Gegen Alltagsrassismus Erich-Zeigner-Haus-Verein - Stolpersteine und stille Helden

Wenn es darum geht, Stolpersteine in der Region Leipzig zu verlegen und damit die Erinnerung an die Schrecken der Nazizeit und Judenverfolgung wach zu halten, dann ist der Erich-Zeigner-Haus Verein in Leipzig eine wichtige Adresse. Am Montag erhielt er als einer von deutschlandweit sechs Preisträgern den Obermayer-Award. Der mit 1.000 Euro dotierte Preis einer US-amerikanischen Stiftung würdigt Vereine und Personen, die sich um das Wachhalten des deutsch-jüdischen Zusammenlebens in Deutschland verdient gemacht haben.

Erich-Zeigner-Haus
In Zusammenarbeit mit dem Erich-Zeigner-Haus.e.V. wurden schon rund 200 Stolpersteine verlegt. Bildrechte: Erich-Zeigner-Haus

Der Erich-Zeigner-Haus e.V. in Leipzig ist mit dem Obermayer-Award ausgezeichnet worden. Der mit 1.000 Euro dotierte Preis würdigt Vereine und Personen, die sich um das Wachhalten des deutsch-jüdischen Zusammenlebens in Deutschland verdient gemacht haben. Die Obermayer-Awards werden seit 21 Jahren durch eine Stiftung aus Massachusetts in den USA vergeben, die von einem Unternehmer mit deutschen Vorfahren gegründet wurde.

Das Erich-Zeigner-Haus organisiert beispielsweise die Stolperstein-Verlegung oder Gedenktafeln für stille Helden in der NS-Zeit. Geschäftsfüher Für den Verein und sein 70 Mitglieder bedeute die Auszeichnung in erster Linie Anerkennung der ehrenamtlichen Arbeit, freute sich Geschäftsführer Henry Lewkowitz.

Wie wichtig diese ehrenamtliche Arbeit ist, zeigt sich inzwischen auch in der großen Nachfrage aus Schulen. Von dort sei immer wieder zu hören, dass rechte Tendenzen in der Schülerschaft oder auch im Kollegium in der Schule nicht eingefangen werden könnten, sagt Henry Lewkowitz. Und er geht sogar noch weiter und leitet aus der Zunahme der Anfragen eine Zunahme rechter Tendenzen an Schulen ab. Umso wichtiger sei eines der aktuellen Projekte.

Die Anfragen aus den Schulen übersteigen unsere Kapazitäten.

Henry Lewkowitz Erich-Zeigner-Haus e.V.

Gegen Alltagsrassismus im ländlichen Raum

Für das Projekt "Digital präventiv gegen Alltagsrassismus im ländlichen Raum" erhält der Verein zum ersten Mal eine Förderung auf Bundesebene. Begleitet wird das Projekt auch wissenschaftlich, unter anderem vom Wissenschaftlichen Büro Leipzig.

Bei der Beschäftigung mit Alltagsrassismus in ihrem direkten Umfeld sollen Jugendliche eigene Medieninhalte erstellen. Am Ende der Projekte entstehen daraus Kurzfilme, die in einem landesweiten Wettbewerb präsentiert und prämiert werden. Das Projekt soll bis Ende 2022 andauern.

Stille Helden und Stolpersteine

Diese Projekte sind die bekanntesten des Erich-Zeigner-Hauses in Leipzig. Schülerinnen und Schüler ab der 8. Klasse recherchieren ein Kalenderjahr lang Biografien von NS-Verfolgten oder von Menschen, die im Widerstand aktiv waren. Die Ehrenamtlichen des Vereins leiten in dieser Zeit die Jugendlichen an, in den Archiven die Biografie zu erforschen. Ziel sei es, so Lewkowitz, eine emotionale Bindung der Schüler und Schülerinnen zum Leben der Verfolgten oder Helden aufzubauen. Höhepunkt der Arbeit ist schließlich die Verlegung eines Stolpersteins oder die Einweihung einer öffentlichen Erinnerungstafel. Zivilcourage könnten die Schülerinnen und Schüler zudem lernen, indem sie Spenden für ihre Projekte einsammeln und diese dabei vertreten und vorstellen. - Insgesamt wurden schon 200 Stolpersteine in Sachsen verlegt.

Erich-Zeigner-Haus
Die Gedenktafel "Stille Helden" erinnert an Menschen, die Verfolgten in der Nazi-Diktatur geholfen haben. Bildrechte: Erich-Zeigner-Haus

Auch Erwachsen brauchen Nachhilfe

Ein Blick in soziale Netzwerke oder auch auf die Straße zeige, rechte Tendenzen in der Bevölkerung nähmen zu oder aber würden zumindest öffentlicher. Empfänglich dafür seien nicht nur Jugendliche, sondern auch Erwachsene. Umso wichtiger sei historisch-politische Bildung und die Bewahrung kritischer Erinnerung an die NS-Verbrechen, sagt Lewkowitz.

Erich Zeigner (1886 - 1949)
Zeigner war Jurist und Politiker. Er wurde 1933 wegen illegaler antifaschistischer Arbeit verhaftet, zwei Jahre später jedoch freigesprochen. Nach dem gescheiterten Attentat an Adolf Hitler 1944 wurde er zunächst ins KZ Sachsenhausen, später dann nach Buchenwald gebracht.
Ab Juli 1945 war er Oberbürgermeister in Leipzig.

Corona - Chance und Nachteil zugleich

Veranstaltung in Zusammenarbeit mit der Friedrich-Ebert-Stiftung.
Veranstaltung in Zusammenarbeit mit der Friedrich-Ebert-Stiftung. Bildrechte: Erich-Zeigner-Haus

Geschichtsaufarbeitung im Erich-Zeigner-Haus ist auch immer Arbeiten im historischen Umfeld. Das originale Tischzimmer von Erich Zeigner, in dem er selbst eine jüdische Familie rettete, wird normalerweise zum Studierstübchen für Schülerprojekte. Allein dieses Flair sei schon Motivation, sagt Henry Lewkowitz. Nun ist dieses Tischzimmer, wie auch das gesamte Erich-Zeigner-Haus seit Wochen geschlossen. Die Projekte werden auch hier in gemeinsamer Online-Arbeit weiterverfolgt, allerdings mit einem großen Verlust an Authentizität, beklagt Lewkowitz.
Auch Finanzmittel seien stark eingebrochen. Zahlreiche Veranstaltungen konnten nicht durchgeführt werden, es fehlt an Eintrittsgeldern und Spenden.

Aber es gebe auch Chancen. So habe der Verein sein erstes binationales Zeitzeugengespräch via Zoom geführt - mit einem Franzosen, der Auschwitz überlebt hatte. Auf diese Idee wäre der Erich-Zeigner-Verein ohne Corona wohl nie gekommen, räumt Lewkowitz ein.

Quelle: MDR/gg

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 25.01.2021 | ab 13 Uhr 30

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