöstlich von Leipzig mit einem deutlichen Bevölkerungszuwachs bis 2035 rechnen kann. Die optimistischste Prognose geht dabei von rund 16 Prozent mehr Einwohnern aus. "Über die Prognose haben wir uns natürlich wahnsinnig gefreut", strahlt der Stadtrat.

Für ihn gibt es gleich mehrere Gründe dafür, dass Taucha wächst und wächst und wächst. "Zum einen haben wir viel Glück mit der landschaftlichen Lage. Die Pathenaue ist wirklich wunderschön und hat einen tollen Radwanderweg. Außerdem haben wir für die Familien viel zu bieten. Wir haben über 40 Vereine in Taucha - sowohl Sport- als auch Kulturvereine. Außerdem noch das sehr aktive Jugendparlament, das immer wieder neue Ideen einbringt." Hinzu komme die Nähe zu Leipzig - aber eben auch die vielen engagierten Menschen, die gerne etwas für ihren Heimatort bewegen wollen.

Kitas, Schulen, Gartenstadt

Dabei hatte die Gemeinde in den Nachwende-Jahren mit ähnlichen Problemen zu kämpfen wie viele andere in Sachsen: Arbeitslosigkeit, Wegzug, Leerstand. Doch davon hat sich Taucha schon lange erholt. Betriebe wurden zu Beginn der 1990er Jahre gezielt angesprochen, in den leerstehenden Industriegebieten siedelten sie sich schnell an und brachten Arbeitsplätze. Heute lebt die Innenstadt – leere Ladengeschäfte sind die Ausnahme. Auch Wohnungsleerstand gibt es in der kompletten Gemeinde eigentlich nicht mehr, ganz im Gegenteil.

In Taucha wird erschlossen und gebaut, zuletzt zwei neue Kindergärten. Einer von ihnen, das "Kükennest" ist dort entstanden, wo im kommenden Jahr ein neues Wohngebiet entstehen soll. Eine Gartenstadt. Dazu ist ein Schulcampus in Planung. Das gehört zur Strategie der Stadt: "Wir haben gesagt: Warum sollten wir erst die Straßen bauen? Wir brauchen Kindergärten und Schulen. Sonst gibt es niemanden, der die Straßen nutzt."

Mut zu Investition

Familie, Kultur und Freizeit, das wird bei Stadtrat Ullrich immer wieder klar, stehen im Fokus der Stadtentwicklung. Und das sieht man ihr auch an: Grün kommt sie im Sommer daher, überall stehen Jahrzehnte alte Bäume. Und falls doch mal ein Baum gefällt werden muss, sorgt das Grünflächenamt zeitnah für Ersatz. Das Parthebad ist aus dem Ort nicht wegzudenken. Als ringsherum die Freibäder dicht machten, wurde das Bad saniert. Obwohl es ein Verlustgeschäft ist, lohnt sich die jährliche Investition, meint Ullrich. Dazu gibt es an allen möglichen Ecken der Kleinstadt Spielplätze.

Eine Gemeinde mit Ambitionen

Fans der IceFighters Leipzig 2016 bei einer Mahnwache am Eiszelt in Taucha
Viele Jahre war Taucha Heimat der Icefighters, die von hier aus 2016 eine erfolgreiche Crowdfunding-Aktion gestartet haben. Bildrechte: imago images / WORBSER

Taucha hat viel richtig gemacht. Mutige Entscheidungen, viel Engagement und mit Sicherheit auch mehrere glückliche Händchen haben die Gemeinde in den letzten Jahren aufblühen lassen. Nicht zuletzt deshalb konnte sich Taucha in diesem Jahr beim Familienkompass 2020 über den Preis der familienfreundlichsten Stadt im Freistaat freuen. So darf es gerne weitergehen.

Daniel Grahl zeigt auf das Gerüst des Autokino in Taucha.
Taucha ist flexibel - als während des ersten Corona-Lockdowns die Kinos geschlossen waren, hat Daniel Grahl ein Autokino eröffnet. Bildrechte: Daniel Grahl, Autokino Taucha

Und dafür stehen die Chancen nicht schlecht. Im kleinen Kämmerlein des alten Schlosses erzählt Ullrich, was bald sein könnte: Das Rittergut, das heute noch etwas düster und rustikal wirkt, soll zu einem geistig-kulturellen Zentrum werden. "Es ist ein Schloss für die ganze Familie. So haben wir es auch konzipiert. Und wir beleben das Schloss mit Fördermitteln weiter. Wir bauen Räume aus, es kommen Teile der Stadtverwaltung aufs Schloss. Es werden auch neue Ausstellungsräume entstehen und auch das Heimatmuseum wird Ausstellungsflächen bekommen."

Die Tauchaer haben also noch viel vor. Und wenn es so weiter geht mit der Stadtentwicklung, dann dürfte auf die Stadt an der Parthenaue eine sonnige Zukunft warten.

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSENSPIEGEL | 15.11.2020 | 19:00 Uhr

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